Jerichow

OT:  Jerichow   -  93 Minuten -  Drama
Jerichow
Kinostart: 06.02.2009
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Jerichow

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Christian Petzold, seines Zeichens einer der wichtigsten Vertreter der so genannten Neuen Berliner Schule, hat mal wieder einen neuen Film gemacht. Für seinen Film Jerichow erhielt er auch prompt eine Einladung zum Filmfestival von Venedig, und natürlich ist der Stammgast der Viennale auch wieder beim heimischen Filmfestival zu sehen. Entgehen lassen sollte man sich Jerichow, egal ob im Festivalbetrieb, oder später regulär im Kino auf keinenfall. Denn Jerichow ist eine der stärksten Arbeiten des Regisseurs.

Thomas (Benno Fürmann) war Zeitsoldat in Afghanistan, wurde unehrenhaft entlassen und lebt seit Neustem im Haus seiner kürzlich verstorbenen Mutter. Im Nordosten Deutschlands, im einsamen Kaff Jerichow. Sein Plan ist es das alte Haus wieder auf Vordermann zu bringen, doch da er kein Geld hat, und ihm das Arbeitsamt nur einen schlecht bezahlten Job als Gurkenflieger besorgen kann, kommt er nicht wirklich voran. Doch alles soll sich ändern, als er den reichen Imbissbudenbesitzer Ali (Hilmi Sözer) kennenlernt, der ihm schließlich einen Job als Fahrer anbietet. Thomas macht seinen Job gut, freundet sich mit Ali an, und dann lernt er Alis wunderschöne Frau Laura (Nina Hoss) kennen, die ihm den Kopf verdreht. Es dauert nicht lange bis beide eine Affäre beginnen…

Eigentlich ist Jerichow eine recht konventionelle Dreiecksgeschichte, die für sich schon beinahe banal anmutet, aber Christian Petzold versteht es virtuos, nicht nur das Beste aus der Vorlage zu holen, sondern die Geschichte in eine ganz neue Dimension zu heben. Es ist die Art wie Petzold Orte zum Leben erweckt, wie er es schafft, dass einzelne Bilder die Gefühle des Films absorbieren und vor allem wie er es schafft den Zuseher zu überraschen und wie scharf seine Charaktere gezeichnet sind, das Jerichow zu etwas so aussergewöhnlichem macht.

Christian Petzold spielt kurz gesagt hervorragend mit der Erwartungshaltung des Zusehers. Den ganzen Film über meint man zu wissen was als nächstes Geschehen wird, aber Petzold zaubert immer wieder ein neues Kaninchen aus dem Hut, und schafft es den Zuseher zu verblüffen. Geschickt führt er uns auf die falsche Fährte um uns im nächsten Augenblick wieder völlig überraschend zu treffen. Natürlich fühlt sich die Geschichte deshalb stellenweise konstruiert an, aber sie ist so dermaßen fein konstruiert, dass man dies nicht als nennenswerten Kritikpunkt anbringen kann.

Optisch hält sich Jerichow vor allem an seine Ortschaften: Karg, unterkühlt, leer, aber irgendwie dennoch fesselnd. Dabei scheint es Petzold sehr zu faszinieren wie sich Orte und Personen untereinander beeinflussen. Im Nordosten Deutschlands gelegen ist Jerichow eine einsame Insel, mitten im Nirgendwo. Die Charaktere versuchen sich allesamt auszugrenzen, sich innerhalb dieser Insel weitere Inseln zu erschaffen, und je mehr Geld sie haben umso erfolgreicher sind sie in ihrem Vorhaben.

Somit ist Jerichow stellenweise vor allem ein Bild der Einsamkeit. Stellenweise wirkt die Umgebung völlig menschenleer, die Schauplätze sind nur mit dem Minimum an Nebendarstellern bevölkert, die unbedingt notwendig sind, ansonsten bekommen wir großteils nur die drei Hauptfiguren zu sehen. Somit wirkt Jerichow wie eine Gemälde der Leere, ein Ort den man kaum mit Leben füllen kann. Dabei passt die Umgebung vortrefflich zu den Charakteren die sie bevölkern, die alle mit Einsamkeit und Unglück zu kämpfen haben.

Genau wie in Yella rückt Petzold auch in Jerichow das Geld als eine zentrale Größe in den Film. Aber während es in Yella noch der abstrakte Risikokapitalmarkt war, rückt man in Jerichow das „handfestere“ Geld in den Mittelpunkt. Doch im Gegensatz zu früheren Filmen, verzichtet Petzold vollständig auf eine übersinnliche Ebene, sondern legt seinen Film relativ geradlinig und erzähltechnisch einfach an. Doch dies ist auch absolut notwendig um dem Film seine Wirkung nicht zu rauben.

Denn Spielereien jeglicher Art, haben in Jerichow nichts zu suchen. Genau wie die Ortschaft selbst, muss der Film straight und einfach gehalten sein. Doch trotz dieser eigentlichen Einfachheit, spürt man in jeder Sekunde, dass Jerichow größer ist, als das einfach Bild, das man vor sich sieht. Es ist die Magie, wie sie nur das Kino erzeugen kann, die Petzolds Film durchdringt. Und einen solch bemerkenswerten Sog wie Jerichow konnte bis dato kein anderer Film von ihm erreichen. Wirklich großes und fesselndes deutsches Autorenkino.

Fazit:
Jerichow ist auf den ersten Blick eine relativ konventionelle Dreiecksgeschichte, aber bei nähren Hinsehen, entpuppen sich die wahren Qualitäten von Petzolds Film. Einmal ganz davon abgesehen, dass es der Film vortrefflich schafft den Zuseher zu überraschen, ist es die unglaubliche atmosphärische Dichte, die den Film so großartig macht. Jerichow entwirft ein Bild von einer verlassenen Einöde, die trotz ihrer Leere mit ihrer Schönheit betören kann, und schafft es die Figuren großartig in dieses Szenario einzubetten. Insgesamt ein wirklich umwerfender Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Wertung:

8/10 Punkte

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