Interview

OT:  Interview   -  84 Minuten -  Drama 
Interview
Kinostart: 22.08.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Interview

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Eigentlich schient der Auftrag für den weitgereisten und erfahrenen Politexperten Pierre Peders (Steve Buscemi) relativ einfach gestrickt zu sein: Fahr zum blonden, langbeinigen und makellos schönen Schauspielerstarlett Katya (Sienna Miller) und liefere ein einfaches, unkompliziertes Interview ab. Doch schon seine Ausgangsposition ist ein Grund zum Verzweifeln: Im politischen Zentrum der Vereinigten Staaten, Washington, gärt nämlich zeitgleich der größte Skandal des Jahres und ausgerechnet ein gestandener Journalist wie Pierre muss sich mit so banalen Dingen wie diesem zum Scheitern verurteilten Frage-Antwort-Spielchen mit einem Klatschspalten-Füllenden, potentiell unintelligenten und oberflächlichen Glamour-Püppchen befassen.

Und als ob das noch nicht genug wäre, lässt das blonde Starlett den ohnehin schon gereizten Pierre auch noch eine Stunde in einem New Yorker Nobelrestaurant, in dem zudem auch noch ein rigoroses Handyverbot (was für ein Alptraum für einen Medienvertreter!) vorherrscht, warten.
Kurz bevor der Journalist endgültig aufgibt und die dekadente Lokalität wütend verlassen will, taucht die schöne Blondine doch noch auf um sich den Fragen von Pierre zu stellen. Es dauert jedoch keine fünf Minuten, bis Katya das Interview genervt abbricht und wutschnaubend den Anschuldigungen und (zumeist) geschickt verpackten Beleidigungen ihres Gegenübers durch ihre Heimreise entgehen will. Doch durch einen unglücklichen Zufall verschlägt es den nun (körperlich) leichtverletzten Journalisten in das nahegelegene Loft der Schauspielerin, wo sich beide in einem tiefsinnigen Katz und Maus- Spiel gegenseitig auf den Zahn fühlen und sich von einem Schlagabtausch zum anderen bis hin zum ultimativen Seelenstriptease treiben lassen…

Zugegeben: Liest man sich den Plot durch, könnte man ohne weiteres vermuten, das es sich hierbei um eine schmierige und seichte Hollywood-Romanze im Kielwasser diverser J-Lo- und/oder Disney-Produktionen mit leichtem Twist handeln könnte. Glücklicherweise erkennt das geschulte Auge des erfahrenen Kinogängers auf den ersten Blick, das man schon alleine aufgrund der Besetzung auf eine andere Machart schließen darf: Steve Buscemi, vielen als einer der profiliertesten US-Indie-Schauspieler mit enormen Erfahrungsschatz bekannt, spielt in Interview sowohl vor als auch hinter der Kamera eine tragende Rolle.

Der renommierte niederländische Regisseur Theo van Gogh galt in seinem Heimatland als gleichermaßen umstritten wie auch erfolgreich. Bei insgesamt 13 Filmen führte er Regie – die filmische Darstellung des Islams in seinem Kurzfilm Submission Teil 1 sollte ihn letztlich jedoch sein Leben kosten, als ihn religiöse Fundamentalisten deswegen erschossen. Die Produzenten Bruce Weiss und Gijs van de Westelaken realisierten nach dem tragischen Todesfall des Regisseurs einen seiner größten Träume: Drei seiner Filme wurden bzw. werden von Schauspieler-Regisseuren (wie van Gogh sich auch gerne selbst bezeichnete) in englischer Sprache und mit Hollywood-Stars neu verfilmt. Den Anfang der Trilogie macht also das Remake von Interview (2003), gefolgt von Stanley Tuccis Arbeit Blind Date (1996) und abschließend John Turturros 06/05 (2004).

Was kann man sich also von diesem Zwei-Personen Drama erwarten? Wie harmonieren zwei so offensichtlich ungleiche Typen miteinander? Auf der einen Seite die  wunderschöne, 26 jährige Jungschauspielerin, die bisher erst in einer Handvoll Filme (Casanova, Factory Girl, Alfie, Stardust) auftrat und kaum bleibenden Eindruck hinterlassen hat – auf der anderen Seite das 50 jährige Indie-Aushängeschild des zwielichtigen, abgedrehten, neurotischen Verlierertypen, der in seiner filmischen Laufbahn mit vielen ‚großen’ Schauspielern und Regisseuren (Miller’s Crossing, Reservoir Dogs, Fargo, Con Air, Desperado, Ghost World, Coffee & Cigarettes) zusammengearbeitet und dementsprechende Erfahrungswerte vorzuweisen hat.

Aus der Biographie beider Schauspieler lässt sich einigermaßen viel über die Charaktere ablesen – so hat Sienna Miller sichtlich wenig Schwierigkeiten, die auf ihr äußeres reduzierte Blondine Katya darzustellen. Es fällt manchmal schwer, zwischen möglicher Realität und beabsichtigter Fiktion zu unterscheiden: Miller brilliert mit einer dargestellten Variation ihres eigenen (vielleicht etwas zu überdrehten und herumturnenden) medialen Images und vermag ihrem ‚Kontrahenten’ Buscemi in weiten Teilen des Films die Schau zu stehlen. Steve Buscemis Pierre könnte ebenfalls ein Versatzstück seiner selbst sein: Ein mürrischer, sarkastischer, dabei engagierter und äußerst intelligenter Charakter scheint dem Schauspieler/Regisseur auch im wahren Leben hervorragend zu passen.

Das in seiner Länge immer tiefgründiger erscheinende Wechselspiel der beiden Charaktere, die auf relativ engen Raum ohne unnötiges Klimbim ihr ganzes Können in vielerlei Hinsicht zugleich präsentieren und einsetzen, kann vor allem in Sachen Performance punkten: Der Text steht natürlich im Vordergrund, die Interaktion der Charaktere wirkt dabei nur in vereinzelten Situationen konstruiert und künstlich. Pierre und Katya liefern sich einen nachvollziehbaren Schlagabtausch, der durch seine (unterschwelligen) Übergriffe auf die jeweiligen Vergangenheiten und Absichten der Charaktere stets interessant und überraschend bis kurz vor Schluss bleibt.
Als Kritikpunkt kann man eben jenes Ende des Films anführen: Das ‚sag-mir-dein-größtes-Geheimnis-und-ich-sag-dir-meins’-Spielchen scheint etwas zu absurd und abseits jeglicher möglichen realen Verankerung, ermöglicht jedoch dadurch einen überraschenden Twist, der dem ganzen Werk eine andere Dimension verschafft.

Fazit:
Zwei Personen im Clinch, ein zentraler Handlungsort in New York, 3 Digitalkameras zur Aufnahme: Mehr braucht es nicht, um knapp 90 Minuten zwischenmenschliche Interaktion auf höchstem Niveau rund um das Thema mediale Öffentlichkeit darzustellen, Minimalismus pur sozusagen. Bedenkt man zusätzlich, dass zwei fabelhafte Schauspieler in diesem interessanten, unterhaltsamen Stück ihr ganzes Können beweisen und dabei nur stellenweise das Gesamtwerk als solches zum Vorschein kommt, so kann man sich bedenkenlos diesem Remake hingeben und am Ende sein Vergnügen beim Nachgrübeln haben.

Wertung:
7/10 Punkte

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