Begegnungen am Ende der Welt (2007)

OT: Encounters at the End of the World - 99 Minuten - Dokumentation
Begegnungen am Ende der Welt (2007)
Kinostart: Unbekannt
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Filmkritik zu Begegnungen am Ende der Welt

Von am

Werner Herzog ist mit Sicherheit auch heute noch einer der interessantesten deutschen, wenn nicht gar europäischen Regisseure. Den meisten ist der äußerst begabte und visionäre Filmemacher leider nur durch seine Arbeiten mit Klaus Kinski bekannt. Dabei fasst das Oeuvre Herzogs auch abseits dieser, zugegeben ebenfalls meisterhaften, Filme so viel Bemerkenswertes. Das Gewöhnliche hat ihn nie interessiert, es sind die Exzentriker und die schrägen Charakterköpfe die es ihm angetan haben. Bei seiner Dokumentation Encounters at the End of the World ist er nun scheinbar auf ein Sammelbecken dieser herzogschen Figuren gestoßen.

Die National Science Foundation hat Herzog eingeladen um eine Zeit lang in der McMurdo-Forschungsstation auf Ross Island in der Antarktis zu leben, und einen Film zu drehen. Herzog nahm unter einer Bedingung an: Er wollte nicht noch einen weiteren Film über Pinguine drehen müssen. Doch jeder, der Herzog kennt, sollte wissen, dass dies ohnehin das letzte ist, was man von diesem Filmemacher erwarten könnte. Stattdessen sind es die vielen Charaktere, die im ewigen Eis am Ende der Welt leben, für die er sich begeistert. Und Encounters at the End of the World ist in erster Linie eine Ansammlung ihrer Geschichten, eingebettet in eine poetische Vision von Werner Herzog…

Im letzten Abschnitt seiner Karriere hat sich Werner Herzog vorwiegend auf Dokumentationen beschränkt. Gut, seine Filme balancierten immer hart an der Grenze zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, also seine Spielfilme waren sehr dokumentarisch angehaucht und seine Dokumentationen hatten Spielfilmcharakter, aber in den letzten Jahren nahmen die Dokus klar die Überhand. Werner Herzog schafft es dabei wie kein anderer faszinierende und ungewöhnliche Themen aufzugreifen und dabei etwas Einzigartiges zu kreieren. Vielleicht hat er aber auch eingesehen, dass er gar keine Figuren mehr erfinden muss, sondern dass er sie nur noch in der Welt finden muss.

Die Antarktis scheint nun der ideale Spielplatz für Herzog zu sein. Wie es die ortsansässigen selbst beschreiben, fallen alle die sich nicht anschnallen irgendwann auf den Grund der Erde und sammeln sich dort. Und die hoch interessanten Charaktere auf die man dort trifft könnten auch aus der Feder Hezogs entstammen, so eigenwillig und schrullig wie sie sind. Und man kann Werner Herzog, der den Film wie man es von ihn kennt mit seinem herrlichen Off-Kommentar begleitet, deutlich anmerken, dass es ihm eine reine Freude ist diesen Kontinent zu erforschen.

Die raue Schönheit der Natur liegt dabei allerdings nicht im Fokus. Das Kernthema des Films sind die persönlichen Lebensgeschichten der ansässigen Menschen und ihre Eigenheiten, wie z.B. den ehemaligen Banker, der entdeckte, dass sich die Welt nicht nur um Geld dreht, und jetzt als Busfahrer arbeitet, oder den Biologen, der ein passionierter Fan von trashigen Science-Fiction Filmen ist, diese auch stets dem Team vorführt, und schon einmal ein Konzert auf dem Dach seines Containers gibt, um eine Entdeckung zu feiern.

Encounters at the End of the World ist voll gestopft mit kleinen und großen Entdeckungen, die der Zuseher erforschen kann. Denn Werner Herzog selbst ist im Film auch nichts anderes als ein scharfsinniger Entdecker, der diesen ungewöhnlichen Ort untersucht, und dabei seine Beobachtungen anstellt. Doch obwohl es primär um die Menschen geht, ist es natürlich unmöglich die Antarktis zu bereisen und nicht auch die wunderbare Natur einzufangen. Dass Herzog dabei nicht interessiert ist die Postkarten-Antarktis einzufangen, wird bereits klar, wenn er in McMurdo ankommt, und sich von der schmutzigen Containersiedlung sichtlich schockiert zeigt.

Doch besonders imposant, sind die unglaublichen Unterwasseraufnahmen, die unter dem ewigen Eis entstanden sind, und die Herzog ja bereits in seinem experimentellen The Wild Blue Yonder verwendet hat. Treffenderweise hat er sie dort als fremden Planeten dargestellt, denn genau so wirken die Bilder auch. Henry Kaiser, der den Film produzierte und dessen wüsten Bilder Herzog überhaupt erst in die Antarktis lockten, zeigt sich für die musikalische Untermalung dieser Bilder verantwortlich und verstärkt dabei den surrealen Eindruck dieser Sequenzen noch zusätzlich. Denn er unterlegt die fremdartige Unterwasserwelt und die schaurigen Kreaturen die dort leben mit Unterwassergeräuschen und einem unglaublich starken Score, die den Film förmlich aus der Leinwand brechen lassen und den Zuseher völlig einhüllen.

Ein Ereignis für sich sind dabei schon die Vorbereitungen der Taucher, bevor sie in die Welt unter dem Eis eintauchen. Sie haben ihre eigenen Riten, doch interessanterweise sprechen sie während den Vorbereitungen kein einziges Wort. Herzog vergleicht sie mit Priester, bevor sie in die Kathedrale gehen, und tatsächlich erinnert die schräge Unterwasserwelt an eine wirre Kathedrale. Dabei verzichten die Taucher auf ein Seil, dass sie zur Öffnung im Eis zurücklotsen könnte, damit sie mehr Bewegungsfreiheit haben, und da sie sich am Südpol auf keinen Kompass verlassen können, sind sie alleine auf ihren Orientierungssinn angewiesen.

Besonders denkwürdig ist auch eine andere Szene, in der sich Werner Herzog doch für die Pinguine interessiert, obwohl er ausdrücklich darauf bestand keinen weiteren Pinguinfilm zu drehen: Er sucht den Kontakt mit dem zurückgezogenen Pinguinverhaltensforscher David Ainley, der es nicht mehr gewohnt ist mit Menschen zu sprechen, und befragt diesen zu den Eigenheiten der Pinguine. Nachdem auch sexuelle Vorlieben zum Gespräch werden, interessiert sich Herzog plötzlich dafür ob auch Pinguine wahnsinnig werden können. Das faszinierende daran ist, dass Herzog später tatsächlich einen solchen wahnsinnigen Pinguin vor die Kamera bekommt. Der Pinguin weigert sich nämlich bei der Kolonie zu bleiben, geht aber auch nicht den Weg der Masse in Richtung Wasser auf Futtersuche. Stattdessen beschließt er ohne erkennbaren Grund, unaufhaltsam in Richtung Landeinwärts zu ziehen, wo nur der sichere Tod auf ihn wartet. Diese Szene wird dem Zuseher sicher lange in Erinnerung bleiben, und interessant ist auch, dass Werner Herzog in einem Pinguin mitten in der Antarktis, quasi den Prototypen einer herzogschen Figur gefunden hat, die sich gegen die Masse auflehnt, und dabei zum Scheitern verurteilt ist.

Die Zusammenwirkung aus den imposanten Naturaufnahmen, und den zahlreichen faszinierenden Menschen, erzeugt ein höchst akkurates Bild, in das sich der geneigte Zuseher gerne verlieren wird. Werner Herzog beweist viel Gespür für die Menschen und die Landschaft und entführt den Zuseher in eine andere Welt. Ob ein Mainstreampublikum allerdings seine Freude am Film hat ist wieder eine andere Geschichte, denn Herzogs entwirft sein Bild mit Subtilität und Intelligenz, und nicht unbedingt so, wie es ein Publikum von einer Antarktisdoku erwartet. Denn Herzog liebt die Extreme, und sein Film beweist ein unglaubliches Gespür für die Geschichten der örtlichen Menschen.

Fazit:
Encounters at the End of the World zeigt Werner Herzog in Bestform. Vielleicht ist der Film nicht ganz so mitreissend wie Grizzly Man, aber nichtsdestotrotz hält er die hohe Qualität der jüngsten Herzog Dokus und zeichnet ein faszinierendes und eindringliches Bild der Antarktis. Wer die Gelegenheit hat den Film zu sehen, sollte keine Sekunde überlegen und sofort ins Kino pilgern.

Wertung:

9/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 9.2/10 | Kritiken: 2 | Wertungen: 9
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