Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra

OT:  Gomorra   -  137 Minuten - Drama 
Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra
Kinostart: 12.09.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra

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„Die Realität, von der ich ausgegangen bin, um GOMORRHA zu drehen, war optisch so eindrucksvoll, dass ich sie mit extremer Einfachheit zu filmen versucht habe, so, als wäre ich ein Zuschauer, der sich rein zufällig am Schauplatz des Geschehens eingefunden hat. Ich glaube, das war die effektivste Herangehensweise, um die Gefühle zu reproduzieren, die ich hatte, während ich an dem Film gearbeitet habe.“
Matteo Garrone

Roberto Saviano setzte wahrlich sein Leben aufs Spiel um sein Land zu retten: Sein gründlich recherchiertes Buch Gomorrha schlug ein wie eine Bombe und zeigte der Welt das was niemand sehen wollte, die unglaubliche Macht der Camorra, die Neapal terrorisiert und dabei ein Vermögen verdient. Seitdem er das Buch veröffentlicht hat, lebt er unter Personenschutz, da es bereits Morddrohungen gegen ihn gegeben hat. Und in dieser Welt aus Schmerz und Elend aus der er berichtet, braucht man den ernsten Hintergrund dieser Drohung nicht im geringsten zu bezweifeln. Sein Buch wurde schließlich in 33 Sprachen übersetzt und wurde ein weltweiter Bestseller. Doch das war nicht genug: Gemeinsam mit Regisseur Matteo Garrone führt er seinen Krieg gegen die Camorra nun auch auf der Kinoleinwand fort.
 
Einblick in diese Welt des Verbrechens bekommen wir durch fünf Geschichten: Toto (Salvatore Abruzzese) bringt eigentlich nur Lebensmittel zu Frauen, doch eines Tages findet er eine Waffe und will sich nun beweisen. Don Ciro (Gianfelice Imparato) ist ein Geldbote der Camorra. Mit den Geschäften hat er wenig zu tun, er bringt nur das Geld in die Haushalte der Mitglieder. Doch wenn es Krieg unter den Verbrechern gibt, kann sich auch er nicht verstecken. Roberto (Carmine Paternoster) hat das Glück und bekommt einen ordentlich bezahlten Job unter dem Giftmüll-Experten Franco (Toni Servillo). Doch bald stellt sich heraus, dass man sein Gewissen ausschalten muss, um in diesem Gewerbe zu überleben. Pasquale (Salvatore Cantalupo) ist ein talentierter Schneider, der jedoch schamlos von seinem italienischen Arbeitgeber ausgenutzt wird. Doch es soll sich als Fehler herausstellen, dass er das lukrative Angebot eines Chinesen annimmt. Marco (Marco Macor) und Ciro (Ciro Petrone) schließlich sind zwei Möchtegern Gangster, die den falschen Leuten auf den Schlips getreten sind. Sie alle werden ihre Erfahrungen mit der Camorra machen…
 
Die Camorra ist eine Weltmacht, die es geschafft hat nicht so sehr ins öffentliche Licht zu rücken wie die Mafia. Unbemerkt herrscht sie mit eiserner Faust, unterdrückt, tötet und terrorisiert. Durch die skrupellosen Geschäfte im Baugewerbe, in der Giftmüllentsorgung und vielen weiteren Gebieten ist sie zu einer Wirtschaftsmacht mit unglaublichen Finanzmitteln geworden. Ja, das organisierte Verbrechen ist wie eine Seuche die das Land befällt, und gleichzeitig ist es sehr schwer dagegen vorzugehen. Denn jeder einzelne der die Stimme erhebt muss nicht nur um sein eigenes Leben, sondern um das seiner ganzen Familie fürchten. Und Gomorrha bringt diesen Zustand der desolaten und allgegenwärtigen Verzweiflung mit erschreckender Präzision auf die Leinwand.
 
Dabei darf man sich keinen Gangsterfilm nach üblichem Muster erwarten. Hier gibt es keine gut gekleideten Mafiosi, die trotz aller Verbrechen noch durch ihr Ehrgefühl geleitet werden. In Gomorrha ist der anarchische Terror der trostlosen Unterschichtsverbrecher angesagt. Die hohen Mitglieder der Organisation bekommen wir nicht zu Gesicht, die Camorra ist wie ein Schatten der nicht greifbar ist, aber alles in sich aufsaugt. Wir sehen nur die solariumgebräunten Engel des Todes mit zerfurchten Gesichtern und alltäglichem Auftreten. Gomorrha ist kein Blick in den Abgrund, es ist ein Blick neben den Abgrund, der zeigt wie unschuldige Menschen langsam aufgesaugt werden.
 
Das erschreckende ist dabei die Hilflosigkeit die der Film ausstrahlt. Was soll man unternehmen wenn man keinem trauen kann? Wie soll man überleben wenn die Welt in der man lebt längst zu einen verdorbenen Ort geworden ist, und man jederzeit vom besten Freud erschossen werden könnte? Gomorrha kennt darauf nur eine deprimierende Antwort: Man kann selbst gar nichts unternehmen, da man gegen die Übermacht ohnehin chancenlos ist. Doch was zunächst wie eine äusserst vernichtende Aussage klingt, erweist sich bei genauerem Überlegen als Hilferuf. Denn wenn die Einzelperson nichts unternehmen kann, dann ist es die Aufgabe der Justiz und der Politik durchzugreifen und wieder Recht und Ordnung herbeizuführen.
 
Matteo Garrone verzichtet dabei weitgehend auf eine Stilisierung seiner Bilder. Gomorrha ist dreckig, hart, trostlos und hässlich und all dies muss der Film auch sein, damit er seine Wirkung erreicht. Der Regisseur sagt selbst, dass er seinen Film so konzipiert hat, dass man den Kameramann oft als zufällig anwesenden Zuseher sieht, der die Wirklichkeit in Form einer Dokumentation festhält. Und tatsächlich fühlt man sich als Zuseher an vielen Stellen so als wäre man gerade selbst mitten im Geschehen, was die unglaubliche Brisanz des Stoffes noch eine Spur erdrückender werden lässt. Gomorrha zeigt genau die Bilder bei denen wir normalerweise wegschauen würden, und es ist mehr als eindrucksvoll dass man uns so über Umwege zum Zuschauen zwingt.
 
Wer Gomorrha gesehen hat, sieht nicht nur den Gangsterfilm, sondern auch die ganze Welt mit anderen Augen. Denn obwohl der Film spröde ist, obwohl er ungemütlich ist und obwohl er mit Sicherheit nicht über einen standardisierten Spannungsaufbau nach Lehrbuchschema verfügt, sollte jeder diesen Film gesehen haben. Denn Gomorrha beweist Mut in dem er zeigt, was man nicht sehen will und vor allem dadurch, dass er auf Missstände hinweist die nicht länger geduldet werden können. Und wenn es Filmemacher gibt die diesen Mut aufbringen, dann sollte es auch ein Publikum geben das darauf reagiert.
 
Fazit:
Gomorrha ist ungemütlich, spröde, fordernd, abstoßend und einfach hässlich. Und all das muss der Film auch sein, damit er uns förmlich in den Hexenkessel aus Verzweiflung und Angst stößt dem die Menschen im Einflussbereich der Camorra täglich ausgeliefert sind. Durch den dokumentarähnlichen Stil werden wir quasi in die Position eines Zeugen gebracht, der die Grausamkeiten dieser Welt miterlebt. Dabei zeichnet der Film ein mehr als düsteres Bild, das als klarer Appell an die Politik verstanden werden kann. Gomorrha öffnet dem Zuseher die Augen. Und alleine dafür sollte man ins Kino gehen.
 
Wertung:
9/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 7.6/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 12
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