Lebenszeichen

OT:  Lebenszeichen -  91 Minuten - Drama 
Lebenszeichen
Kinostart: 05.07.1968
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Lebenszeichen

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Lebenszeichen ist ein ganz besonderer Film im beeindruckenden Oeuvre des deutschen Autorenfilmers Werner Herzog. Denn es ist nicht nur sein erster Spielfilm, obwohl alleine dieser Umstand ihn zum Pflichtprogramm für alle macht, die sich mit dem Schaffen Herzogs auseinandersetzen, es ist auch bereits der Film, der den Ton für seine restlichen Filme vorgeben soll. Dabei sind all die Elemente, die den Film und das herzogsche Werk im allgemeinen ausmachen, noch sehr rau und ungeschliffen beigemengt, was Lebenszeichen einen sehr besonderen Stil gibt.

Becker (Wolfgang von Ungern-Sternberg), Meinhard (Wolfgang Reichmann), Stroszek (Peter Brogle) und Stroszeks Frau Nora (Athina Zacharopoulou) sind in eine verlassene Hafenfestung auf der griechischen Insel Koos versetzt worden. Die drei Männer sind Soldaten der deutschen Wehrmacht, die den einzigen Auftrag haben das dortige Munitionsdepot zu bewachen. Sie wurden in die ruhige Gegend versetzt, damit sie das Ende des Krieges abwarten können. Doch sie alle werden von der erdrückenden Ruhe, und der versengenden Hitze gequält und so ziehen sich die Tage endlose dahin. Stroszek, der sich von einer Verwundung erholt, versucht die Zeit mit einem Patrouillengang zu vertreiben, doch als er ein Tal voller Windmühlen entdeckt wird er wahnsinnig. Sein Kollege Meinhard kann gerade noch verhindern, dass er auf die Windmühlen schießt, und bringt ihn zur Festung zurück. Doch als er dort erfährt, dass sein Kommandant von dem Vorfall erfahren hat, und Stroszek zurück in die Heimat schicken will, verliert dieser völlig den Verstand, besetzt die Festung und erklärt alles und jedem den Krieg…

Lebenszeichen, das ist nicht nur der Titel dieses Films, das Wort gibt auch bezeichnend wider, was der erste Film Herzogs für den deutschen Film bedeutete. Denn in den 50er Jahren bestand die deutsche Filmlandschaft vorwiegend aus Kar May und Edgar Wallace Verfilmungen, Heimatfilmen und ähnlichem. Doch angetrieben durch den kreativen Aufwind der französischen Novelle Vague bildete sich auch eine Gruppierung des Neuen Deutschen Films. Regisseure wie Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder und eben auch Werner Herzog gaben dem deutschen Film wieder neue Impulse. Und da Lebenszeichen der erste Beitrag Herzogs zu dieser Filmbewegung ist, verdient er auch angemessene filmhistorische Beachtung, die er leider nicht immer erhält. Denn allzu gerne reduziert man Werner Herzog leider nur auf seine Filme mit Klaus Kinski, und verzichtet dadurch auf die Erfahrung seiner wundervollen anderen Werke.

Lebenszeichen beginnt mit einer Aufnahme die bezeichnend ist für den gesamten weiteren Film. Es ist nur eine starre Aufnahme einer hügeligen Landschaft von schräg oben. Ein Armeetransporter schlängelt sich durch diese Hügellandschaft, befährt die Serpentinen, verschwindet mal hinter einem kleinen Berg und taucht an anderer Stelle wieder auf. Da Werner Herzog beinahe manisch an diesem Bild festhält, es einfach nicht wegblendet und in der gesamten Aufnahme ruhe herrscht, mit der Ausnahme des sich bewegenden Fahrzeuges, zwingt er den Zuseher förmlich hinzusehen. Man begibt sich auf die Suche nach dem Fahrzeug, verliert es mal in der Landschaft und freut sich wenn man es wieder entdeckt. Herzog schickt den Zuseher förmlich selbst auf einen Feldzug um das Nutzlose zu erobern, wie er es so gerne mit seinen Protagonisten macht.

In Folge schickt er uns mit den Figuren in die sengende Hitze Griechenlands, und lässt uns in der Sonne schmoren. Die Schwarz-Weiss Bilder sind dabei so kristallklar und wunderschön, dass man beinahe meint die aufgestaute Hitze am eigenen Leib zu spüren. Wie man es von Herzog gewohnt ist, ist Lebenszeichen dabei gewohnt spröde, und verfügt selbst für Herzog Filme über ein langsames Pacing, das einen ungeübten Zuseher, der wenig Erfahrung mit Seherlebnissen abseits von Hollywood hat, schon beinahe um den Verstand bringen kann.

Doch dies ist keinenfalls als Kritikpunkt zu bezeichnen, ist es doch Herzogs erklärtes Ziel den Zuseher in die Position der Protagonisten zu befördern und ihn an den Rand des Wahnsinns zu befördern. Wenn dann der zentrale Moment des Films herannaht, der Augenblick in dem Stroszek über das Tal der Windmühlen blickt, ist man als Zuseher längst so weich gekocht, dass man meint selbst den Verstand zu verlieren. Das langsame Pacing des Films ist also absolut notwendig, damit er seine Glaubwürdigkeit bewahrt und seine Wrikung zur Gänze erreichen kann.

Interessant ist auch, dass sich Herzogs Debütfilm noch wesentlich geschwätziger gibt, als seine noch ruhigeren Folgewerke. Er bindet uns häufig in die Gespräche der vier Hauptfiguren ein, und kann dabei schon mit einem Stilmerkmal überzeugen, auf das er auch später, besonders in seinen Dokus, zurückgreifen wird. Das sind die persönlichen Verrücktheiten und Eigenheiten der verschiedenen Menschen, die sie an vielen Stellen ausspielen. Auch für absurd komische Momente ist gesorgt, wenn die Truppe zum Beispiel ein Huhn hypnotisiert, oder wenn sie plötzlich Besuch von einem eigentümlichen Zigeuner erhält, der behauptet ein König zu sein.

Der Stil der dabei angeschlagen wird mutet, wie bei Herzog üblich, sehr dokumentarisch an, ist er doch bekannt dafür die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm ineinander verfließen zu lassen. Bereits in seinen Kurzfilmen Letzte Worte und Die Beispiellose Verteidigung der Festung Deutschkreuz hatte er mit der Thematik experimentiert, die er in Lebenszeichen wieder aufgreift, wobei seine Kurzfilme stilistisch aber noch in den Kinderschuhen steckten, und mit dem wesentlich besseren Lebenszeichen nicht konkurrieren können.

Bemerkenswert ist auch, dass Werner Herzog bereits in seinem allerersten Film Lebenszeichen die Thematik aufgreift, die sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Werk zieht: Der Aufstand des Individuums gegen die ihm überlegene Obrigkeit, der natürlich scheitert und uns zum zweiten großen Thema Herzogs führt, der Eroberung des Nutzlosen. Sein Herz schlägt immer für den Aussenseiter, der den Aufstand wagt. Stroszek geht gar so weit und will die Sonne in Brand setzen. Das ist Werner Herzog wie er leibt und lebt, und Lebenszeichen ist ein Film, der zwar nicht unbedingt der beste Einstieg in das Werk Herzogs ist, aber für alle die sich mit seinem Schaffen beschäftigen ein Pflichttermin ist.

Fazit:
Lebenszeichen ist ein spröder, ungeschliffener und roher Werner Herzog Film, der in betörenden Bildern versucht den Zuseher zum Wahnsinn zu treiben. Und dieses Unterfangen gelingt auch perfekt, lässt uns Herzog doch in der glühenden Sonne Griechenlands schmoren, uns am Alltag der sich langweilenden Soldaten teilhaben, und uns am Ende gemeinsam mit Stroszek scheitern. Vielleicht ist es aber ratsam schon eine gewisse Erfahrung mit anderen Herzogfilmen mitzubringen bevor man sich an diesen hier wagt. Wie dem auch sei, alle seine Filme erfordern das Interesse und die Aufmerksamkeit des Zusehers, belohnen uns aber dafür mit einem Filmerlebnis der besonderen Art.

Wertung:

9/10 Punkte

Filmering.at
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