Die Zeit nach Mitternacht

OT:  After Hours  -  96 Minuten -  Komödie, Thriller 
Die Zeit nach Mitternacht
Kinostart: 22.05.1986
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Die Zeit nach Mitternacht

Von am
„Was willst du von mir? Ich habe
doch nichts getan! Ich bin doch
nur ein harmloser Programmierer!“
(Paul zu Gott)

Wie in „Taxi Driver“ (1976) und „Bringing Out the Dead“ (1999) bildet die Stadt der Städte, New York, sozusagen als Urbild, als Prototyp der Stadt in Scorseses „After Hours“ aus dem Jahr 1985 den Ort des Geschehens. Und wiederum steht ein Mann im Zentrum der Handlung, der sich nicht zurecht findet – diesmal allerdings in einer zutiefst ironischen Geschichte, die dennoch aus ihrer klaustrophobischen und teilweise furchterregenden Grundstimmung kein Hehl macht. Fast könnte man „After Hours“ als Farce mit possenhaftem Einschlag titulieren, gesalzen mit der typischen Bissigkeit Scorseses in bezug auf die Moderne, die Geheimnisse, die verborgene, aber immer wieder zutage tretende Absurdität städtischen Lebens, die manchmal skurrilen, zumeist erschreckenden Regeln der modernen Zivilisation – und nicht zuletzt die visualisierten Ängste eines Mannes, der am Schluss eigentlich nur glauben kann, das Schicksal habe sich seiner bemächtigt.

Wie all diese Geschichten beginnt auch „After Hours“ – harmlos. Ein harmloser, fast von der Unschuld der Kindheit nicht verlassener Mann, ein einfacher Programmierer geht nach Hause. Dieser Paul Hackett (Griffin Dunne) – fast könnte man meinen, Scorsese meint sich hier selber (in einer Szene in einem Club sehen wir den Regisseur als Beleuchter) – wohnt allein. Die Dunkelheit der Stadt begleitet ihn und uns die nächsten Stunden respektive 96 Minuten des Films. In einem Coffee-Shop sehen wir Paul wieder, ein Buch vor dem Gesicht, einen Arm vor Langeweile aufgestützt. Es ist Marcy (Rosanna Arquette), die ihn aus dem Dösen reißt. Sie kennt und mag das Buch, sagt sie – irgendeines von Henry Miller. Man redet miteinander, Paul wirkt jetzt aufgeschlossen. Und Marcy gibt ihm die Telefonnummer einer Freundin, der Künstlerin Kiki (Linda Fiorentino), die Briefbeschwerer produziert. Vielleicht könne Paul mal vorbeikommen, um einen zu erwerben. Paul, der mehr an Marcy interessiert ist als an Briefbeschwerern, zögert nicht lange und ruft gleich von zu Hause aus bei Kiki an, fährt mit dem Taxi hin. Schon während dieser Fahrt scheint Paul das Unglück zu verfolgen: Die 20-Dollar-Note, das letzte Geld, das er dabei hat, fliegt Paul bei der äußerst rasanten Fahrt aus dem Fenster.

Alles weitere und alle weiteren Personen, die Paul in dieser Nacht trifft, bleiben für ihn und für uns (zunächst) im Halbdunkel, im Verborgenen:

– Kiki, die sich von Paul massieren lässt und dabei einschläft, nachdem sie Paul überredet hatte, an einer Skulptur zu arbeiten, einer menschlichen Figur in anscheinend verzweifelter Pose, an der er eine 20-Dollar-Note (seine???) wieder findet;

– Marcy, die ihm von einer sechsstündigen Vergewaltigung erzählt, von der sie allerdings kaum etwas mitbekommen habe, weil sie die meiste Zeit geschlafen habe, von ihrem Mann, der ständig, auch beim Sex, an den Film „Der Zauberer von Oz“ gedacht habe und beim Orgasmus „Ergib dich, Dorothy“ zu schreien pflegte, weswegen sie sich von ihm getrennt habe;

– die Brandsalbe, die Paul bei Marcy entdeckt und die ihn auf Wunden bei Marcy schließen lässt;

Das alles wird Paul zu viel. Diese merkwürdigen Geschichten von Marcy treiben ihn dazu, sich heimlich zu verpissen. Nichts wie nach Hause; doch die 96 Cent reichen nicht für die U-Bahn; die kostet nachts seit neuestem ein Dollar fünfzig.

Downtown Soho bei Nacht. Die Straßen sind leer. Die Straßenbeleuchtung ist schwach. Die Gegend ist nicht die beste in New York. Es kündigt sich an, dass Paul ein Gefangener der Nacht und des Viertels wird – er, der freundliche, hilfsbereite Programmierer. Es gießt in Strömen. Und nach Hause laufen – das kann er nicht, das ist zu weit, erst recht bei diesem Wetter. Thomas (John Heard), ein Barbesitzer, würde ihm gern das Geld für die U-Bahn geben, aber er hat den Schlüssel für seine Kasse zu Hause vergessen. Paul erklärt sich bereit, ihn zu holen. Immer weiter verstrickt sich Paul in die Angelegenheiten ihm fremder Menschen. Die Hausbewohner halten ihn, als er den Schlüssel holt, für einen der Einbrecher, die seit Wochen die Gegend unsicher machen und alles mögliche stehlen. Er kommt noch einmal davon, weil er den Schlüssel vorzeigen kann. Die Toilette in Thomas Wohnung ist verstopft und läuft über. Nicht nur das: er sieht die wirklichen Einbrecher, Pepe (Tommy Chong) und Neil (Cheech Marin), gerade, als sie die Skulptur von Kiki in ihren Wagen laden und daraufhin flüchten. Aber Kiki erzählt ihm, sie habe ihren Fernseher und die Skulptur an die beiden verkauft. Paul begreift die Welt nicht mehr. Als er dann auch noch Marcy tot in ihrem Zimmer findet, gerade dabei, sich bei ihr für sein Auf-und-Davon zu entschuldigen, diese Marcy, der er sich vorsichtig nähern wollte, die Schlaftabletten geschluckt hat, und Kiki und ihr Freund Horst (Will Patton) in den Club Berlin verzogen haben, glaubt er fast selbst nicht mehr daran, Downtown Soho jemals entfliehen zu können.

Es kommt noch schlimmer: Nicht nur, dass sich Julie (Teri Garr), die Kellnerin von Thomas, an ihn heranmachen will, eine Frau, die gekleidet ist wie in den 60ern, die Musik aus den 60ern hört und die ihr Bett mit Mausefallen umstellt hat – nein, auch eine andere Frau, Gail (Catherine O’Hara), macht ihm das Leben schwer, als er einen Bekannten anrufen will und sie ihm beim Wählen der Nummer aus lauter Spaß durcheinander bringt.

Und dann ist es soweit: Die Einwohner von Downtown Soho haben beschlossen, dass Paul einer der Einbrecher ist, die seit Wochen ihre Wohnungen ausrauben. Überall hängen schon gelbe Zettel mit Pauls Konterfei und der Aufforderung:

„Burglar!
Stop him!“

Die Nacht spuckt Paul nach Soho (das Taxi, dessen Fahrer wie ein Irrer durch die Straßen fegt) – am Schluss spuckt sie ihn wieder aus. „After Hours“ ist Komödie, aber nicht nur und sicherlich kein Horrorfilm, allerdings ein Horror-Trip. Die Gestalten, denen wir begegnen sind skurril, aber keine unrealistischen Figuren. Immer am Rande des Skurrilen hält Scorsese die Handlung jedoch stets im Realen einer Stadt, in der so etwas eben passiert – wenn vielleicht auch nicht in dieser Dichte der Verstrickungen, die Paul wie das Schicksal treffen. Wenn er in all seiner Verzweiflung Gott anruft und ihn fragt, womit er das alles verdient habe, erscheint er wie eine kafkaeske Figur, die die Zusammenhänge nicht versteht, nicht verstehen kann. Auch wir merken erst nach und nach, wie alles zusammenhängt: Thomas mit Marcy, die Einbrecher, die Einwohner, die sich zusammenschließen, um ihnen den Garaus zu machen. Alle kennen sich, nur Paul wird dies erst allmählich bewusst. Er ist in etwas hinein geraten, was er nie wollte, verstrickt, eingeschnitten in eine Gemeinschaft, die ihm jederzeit an den Kragen könnte, konfrontiert mit Menschen, die Paul für ihre eigenen Interessen benutzen: Julie, die ihn in ihr mit Mausefallen umstelltes Bett holen will; Gail, die Spaß haben will, auch mit Paul; Marcy, die Paul nur vollquatschen will; selbst June (Verna Bloom), die ihn im Club Berlin vor der ihn verfolgenden Meute versteckt, indem sie ihn als Skulptur verkleidet – wie die Skulptur von Kiki sieht er aus –, dann aber nicht wieder befreit, um ihn bei sich zu halten.

Wie ein „Running Man“ geht, läuft, flüchtet Paul durch Soho. Die Uhr läuft. Von halb elf bis zum Morgengrauen muss er dies überstehen, könnte man meinen; wie ein Programm, das unaufhaltsam abläuft, innerhalb dessen Paul „Aufgaben“ zu erfüllen hat: Marcy zuhören, Thomas den Kassenschlüssel holen, Julies Wünsche erfüllen, Gails Wünsche erfüllen, June dienen, der Meute entkommen ... Der Programmierer in einem Programm. Paul, immer in Gefahr, paranoid zu werden, entgeht dem Alptraum ausgerechnet durch die unfreiwillige Hilfe der Einbrecher.

Auch die Symbolik des Films korrespondiert mit der hart an der Realität erzählten alptraumhaften Farce. Michael Ballhaus Kamera kreist um Pauls Kopf, zeigt in Großaufnahme den Telefonhörer an seinem Ohr – Paul ruft Marcy an, die Paul unbewusste „Anmeldung“ zum „Spiel“ –, zeigt den 20-Dollar-Schein aus dem Taxi fliegen – kein Geld, kein Entkommen, er muss am „Spiel“ teilnehmen –, zeigt den Schlüssel, den Kiki aus dem Fenster wirft, auf Paul zufallend – die Eintrittskarte in das „Spiel“ –, zeigt Kikis Skulptur – Paul gefangen in Soho, im „Spiel“. Die Fäden für Paul sind geknüpft, und trotzdem ist das Spiel kein Spiel, sondern bitter-ironischer Ernst, ohne dass es jemand bewusst darauf angelegt hätte. Die Regeln der Stadt, des städtischen Lebens involvieren Paul, als ob die göttliche Vorsehung ihn auserkoren hätte.

Wir sehen einen fantastisch spielenden Griffin Dunne, und auch seine Partner, allen voran Rosanna Arquette, Teri Garr, Linda Fiorentino, John Heard und Verna Bloom, spielen das „Spiel“ wunderbar-erschreckend mit.

Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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Liste von sara_van
Erstellt: 19.09.2012