Stranger Than Paradise

OT:  Stranger Than Paradise  -  85 Minuten -  Drama 
Stranger Than Paradise
Kinostart: 25.07.1984
DVD-Start: 11.09.2014 - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Stranger Than Paradise

Von am
„Woher kommt das Fleisch?”
„Ich nehme an, von einer Kuh.”
„Von einer Kuh? Es sieht nicht
einmal aus wie Fleisch.”
„Red’ keinen Quatsch. So
essen wir halt in Amerika.
Ich habe mein Fleisch,
meine Kartoffeln, mein Gemüse
und meinen Nachtisch.
Und ich brauche nicht zu spülen.”

Kurze Shots. Momentaufnahmen. Aber in diesen, oft wie Standbilder erscheinenden, wie Fotos wirkenden kurzen Shots, aus denen der Großteil des Films besteht, steckt mehr über Amerika und seine lost souls, die letztendlich bei Jarmusch gar nicht so verloren sind, wie sie zunächst erscheinen, als in vielen anderen Bildern und Filmen, die über das Land gemacht wurden. Wie in fast allen seiner Filme lotet Jarmusch auf seine eigene Art Räume aus. Im Mittelpunkt dieser Räume stehen nicht nur seine Protagonisten, sondern auch deren „Raumempfinden” – enge, äußerst begrenzte Räume. New York, wo eine Ungarin eines Tages ankommt, besteht fast ausschließlich aus der Wohnung, in der ihr Cousin lebt, haust, dazu kommen lediglich ein paar dieser Momentaufnahmen im Außen, eine Mülltonne an der Straßenecke und wenige Blicke aus einem fahrenden Auto, das Jarmusch fast ausschließlich von innen, aus der Sicht der Fahrenden zeigt.

Eva Molnar (Eszter Balint) kommt aus Budapest und soll vorübergehend bei ihrem Cousin Bela, der sich jetzt Willie (John Lurie) nennt, unterkommen. Willie ist überhaupt nicht begeistert davon, dass ihm eine Verwandte in seinen gewohnten Alltag hinein gepflanzt wird. Willie will Amerikaner sein und von seiner ungarischen Herkunft nichts wissen und an sie auch nicht erinnert werden. Willie trägt fast ständig einen Hut und Hosen mit breiten Hosenträgern und verbringt seine Zeit – wenn er nicht gerade in seiner herunter gekommenen Wohnung schläft – mit Wetten bei Pferderennen. Eva kommt an, und Willie macht ihr von Anfang an deutlich, dass er sie nur kurze Zeit dulden wird.

„So essen wir halt in Amerika.” Basta. Doch Eva ist kein Mauerblümchen, keine, die sich sagen lässt, was sie zu tun respektive zu lassen hat. Baseball sei ein doofes Spiel. Das Kleid, das Willie ihr eines Tages mitbringt, findet sie hässlich, und das Fertigessen, das er regelmäßig zu sich nimmt, zum Kotzen.

Und doch, je länger Eva sich bei Willie aufhält, desto mehr empfindet Willie sie als sympathisch, mehr als eine Abwechslung in seinem eingeschliffenen Leben. Für Eva hingegen erweist sich DIE NEUE WELT – so der Titel des ersten Teils des Films – als grotesk langweilig und trist. Als sie sich entscheidet, dieses New York zu verlassen, um in Cleveland bei ihrer Tante Lotte (Cecillia Stark) vielleicht das erträumte Amerika zu finden, sieht man Willie deutlich an, dass er sie eigentlich nicht gehen lassen will – obwohl sie ständig dieses „I Put a Spell on You“ von Screamin’ Jay Hawkins hört, das er nicht mag.

„I put a spell on you
Because you’re mine
Ah, you’d better stop the things that you do
I ain’t lying, no I ain’t lying.“
(1)

Jarmuschs Figuren wirken wie Außerirdische, die sich auf einem fremden Planeten zurechtfinden wollen. Aber während ein Alien wahrscheinlich nach einiger Zeit die Flucht ergreifen oder den blauen Planeten und seine Einwohner unterjochen würde, reagieren Jarmuschs Protagonisten anders: Willie zwingt sich zur Anpassung, er ordnet sich ein, unter, und doch ist bei ihm immer dieses Gefühl des Unwohlseins zu spüren, das dann durch Eva an die Oberfläche getragen wird. Eva hingegen, die Budapest vielleicht auch verlassen hat, weil die Mitglieder ihrer Familie, wie sie später einmal über Tante Lotte sagt, stur seien, sie einengen würden, ist eine jener jungen Menschen, die nicht lange an Orten bleiben, die kalt, unwirtlich, trist sind. Sie hinterfragt alles, und das regt Willie zunächst auf, bevor er sich von dieser Mentalität angesprochen fühlt.

Und dann treffen wir noch auf Eddie (Richard Edson), Willies Freund, auch ein Angepasster, aber in den Staaten geboren, einer, der Willie folgt – auch nach Cleveland. EIN JAHR SPÄTER (so der Titel des zweiten Teils) zeigt Willie und Eddie, als sie beim Schummeln während des Pokerspiels mit anderen erwischt werden. Ein äußerer Anlass für Willie, sich ein Auto zu besorgen, um mit Eddie Eva zu besuchen. Jarmusch zeigt die Fahrt aus der Binnenperspektive der beiden im Auto. Nur ab und an hält die Kamera Tom DiCillos auf die schneebedeckte Tristesse der Außenwelt.

Und Cleveland ist nicht freundlicher als New York, wie Eddie irgendwann feststellen muss. Eva arbeitet in irgendeiner dieser Snackbars, ist flüchtig befreundet, eher nur bekannt, mit Billy (Danny Rosen), der gerne mit ihr zusammen wäre. Doch für Eva scheint Billy nicht mehr als eine kleine Abwechslung in der Ödnis der Großstadt. Und in Tante Lotte hat Eva nur einmal mehr die Sturheit ihrer Familienmitglieder gefunden, eine durchaus nette alte Frau, die allerdings auf Eva aufpasst wie ein Wachhund.

„I just can’t stand it baby
The way you’re always running ’round
I just can’t stand it
The way you always put me down
Yeah, I put a spell on you
Because you’re mine
You’re mine, you’re mine, you’re mine.“
(1)

Unsere „Aliens” loten die Räume aus, in die sie sich begeben; und immer wieder stoßen sie auf ihre Grenzen, oder besser: auf die Unendlichkeit dieser eingefahrenen Räume. Sie könnten weiter fahren – nach Boston oder Chicago, selbst am Erie-See, zu denen Eva Willie und Eddie führt, sehen sie nur Nebel, endlose Weiße, die Traurigkeit einer industriell überformten Landschaft, Leere. Sie kennen das alles und nichts anderes. Und es bleibt ihnen ein letzter Traum, nur ein Traum, nichts anderes: das PARADIES (dritter Teil des Films) Florida. Unter den Schimpfkanonaden von Tante Lotte verlassen die drei mit den letzten 550 Dollar Cleveland in Richtung „gelobtes Land” – in Erwartung von Wärme, Neuem, Glück, was weiß ich.

Drei Sonnenbrillen, die Willie an einer Tankstelle kauft, sollen sie wie Touristen aussehen lassen – eine innerliche Einschränkung sozusagen, ein tief sitzender Zweifel an der Qualität Floridas als Paradies, eine Entscheidung, die neue Situation zu erkunden, ohne sich festlegen zu wollen. In einem Motel nisten sie sich ein, eingerichtet wie alle Motels, die sie schon kennen, nothing new. Und ebenfalls nichts Neues ist die Entscheidung, am nächsten Morgen beim Hunderennen ihr Glück zu versuchen. Willie und Eddie lassen Eva im Motel zurück und verlieren bis auf 50 Dollar ihr gesamtes Geld.

„I put a spell on you
Because you’re mine
You’d better stop the things that you do
Lord knows, I ain’t lying
No, no, no, I ain’t lying.”
(1)

Und jetzt baut Jarmusch in seinen Film etwas ein, was eigentlich nicht zu erwarten war: den glücklichen Zufall, das Heilsversprechen, das Gelobte im gelobten Land: Zum einen gewinnen Eddie und Willie beim Pferderennen mit ihren letzten 50 Dollar als Einsatz. Zum anderen trifft die auf die beiden zornige Eva bei einem Spaziergang auf einen Freak (Rammellzee), der sie, weil sie einen Hut trägt, mit irgendeiner Geldbotin verwechselt und ihr einige Bündel Dollars überreicht. Eva sieht die Chance, das triste Amerika zu verlassen, legt ein Bündel des Geldes mit einem Brief an Willie in das Motelzimmer und begibt sich zum Flughafen, wo nur ein Flug nach Budapest noch frei ist. Willie und Eddie, die sich über das Geld wundern, fahren ihr hinterher, um sie zurückzuhalten. Willie löst ein Ticket, um Eva noch zurückzuholen. Und während Eddie, beim Auto wartend, glaubt, beide seien im Flieger nach Ungarn, kehrt Eva in das Motel zurück.

Ist Willie im Flieger und auf dem Weg nach Budapest oder zurückgekehrt? Eddie fährt zurück – nach New York oder in das Motel? Eva sitzt mit Hut allein im Motelzimmer. What will happen now – mag man fragen.
Aber das ist nicht so entscheidend.

„I just can’t stand it
The way you always put me down
I just can’t stand it
The way you’re always running ’round
I put a spell on you, ha ha
Because you’re mine
You’re mine, you’re mine.“
(1)

Es ist fast schon selbstredend, dass Jarmusch diese Geschichte mehr als eine Komödie eigener Art inszeniert hat denn als Drama. So gut wie in jeder Szene kommt die unterschwellige Ironie zum Tragen, zum Teil auch in den Dialogen, etwa wenn Eva die verdreckte Wohnung Willies mit dem Staubsauger auf Vordermann bringen will und Willie kommentiert: „‘Ich will den Boden staubsaugen’ klingt viel zu steif.” „Was sagst du dann?” „Ich würge einen Kaiman.” „Ok, ich würge jetzt einen Kaiman.”

Dieser ironische Unterton macht Jarmuschs Figuren jedoch nicht etwa lächerlich, sondern lässt sie umso sympathischer wirken. Vor allem aber: Eddie, Willie und Eva wachsen im Laufe der Handlung zusammen. Das ist mehr, als man es mit dem Wort Freundschaft bezeichnen könnte. Es ist auch mehr als ein Zusammenwachsen in Not oder eine Annäherung wegen Geistesverwandtschaft. Es ist, so könnte man fast sagen, eine Art Erfindung, eine freiwillige Zusammenkunft auf Dauer, die Initialisierung eines neuen Raums, der sich in den eingefahrenen Räumen Amerikas positioniert. Gewiss, alle drei werden Fremde bleiben, bis zu einem gewissen Grad, Fremde im eben nicht eigenen Land, aber sie konstruieren einen eigenen Raum mit drei Ecken oder Enden, eben ihnen selbst, egal wohin Eva nun vom Motel aus geht, ob Willie in Budapest landet oder Eddie in New York. Sie sind jetzt auf Dauer miteinander verbunden.

Es ist diese Konstruktion neuer Räume abseits der eingefahrenen, fremden, aufgezwungenen Räume der Moderne, die Jarmuschs Filme charakterisiert. Dabei stehen diese Räume nicht außerhalb der eingefahrenen Räume; sie nisten sich in sie ein, wie das Eigene in das Fremde, und dieses Eigene verändert das Fremde – wenn auch vielleicht nur ein bisschen. Ob sie bestehen bleiben oder vernichtet werden, bleibt offen. Wo ist schon Sicherheit?

© Bilder: Kinowelt und Arthaus
Screenshots von der DVD

(1) „I Put a Spell on You” von Screamin’ Jay Hawkins.


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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