Wege zum Ruhm

OT:  Path of Glory  -  87 Minuten -  Kriegsdrama 
Wege zum Ruhm
Kinostart: 25.10.1957
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Wege zum Ruhm

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Lang ist’s her, dass – abseits der Kriegsfilme, die in den letzten beiden Jahren in den USA gedreht wurden – ein Regisseur die skrupellosen Mechanismen des Krieges und der militärischen Strukturen so vorbehaltlos und rücksichtslos offen legte wie Stanley Kubrick in „Paths of Glory“. An einer Stelle des Films sagt Colonel Dax (Kirk Douglas) zu General Mireau (George Macready): „Patriotismus, das ist die letzte Zuflucht eines Schurken.“ Mireau hatte ihm gerade nüchtern vorgerechnet, unter welchen Verlusten die „Höhe 19“, die die deutschen Truppen halten, zu nehmen sei: „Natürlich, es werden Männer getötet werden, vielleicht eine Menge von ihnen. Sie absorbieren Gewehrkugeln und Schrapnells und indem sie dies tun, machen Sie es also möglich, dass andere durchkommen ... Sagen wir: fünf Prozent werden durch unsere eigenen Leute getötet – das ist eine sehr großzügige Annahme. Zehn weitere Prozent im Niemandsland und nochmals zwanzig Prozent bleiben im Draht hängen. Dann bleiben 65 Prozent und der schlimmste Teil der Arbeit ist getan. Sagen wir, weitere 25 Prozent bei Erstürmung des Hügels – wir hätten dann noch so viel Kraft, die mehr als ausreicht, um ihn zu halten.“

Erster Weltkrieg 1916. Am sog. „Westwall“ – zwischen dem Kanal und der französisch-schweizerischen Grenze – stehen sich seit Monaten die französischen und deutschen Truppen gegenüber. An einem der vielen umkämpften Plätze erscheint der sich kultiviert gebende, aber nichtsdestotrotz skrupellose General Broulard (Adolphe Menjou), um sich mit General Mireau zu treffen. Das französische Oberkommando, dem Broulard angehört, hat beschlossen, an der Front durchzubrechen, und zwar in einem Gebiet, das der Feind schon lange standhaft verteidigt: die sog. „Höhe 19“. Das Oberkommando will Erfolge sehen, auch hinsichtlich der öffentlichen Meinung. Mireau äußert zunächst seine Zweifel, da die Höhe jedenfalls derzeit als uneinnehmbar gilt. Als Broulard ihm freundlich, aber unmissverständlich verdeutlicht, dass es an diesem Befehl des Oberkommandos nichts zu rütteln gebe und Mireau immerhin eine Beförderung ins Haus stehe, falls – woran er nicht zweifle – die Operation gelinge, macht sich Mireau an die Arbeit – nicht ohne zu heucheln, das Leben „seiner“ Männer sei ihm schon immer das wichtigste gewesen.

Mireau gibt den Befehl an Colonel Dax weiter, der bezüglich der Operation deutliche Zweifel äußert. Doch Befehl ist auch für ihn Befehl: Er schickt in der Nacht drei Soldaten – Leutnant Roget (Wayne Morris), Corporal Paris (Ralph Meeker) und den Gefreiten Lejeune (Ken Dibbs) – ins Niemandsland, um die Situation vor Ort zu erkunden. Als Lejeune sich weiter vor wagt und lange Zeit nichts mehr von ihm zu sehen oder zu hören ist, bekommt es Roget mit der Angst: Er wirft eine Handgranate Richtung deutsche Schützengräben und kehrt zum eigenen Stützpunkt zurück. Paris findet Lejeune tot in einem Loch, getroffen von Rogets Handgranate. Er stellt Roget zur Rede, doch der fragt ihn: Wem würden die Generäle mehr glauben, einem Offizier oder einem Gefreiten, der behauptet, der Offizier habe einen Mord begangen. Paris zieht sich verbittert zurück.

In der Nacht unterhalten sich die Soldaten darüber, ob sie lieber durch eine Granate oder ein Maschinengewehr getötet werden möchten, wenn sie schon sterben sollen. Am Morgen inspiziert Dax die Soldaten im Schützengraben. Das Wetter macht zusätzliche Sorgen: Kein Nebel, kein Regen, sondern heller Sonnenschein. Unter Beobachtung Mireaus und dem Sperrfeuer der Deutschen treibt Dax seine Leute Richtung Höhe 19. Das, was abzusehen war, geschieht. Die Verluste sind groß, die Soldaten kommen kaum voran.

Mireau ist wütend. Er sieht seine Beförderung in Gefahr und gibt den Befehl aus, auf die eigenen Reihen zu schießen, um die Soldaten im Niemandsland voranzutreiben. Der zuständige Leutnant weigert sich; das würde er nur tun, wenn er von Mireau einen schriftlichen Befehl erhalte, wie es die Vorschrift vorsehe. Mireau wird immer wütender. Er lässt den Leutnant festnehmen und droht der gesamten Kompanie mit dem Kriegsgericht.

Der Angriff auf die Höhe 19 ist gescheitert. Mireau aber will ein Exempel statuieren: Er fordert von Broulard, 100 dieser „Feiglinge“ aus Dax Truppe sollten vors Kriegsgericht. Broulard reduziert die Zahl auf drei. Dax gibt den Befehl weiter. Roget benennt Corporal Paris. Wenn der erst einmal tot ist, ist Roget den einzigen Zeugen los, der von seinem Handgranatenwurf weiß. Hinzu kommen die Gefreiten Arnaud (Joe Turkel) per Los und Ferol (Timothy Carey), der bestimmt wurde, weil er dumm, ungehobelt und „sozial unerwünscht“ sei. Dax, der von Beruf Strafverteidiger ist, setzt durch, dass er die drei Soldaten verteidigen darf.

Doch Verteidigung – das zeigt sich schnell – ist vor diesem Kriegsgericht eine Farce. Die drei Soldaten werden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Dax, der von dem von Roget begangenen Mord weiß, bestimmt diesen zum Leiter des Exekutionskommandos. Als Dax dann erfährt, dass Mireau den Befehl ausgegeben hatte, auf die eigenen Leute zu schießen, lässt er sich dies in Erklärungen von mehreren Soldaten eidesstattlich versichern und kontaktiert General Broulard. Dax hofft, Broulard würde – so unter Druck gesetzt – die Exekution doch noch verhindern. Er irrt sich ...

Kubricks erster von drei Anti-Kriegs-Filmen (es folgten „Dr. Seltsam, oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“, 1964; „Full Metall Jacket“, 1987) ist – auch aus heutiger Sicht – so schonungslos wie seine beiden anderen Filme. Kubrick wählte nicht etwa die deutsche Wehrmacht, die Kriegstreiber des ersten Weltkrieges, sondern eine der Armeen auf alliierter Seite, um den Krieg und den Charakter des Militärs bloßzustellen. Die Marseillaise leitet den Film ein, aber was ist von der Revolution geblieben? „Paths of Glory“ ist vordergründig, in Charakteren und Handlung, ein schlicht gestrickter Film. Erst bei näherem Hinsehen erweist sich eine Komplexität der Figuren und Handlungsstränge, wie sie danach selten in anderen Filmen zu sehen war.

Es gibt keine Helden in „Paths of Glory“ – nur Opfer und Täter. Die drei Hingerichteten büßen für die Karrieresucht eines Generals, der sich hinter der militaristischen Tradition und patriotischen Floskeln versteckt, um seine egoistischen, über Leichen gehenden Ambitionen zu verwirklichen (Mireau). General Broulard hingegen ist der gewiefte und skrupellose Taktiker, der für das System steht, das System des Militärs, und die öffentliche Meinung im Auge hat. Er opfert sogar Mireau, ohne mit der Wimper zu zucken, um eine in jeder Hinsicht unmenschliche Struktur aufrechtzuerhalten. Als Dax ihn gegen Ende als degenerierten, sadistischen alten Mann dahin abqualifiziert, wo er wirklich hingehört, antwortet Broulard in aller Ruhe:

„Oberst Dax, Sie sind eine Enttäuschung für mich. Sie haben sich der Schärfe Ihres Verstandes beraubt durch ihre Sentimentalitäten. Sie wollten wirklich jene Männer retten, und Sie wollten nicht das Kommando Mireaus? Sie sind ein Idealist – und ich bedaure Sie wie der Dorfidiot. Wir führen einen Krieg, Dax, einen Krieg, den wir zu gewinnen haben. Jene Männer kämpften nicht, deshalb wurden sie erschossen. Sie kommen zu mir mit Anschuldigungen gegen General Mireau, also bestehe ich darauf, dass er sie beantwortet. Inwiefern also habe ich etwas falsch gemacht?“

Broulard weiß es wirklich nicht. Er ist Personifikation einer politisch-militärisch-ökonomischen Struktur, in der Gefühle, Mitgefühl und Sentimentalität Fremdwörter sind. Wenn an dieser Struktur Zweifel aufkommen, kennt man nur eine Antwort: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Mireau ist Täter und Opfer dieses Systems zugleich, Broulard ist sein optimaler und optimierter Repräsentant. Und Dax? Kubrick stellt Dax nicht als Helden dar. Dax führt die Befehle aus, er leistet einem – auch vom militärischen Standpunkt her gesehen – irrsinnigen Befehl – wenn auch unter Protest – folge und schickt seine Gefreiten in den sicheren Tod. Erst als drei von ihnen, die überlebt haben, zum Dank und für die Legitimation des Systems zum Tode verurteilt werden sollen, lotet er aus, inwieweit er die Regeln durchbrechen kann. Zwecklos. Seine Schlussworte, die kein Plädoyer, sondern Ausdruck der Verzweiflung sind, verhallen vor Gericht und Ankläger:

„Es gibt Zeiten, in denen ich mich schäme, ein Mitglied der menschlichen Rasse zu sein, und das ist jetzt ein solcher Moment. Ich protestiere dagegen, dass ich daran gehindert werde, Beweise vorzubringen, die für die Verteidigung lebensnotwendig sind. Die Anklage benannte keine Zeugen, es hat nie eine schriftliche Anklage gegeben mit den Punkten, die man den Angeklagten vorwirft, und schließlich protestiere ich dagegen, dass über diese Verhandlung keine stenographischen Aufzeichnungen gefertigt wurden.

Der Angriff gestern früh hat die Ehre Frankreichs nicht beschmutzt, aber dieses Standgericht ist eine solche Beschmutzung. Hohes Gericht, diese Männer für schuldig zu erklären, wäre ein Verbrechen, das sie alle bis zu dem Tag, an dem Sie sterben werden, verfolgen wird. Ich kann nicht glauben, dass der vortrefflichste Antrieb im Menschen, sein Mitleid für andere, in diesem Raum vollständig tot sein soll. Folglich bitte Ich Sie in aller Ergebenheit, diesen Männer Gnade zukommen zu lassen.“

Das militaristische System, das Kubrick demontiert, hat nur einen Zweck: seine eigene Aufrechterhaltung. Wenn dafür ein Sieg notwendig ist, muss gesiegt werden. Wenn dafür die Opferung eines Generals erforderlich ist, muss der General geopfert werden. Und so weiter. Diejenigen, die sich in diesem System befinden, sind ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Keiner der Soldaten, weder des Erschießungskommandos, noch Dax, letztendlich nicht einmal Roget, der Feigling, dessen Feigheit das System selbst initiierte, wollen, dass die drei Soldaten exekutiert werden. Aber sie tun, was ihnen befohlen wurde. Das enthüllt nicht nur die Brüchigkeit und Absurdität dessen, was „Kameradschaft“ genannt wird, sondern die ganze Verlogenheit dieser „Kameradschaft“, die zu nichts anderem dient als zur Aufrechterhaltung des Systems von Befehl und Gehorsam. Die Selbstschutzmechanismen, die die „Kameradschaft“ beinhaltet, haben ihre Grenzen genau in diesem Punkt.

Kubrick eigen ist der Schluss des Films. Als eine junge deutsche Frau (Christiane Harlan, die spätere dritte Frau Kubricks) auf der Bühne vor den Soldaten das Lied „Der treue Husar“ singt, laufen den anwesenden Soldaten die Tränen ins Gesicht. Die Erinnerung an Zuhause. an ihre Jugend, an ihre Familie, an ein menschliches, ein anderes Leben werden wach. Stärker kann man in dieser Schlusssequenz die Diskrepanz zum vorherigen kaum darstellen.

„Wege zum Ruhm“ setzt auch heute noch einen deutlichen Kontrapunkt zu all den US-Kriegsfilmen, die in den letzten beiden Jahren die Kinos überschwemmt haben. Während Kubrick das militaristische System und die militärische Logik schonungslos demontiert, geben sich „Pearl Harbor“, „Wir waren Soldaten“ usw. dem Feiern dieser Logik hin und produzieren Mitleid nicht mit den Menschen, die diesem System unterworfen sind, sondern mit der Macht, die es produziert. Die Deckmäntelchen des „Anti-Kriegs-Films“, die sich diese Filme teilweise umhängen, sind löchrig, besonders dann, wenn man einen Film wie „Wege zum Ruhm“ erneut gesehen hat.


Wertung:

10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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