New York, New York

OT:  New York, New York  -  155 Minuten -  Musical
New York, New York
Kinostart: 21.06.1977
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 15.07.2011
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Filmkritik zu New York, New York

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1977 – dem „Star Wars”-Jahr – war Martin Scorseses Halb-Musical-Film, wie ich „New York, New York” bezeichnen würde, an den Kinokassen ein wahrer Flop. Trotz Robert de Niro und Liza Minnelli und trotz John Kanders phantastischer Filmmusik (er hatte schon die Musik zu „Cabaret” mit Liza Minnelli komponiert, einem Musical-Film, der 1972 Erfolge feierte) konnte Scorsese mit dieser Mischung aus Musical, Liebesgeschichte und Drama – größtenteils zu Recht – am Box Office nicht trumpfen. Übrig blieb vor allem der Titelsong, den kurze Zeit später vor allem Frank Sinatra zu einem Welterfolg machen konnte.

„Start spreading the news
I'm leaving today
I want to be a part of it, New York, New York
These vagabond shoes
Are longing to stray
And make a brand new start of it
New York, New York
I want to wake up in the city that never sleeps
To find I'm king of the hill, top of the heap
These little town blues
Are melting away
I'll make a brand new start of it
In old New York
If I can make it there
I'll make it anywhere
It's up to you, New York, New York.” (1)

Der Film beginnt im Mai 1945 in New York. Nicht nur am Times Square jubeln Tausende von Menschen angesichts der bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reiches. In den Bars und Clubs von Manhattan sieht es nicht anders aus. Der begabte Saxofonist Jimmy Doyle (Robert de Niro) treibt sich in einem dieser Tanzlokale herum, in dem Tommy Dorsey und seine Band flotte Musik spielen. Und Doyle scheint nur eines im Sinn zu haben: Frauen aufreißen. Seine simple Masche: Wir kennen uns doch, da unten sitzen meine Eltern. Wir sehen uns gleich wieder – etc. pp. Er trifft auch auf Francine Evans (Liza Minnelli), die, noch in der Uniform der Army, dort mit ihrer Freundin Ellen (Kathi McGinnis) dem Treiben zuschaut.

Bei ihr lässt Doyle nicht locker. Extrem penetrant versucht er alles, um Francine für sich einzunehmen. Zunächst völlig erfolglos.

Als Francine Ellen in einem Hotel sucht, in dem sie eine rauschende Nacht mit einem Freund Doyles verbracht hat, trifft sie Doyle wieder, der sich dort unter falschem Namen und ohne Geld einquartiert hat. Als der Empfangschef dies bemerkt, bittet Doyle Francine, rasch seine Sachen aus seinem Zimmer zu holen, um flugs das Weite zu suchen. Er überredet Francine, mit ihm in einen Club zu fahren, wo er vorspielen soll. Als Francine, um Doyle zu helfen, dort beginnt zu singen und Doyle dazu Saxofon spielt, ist der Clubbesitzer so angetan, dass er beide engagiert.

Kurze Zeit später ist Francine aus New York verschwunden. Doyle folgt ihr, und wenig später ist auch er wie Francine Mitglied der Band von Frankie Harte (Georgie Auld). Man geht auf Tournee, irgendwann wird Doyle Bandleader und die Band feiert Erfolge. Aus Francine und Doyle wird ein Paar. Als Francine jedoch schwanger wird – inzwischen sind beide verheiratet –, kehrt sie nach New York zurück. Und Doyle wird nicht damit fertig, dass er Vater werden wird. Es folgen Jahre der Trennung ...

„I want to wake up in the city that never sleeps
To find I'm king of the hill, top of the heap
These little town blues
Are melting away
I'll make a brand new start of it
In old New York
If I can make it there
I'll make it anywhere
It's up to you, New York, New York.” (1)

Scorsese, der mit „Taxi Driver” ein Jahr zuvor einen zu Recht viel beachteten Film gedreht hatte, erzählt im wesentlichen in „New York, New York” eine merkwürdige und an vielen Punkten geheimnisvolle Liebesgeschichte, umrahmt von Bebop und Musical-Musik, in deren Mittelpunkt ausschließlich Doyle und Francine stehen. Doch gerade diese Liebesgeschichte lässt doch viele Fragen offen. De Niro präsentiert Doyle als einen exrem selbstbezogenen, ja eigensüchtigen Mann, einen äußerst begabten Jazzsaxofonisten, der sich allerdings gegenüber anderen, vor allem gegenüber Frauen, besonders einnehmend und besitzergreifend verhält. Warum dies so ist, lässt der Film völlig offen, was für sich allein nicht tragisch wäre, im Gesamtzusammenhang des Films allerdings viele Fragen aufwirft, die der Film nicht klärt, die aber für das Verständnis der Beziehung zwischen Doyle und Francine entscheidend sind.

Warum verliebt sich eine Frau wie Francine in einen solchen Mann? Symptomatisch hierfür ist eine Szene, in der Doyle Francine mitten in der Nacht zu einem Friedensrichter schleppt und, ohne sie auch nur zu fragen, von diesem verlangt, er solle beide trauen. Francine ist zwar überrascht und sagt, sie hätte sich eine Hochzeit anders vorgestellt; aber sie willigt dann doch ein. Wenn man einerseits im Film in den Anfangssequenzen sieht, wie penetrant, ja ekelhaft, Doyle Frauen anmacht, andererseits beobachten muss, wie Francine nicht nur dem Drängen nachgibt (warum eigentlich?), sondern sich auf eine Ehe mit einem derart für alle sichtbar selbstsüchtigen Mann einlässt, fragt man sich automatisch nach der Logik einer solchen Geschichte. Es bleibt völlig offen, was dies für eine Liebe sein soll – von beiden Seiten. Es verhält sich nicht einmal so, dass man als Beobachter des Ganzen die Gründe dafür erkunden könnte. Man stochert im Leeren, jegliche Spekulation lässt trotzdem Fragen offen.

Ja der zweite Teil der Geschichte (nach der Trennung) wirkt sogar geradezu als Argument gegen den ersten. Denn Francine, die Erfolge am Broadway und in Hollywood feiert und mit ihrem Sohn glücklich ist, hat endlich den Erfolg, den sie verdient hat. Wozu brauchte sie aber dann einen Mann wie Doyle, wie im ersten Teil des Films suggeriert wird, der ihr nur Steine in den Weg liegt, sie behindert?

Dazu kommt, dass trotz des Versuchs, Doyle eine bestimmte Charakterzeichnung zu geben, dies letztendlich scheitert – ebenso in Bezug auf Francine. Denn obwohl Doyle als selbstsüchtig dargestellt wird, bleibt diese Charakterisierung doch oberflächlich und wird nicht wirklich nachvollzogen. Man stellt sich am Schluss des Films die berühmte Frage: Was wollte uns der Regisseur damit sagen? Warum kann Doyle, der doch behauptet, Francine zu lieben, seinen Sohn nicht annehmen? War es Eifersucht auf den Erfolg seiner Frau, die eine andere Musik singt, als er spielen will? Aber auch Doyle hat nach der Trennung von Francine Erfolg als Jazzmusiker in den Clubs von New York. Er avanciert zu einem bekannten Saxofonisten. Wozu also Eifersucht? Und als sich beide dann sechs Jahre nach der Trennung in New York wiedersehen und sich verabreden, kommt es zum Höhepunkt dieser Merkwürdigkeiten. Er lädt Francine zum Essen in einem China-Restaurant ein, sie fährt den Fahrstuhl herunter, er wartet vor dem Haus. Und dann: Er geht weg und sie erscheint nicht auf der Straße. Was soll das?

Es mag sein, dass Scorsese sich bei dieser Konstruktion der Liebesgeschichte etwas gedacht hat, nur, mit Verlaub, mir jedenfalls ist die Logik dieser Konstruktion nicht offenbar geworden. Hinzu kommt, dass diese Geschichte über eine Länge von 163 Minuten hingezogen erzählt wird, was streckenweise zu Ermüdungserscheinungen führt.

Andererseits enthält der Film auch Stärken. Doch die liegen eher im musikalischen Bereich. Die Szenen in den Jazzclubs Harlems oder Liza Minnellis Auftritte begeistern. Wenn die Minnelli etwa John Kanders „But the World Goes ‘Round’” singt, dann ist nicht nur das (Film-)Publikum enthusiasmiert. Wie die Minnelli mit Leib und Seele, mit Herz und all ihrer Energie dieses Lied präsentiert, das erschüttert im positiven Sinn des Worts, das geht einem selbst an die Seele. Und auch die Bebop-Musik in den Clubs von New York ist fantastisch arrangiert für den Film.

Das Problem von „New York, New York” ist nur, dass dies nicht ausreicht, um eine glaubwürdige Liebesgeschichte zu erzählen. Hätte Scorsese sich entschieden, im wesentlichen einen Musicalfilm zu inszenieren, wäre das anders. So aber ist verständlich, dass der Film an den Box Offices floppte.

(1) John Kander: New York, New York.


Wertung:
6/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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