Hexenkessel

OT:  Mean Streets  -  107 Minuten - Drama
Hexenkessel
Kinostart: 25.06.1976
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Hexenkessel

Von am
„You don't make up for your
sins in church. You do it in the
streets. You do it at home.
All the rest is BS and you know it.”
(Charlie Cappa; BS steht für
bullshit)

Little Italy. Striplokale, Bars, Rauschgiftschmuggel, kleine und große Geschäfte, ein bisschen Mafia. Im Südosten von Manhattan, gleich neben Chinatown, bevölkerten italienische Einwanderer und ihre Nachkommen über Jahrzehnte ein Viertel, von dem heute nur noch wenig geblieben ist. Little Italy existiert noch immer. Aber von dem Flair, der Atmosphäre, die Martin Scorsese in seinem viel beachteten Film aus dem Jahr 1973 bebildert hat, ist heute nur noch wenig zu spüren. Das kleinkriminelle Milieu von „Mean Streets” ist auch „nur” der Rahmen für eine Handlung, in der es vor allem um zwei Männer geht, Johnny (Robert de Niro) und Charlie (Harvey Keitel), weniger um die kriminellen Machenschaften des Milieus. Mit einem erst recht für heutige, aber auch schon für damalige Verhältnisse äußerst knappen Etat von 300.000 Dollar stieß Scorsese mit „Mean Streets” in die Reihen der anerkannten amerikanischen Regisseure vor, auch wenn er bis heute eher zu den Ausnahmeerscheinungen des US-amerikanischen Films gehört.

Man kann mit Sicherheit sagen, dass viele Filme Scorseses durch zwei Faktoren stark beeinflusst sind: durch seine italienische Herkunft und die damit verbundene Problematik der spezifisch amerikanischen Akkulturation, dieses Nebeneinanders ethnisch unterschiedlicher Menschengruppen und die dadurch hervorgerufenen Bedingungen eines „Nebeneinanders” und wechselseitigen Beeinflussung, das mit der üblichen „Schmelztiegel”-Theorie nur wenig zu tun hat, andererseits durch seine starke religiöse (katholische) Prägung, die in Filmen wie „Taxi Driver” und „Die letzte Versuchung Christi” und eben hier in „Mean Streets” besonders deutlich zum Ausdruck kommt. Hinzu gesellt sich die Auseinandersetzung mit dem american way of life, vor allem dem besonderen Individualismus der amerikanischen Gesellschaft, der in Filmen wie „Aviator” oder „Gangs of New York” mit im Vordergrund steht. Schließlich dreht Scorsese ausschließlich „Männerfilme”. Seine Helden sind Männer, entweder, wie in „Die Zeit nach Mitternacht” oder „Aviator” je ein Mann, oder wie in „Gangs of New York” oder „Mean Streets” der Kampf zweier Männer. Aber die Kennzeichnung von Scorseses Filmen als „Männerfilme” könnte den Betrachter auch auf falsche Fährten locken. Denn es gibt wohl kaum einen anderen amerikanischen Regisseur, der über Jahrzehnte hinweg einen derart kritischen Blick auf die amerikanische Geschichte und die herrschende Ideologie wagte wie Scorsese.

In „Mean Streets” geht es um den jungen Johnny Civello, einen im wahrsten Wortsinne haltlosen jungen Mann, der in Little Italy versucht, sich durchs Leben zu schlagen, bei allen möglichen Leuten seiner Umgebung Schulden macht, auch bei Michael Longo (Richard Romanus), einem der Gangster im Viertel. Johnny, eigentlich ein sympathischer Kerl, kann keinen Fuß fassen. Weder weiß er, welchen Beruf er ausüben könnte, noch wird er im Gangstermilieu irgendeine andere Position erreichen als die des (verschuldeten) Hilfsgangsters am Ende der Hierarchie.

Der einzige Mensch, der zu ihm hält, ist Charlie Cappa, der Johnny immer wieder versucht zu helfen, ihn auf einen Weg zu bringen, der aber selbst nicht so recht weiß, was aus ihm werden soll. Charlie hat ein heimliches Verhältnis mit Johnnys Cousine Teresa Ronchelli (Amy Robinson), die an Epilepsie leidet. Teresa will von zu Hause weg, am liebsten ganz weg aus Little Italy, um mit Charlie ein anderes Leben zu führen. Doch Charlie ist (wie Johnny) auf seine Weise in das Milieu derart „integriert”, dass er sich gar kein anderes Leben vorstellen kann.

Scorsese schildert dieses Milieu zwischen Canal Street und Mulberry Street derart realistisch, dass ihm allein schon diese Bebilderung viel Beachtung bei Publikum und Kritik eintrug. Dazu kommt allerdings – wie der Titel des Films schon andeutet – die überdimensionale Bedeutung des städtischen Raums bzw. eines Teils dieses Raums – eben Little Italy – und dessen Einbettung in die Stadt, dessen Verwobenheit mit dem städtischen Milieu für die Biografien, mit denen sich Scorsese beschäftigt.

Polizisten besticht man, um sie sich vom Leib zu halten – eine Attitüde, die man aus vielen Gangsterfilmen kennt. Aber bei Scorsese wirkt diese Attitüde derart in das Leben und die Lebensphilosophie seiner Protagonisten eingebettet, dass sie eine ganz andere Überzeugungskraft erreicht. Als Johnny, Charlie und der Barbesitzer Tony (David Proval) bei Joey Scala (George Memmoli) das Geld für eine Wette eintreiben wollen, kommt es zu einer Schlägerei. Der Polizist, der daraufhin bei Charlie ein Messer findet, bekommt kurzerhand einige Zehndollarscheine in die Hand gedrückt, um ihn zum Abziehen zu bewegen. Diese Szene wirkt aus dem Zusammenhang heraus derart „natürlich”, dass andere Filme, die solche Szenen enthalten, geradezu gekünstelt wirken. Etwas ähnliches gilt für eine Szene, in der ein junger Kerl (Robert Carradine) Tonys Angestellten George Drunk (David Carradine) in der Toilette erschießt.

Das Leben von Johnny und Charlie zwischen den Bars und Straßen, kleinen Gaunereien und Wetten erfährt nur kurze Unterbrechungen, etwa wenn Charlie einmal die Woche in die Kirche geht, um zu beichten und im Gespräch mit Jesus nach dem Sinn von Religion zu fragen: in Bezug auf das eigene Leben. Für Charlie ist ein Leben ohne Sünde unvorstellbar. Die Sünde ist Teil seines Lebens und desjenigen der anderen wie das tägliche Brot. Trotzdem ist Charlie tief religiös, nur, dass er sozusagen die religiöse Lehre für sich modifiziert hat, modifizieren musste. Man bezahlt für seine Sünden nicht in der Kirche, nicht durch die Beichte, nicht durch das Gebet, sondern dort, wo man sie begeht: auf den Straßen von Little Italy.

Die Lage spitzt sich zu, als Michael Longo die immer wieder versprochene Rückzahlung des Geldes, das Johnny ihm schuldet, ultimativ verlangt. Charlie, der Longo auf 2.000 Dollar „herunter handeln” kann, verschafft Johnny einen Job, um das Geld zu verdienen, doch Johnny gibt diesen Job schnell wieder auf. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Charlies Onkel Giovanni Cappa (Cesare Danova) will, dass Charlie ein Restaurant übernimmt. Dafür verlangt er, dass Charlie seine enge Beziehung zu Johnny aufgibt – und sein Verhältnis mit Teresa, deren Epilepsie Giovanni nicht nur als eine körperliche Krankheit, sondern als etwas „Unnatürliches” betrachtet.

Als Johnny kurz darauf Michael Longo mit der Waffe bedroht und beleidigt, kündigt sich eine Katastrophe an ...

Johnny, Charlie und auch Teresa bezahlen auf der Straße – für ihre Sünden oder auch, wie Teresa, für nichts, vielleicht dafür, Little Italy nicht früh genug verlassen zu haben. „Mean Streets” ist kein religiöser Film im üblichen Sinn. Das „Spiel” von Sünde und Vergebung, Sünde und Strafe, Leid und Erlösung ist nicht auf eine Handlung aufgepfropft, es ergibt sich direkt aus der Handlung selbst. Scorsese zeigt das Schicksal von Johnny und Charlie als eines ihrer Umgebung und der Verhaftung der beiden in diese Umgebung. Es ist diese Haften, dieses Nicht-anders-als-daran-haften-Können, was ihr Schicksal bestimmt, was ihre Strafe erzeugt. Doch so eindeutig ist andererseits wieder nichts in „Mean Streets”. Charlies Gefühle für Johnny gehen über reines Mitleid weit hinaus. Es ist ein tief sitzendes Mitgefühl für Johnny, das ihn immer wieder dazu treibt, Johnny zu schützen, ihn zu beschimpfen wegen seiner Unfähigkeit, sich zurecht zu finden, und die Einsicht, dass Johnny in diesem Raum verloren ist. Es ist diese zutiefst – aus Scorseses Sicht sicherlich in der Gestalt und dem Wirken Jesus zu findende – in Charlie sitzende Menschlichkeit, die ja immer mit dem Gegenüber wie mit einem selbst zu tun hat, die ihn dazu treibt, Johnny nie aufzugeben.

Als er ihn aus der Stadt bringen will, ist es zu spät. Charlies eigenes Haften an Little Italy hindert ihn daran, diesen Schritt früher, vielleicht rechtzeitig zu unternehmen. Ebenso scheitert seine Beziehung zu Teresa, weil er sie nicht versteht, die dem Milieu entfliehen will. Ebenso scheitert Teresa, weil sie zwar die Flucht ergreifen will, aber nichts darüber weiß, was an die Stelle des Lebens in Little Italy treten soll.

Scorsese schildert diese Schuld, die alle drei auf sich laden, aber eben nicht als etwas Verwerfliches, als etwas zu Verurteilendes, sondern als Ergebnis eines nur bedingt beeinflussbaren eigenen Wegs. Er entzieht damit – selbst wenn man Scorseses religiöse Überzeugung gar nicht teilt – der Ideologie des Individualismus – oft gepaart mit Hedonismus – und ihren einzelnen Bestandteilen den Boden, ohne in sein Gegenteil zu verfallen, eine ebenso blinde kollektivistische Ideologie, die behauptet, wir seien ausschließlich durch die Umstände bestimmt, unter denen wir leben. „Mean Streets” hinterlässt dieses starke und beunruhigende Gefühl, dass unser aller Verhaften, das immer eine subjektive Seite hat, aber eben auch eine milieugesteuerte, die beide kaum voneinander zu trennen sind, jenseits aller eingebildeten oder ideologiegesteuerten Momente, die uns beeinflussen, auf eine tragische Art wahr bleibt, wahrhaftig bleibt.

„Mean Streets” ist eher eine Frage als eine Antwort, die Frage nach dem „richtigen” Weg für unser Leben und den damit verbundenen Schwierigkeiten, Fehlern, Mängeln usw. Dass Scorsese am Schluss des Films selbst denjenigen Killer spielt, der aus dem Fenster von Longos Auto schießt, weist auf die stark autobiografischen Beziehungen, die in allen Filmen Scorseses, der in Little Italy aufgewachsen ist, eine große Rolle spielen. Hier schließt sich der Kreis zu den anfangs des Films von Scorsese selbst gesprochenen Einleitungssätzen.

Wertung:
9/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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Erstellt: 26.04.2015