Der Mann ohne Gedächtnis

OT:  L’uomo senza memoria  -  88 Minuten -  Thriller 
Der Mann ohne Gedächtnis
Kinostart: 19.06.1975
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Der Mann ohne Gedächtnis

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Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man sein Gedächtnis verloren hat, und alle Welt behauptet, man wäre ein fieser Kleinkrimineller gewesen, der seinen Auftraggebern noch eine Million Dollar schuldet? Ted (Luc Merenda) muss dieses Gefühl selbst hautnah miterleben. Einige Monate nach seinem schweren Unfall tauchen plötzlich zwielichtige Gestalten auf, die behaupten, er habe seine Schulden nicht zurückbezahlt. Ein Informant, der Ted über seine Vergangenheit aufklären will, wird erschossen, stattdessen erhält Ted ein Telegramm seiner schönen Frau Sara (Senta Berger), die mit einem ehemaligen Geschäftspartner und Freund (Umberto Orsini) in Portofino weilt. Liegt vielleicht dort der Schlüssel in Teds Vergangenheit? Oder ist alles nur ein Trick?

Holla die Waldfee – am Schluss hat es DER MANN OHNE GEDÄCHTNIS richtig in sich. Da wirft die sonst so brave Senta Berger die Kettensäge an und macht Kleinholz – und das nicht nur aus Möbelstücken! Frau Berger war Anfang der 70er besonders häufig in italienischen Genreproduktionen zu sehen – man erinnere sich nur an den allein aufgrund seines Titels zum Kult gewordenen ALS DIE FRAUEN NOCH SCHWÄNZE HATTEN – eine herrlich bekloppte Steinzeitfilmparodie. Ihr zur Seite steht in diesem Film kein geringerer als Luc Merenda – der sich vor einigen Jahren aus dem Filmbusiness zurückgezogen hat, jetzt erfolgreicher Antiquitätenhändler ist und zuletzt in einem Kurzauftritt als italienischer Polizist in HOSTEL 2 Eli Roth die Ehre erwies. Polizist war wohl seine Paraderolle, denn in unzähligen so genannten Poliziescos sorgte er Mitte der 70er Jahre für law and order in Italiens Großstädten. Neben dem schnauzbärtigen Maurizio Merli war Merenda wohl DER berühmteste Bulle dieser Zeit: DIE GANGSTER-AKADEMIE (1977), HETZJAGD OHNE GNADE (1975) oder A MAN CALLED MAGNUM (1977) seien an dieser Stelle nur exemplarisch genannt. Der blonde Sunnyboy gehörte – im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen – zu den großen Stylern im italienischen Filmbusiness, man könnte fast sagen, dass da der Franzose durchscheint.

Auch die Nebenrollen sind hochkarätigst besetzt: Umberto Orsini, ein noch heute viel beschäftigter Akteur, gibt den zwielichtigen Daniel mit der nötigen Doppelbödigkeit und die wie immer blendende Anita Strindberg (DER SCHWANZ DES SKORPIONS) ist leider nur zu kurz zu sehen. Die Musik stammt ausnahmsweise nicht von Ennio Morricone sondern vom etwas unbekannteren aber dennoch nicht zu verachtenden Feder Gianni Ferrios, der wenig später die Filmmusiken zu zahlreichen Sexklamotten a la FLOTTE TEENS schrieb.

Zwar wird DER MANN OHNE GEDÄCHTNIS – von Koch Media neu auf DVD erschienen, aber dazu unten mehr – als „Giallo-Granate“ bezeichnet, für meinen Geschmack fehlen aber die „typischen“ Giallo Elemente doch etwas zu sehr. Stattdessen erinnert die Geschichte vom möglicherweise unschuldigen Mann, der von Schatten seiner Vergangenheit eingeholt wird, eher an Hitchcock oder Chabrol. Möglicherweise mit ein Grund dafür, dass sich besonders in der Filmmitte doch ein paar kleinere Längen auftun, in denen einfach zu wenig passiert.
Für das Drehbuch zeichnet sich immerhin der Genrespezialist Ernesto Gastaldi verantwortlich, der schon MEIN NAME IST NOBODY und zahlreiche weitere Bücher für die Dania-Film schrieb.

Auch Regisseur Duccio Tessari ist – und da muss man Christian Kessler in seinem Booklettext wirklich Recht geben – eine der „unbesungenen Lichtgestalten des italienischen Kinos“. Der 1994 verstorbene Regisseur versteht es meisterlich, den Film in Szene zu setzen. Jede Einstellung platzt vor Detailreichtum, Suspense schleicht sich meist auf leisen Sohlen durch den Film und schwillt erst zum Höhepunkt hin an – Tessari, ein weiterer talentierter Visionär, der sein Handwerk bei den besten gelernt hat. Das sind in seinem Fall Sergio Leone und Sergio Corbucci. Tessari hatte bereits einige Filme gedreht, bevor er am Drehbuch von FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR mitwirkte. Sein ewiges Meisterwerk wird aber der 1972 entstandene BLUTSPUR IM PARK – oder wie er im Original so schön heißt UNA FARFALLA CON LE ALI INSANGUINATE mit Helmut Berger bleiben. Koch Media sollte sich beeilen und auch diesen Film schnell auf DVD bringen!

ZUR DVD:
Koch Media präsentiert den Film ungekürzt in sehr gut restauriertem 1,85:1 anamorph Originalformat – wahlweise in deutscher oder italienischer Sprachausgabe mit optionalen deutschen Untertiteln. Als Bonus gibt es nicht nur die obligaten Bildergalerien, den englischen Trailer und ein sehr hübsch gestaltetes Booklet mit Text von Christian Kessler, sondern auch ein aktuell produziertes Interviewfeature mit Luc Merenda, der in knapp 20 Minuten von seiner bewegten Karriere als Schauspieler und seinen Kollegen aus DER MANN OHNE GEDÄCHTNIS erzählt.

Fazit:

Freunden italienischer Genrefilme wird diese Veröffentlichung Tränen der Freude in die Augen treiben. DER MANN OHNE GEDÄCHTNIS ist ein einwandfrei inszenierter, meist spannender Thriller, der sich beileibe nicht vor den ganz Großen verstecken muss. Ein weiterer Beweis für die Möglichkeiten, die in italienischen Produktionen aus jener Zeit stecken – nun endlich auf DVD.

Wertung:

8/10 Punkte

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