Elegy oder die Kunst zu lieben

OT: -  108 Minuten -  Drama 
Elegy oder die Kunst zu lieben
Kinostart: 14.08.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 28.10.2011
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Eine Elegie bezeichnet ein Gedicht oder Lied mit zumeist klagenden inhaltlichen Themen und weist eine sehnsuchtsvolle, schwermütige Grundstimmung auf. Der Titel des neuesten Filmes der spanischen Regisseurin Isabel Coixet (Mein Leben ohne mich, Das geheime Leben der Worte) scheint also wie geschaffen für eine erste Darbietung dieses exzeptionellen Werkes, ist doch die Melancholie ein ständiger Begleiter des Zusehers.

Der Literaturprofessor David Kepesh (Ben Kingsley) ist ein Lebemann wie aus dem Lehrbuch: selbstständig, charmant, kultiviert und trotz seines relativ hohen Alters von 62 Jahren immer noch mit einem sexuellen Trieb ausgestattet, der allem Anschein nach (und laut eigener Deutung) seit seiner Jugend nicht nachgelassen hat. Durch seine frühzeitig gescheiterte Ehe ist er zu einem hoffnungslosen und bindungsunwilligen Zyniker geworden, der sich lieber mit seinen jungen Studentinnen und seiner langjährigen Sex-Partnerin Carolyn (Patricia Clarkson) auf ein Schäferstündchen trifft als eine (weitere) Familie zu gründen und dem Lebensabend entgegenzusehen. Auch die anklagenden Anrufe seines glücklich verheirateten Sohnes Peter (Peter Sarsgaard), der zugleich die von David dargestellte Vaterfigur und dessen erbärmliche Vorbildfunktion beklagt, prallen an der über die Jahre hinweg aufgebauten Schutzhülle aus Eitelkeit und Egoismus mühelos ab.

Doch plötzlich erscheint in einem von David geleiteten Universitätskurs die betörende und exotische Kubanerin Consuela (Penélope Cruz), die schon vom ersten Moment an die volle Aufmerksamkeit des Ästheten einnimmt. Natürlich geht der Kunstliebhaber eine durch Sex und Intimität beherrschte Beziehung mit der perfekten Physiognomie der 24-jährigen Studentin ein, die nur anfangs ohne große Gefühle seitens Davids verläuft: Sogar bei seinen gelegentlichen Treffen mit seinem Freund und Gleichgesinnten George (Dennis Hopper), die im Normalfall aus dem Austausch von pikanten und zynischen Erkenntnissen bzw. Seitenhieben hinsichtlich des Alterns und insbesondere Beziehungen zu jüngeren Frauen bestehen, tritt die zunehmende Faszination Consuelas hervor. Es kommt wie es kommen muss: David verliebt sich in die selbstsichere Schönheit - immer mit Bedacht darauf, seine eigene Freiheit und Unabhängigkeit unter ständiger Selbstkontrolle zu behüten und keine Angriffspunkte für vertiefendes Vertrauen preiszugeben. Doch dies, der andauernde Zweifel an der Aufrichtigkeit der 30 Jahre jüngeren Frau und die damit verbundene Eifersucht setzen der Beziehung schlussendlich den Todesstoß. Erst Jahre später kehrt Consuela in Davids Leben zurück – mit einer ungewöhnlichen und dringenden Bitte, die alles verändern soll…

In Zeiten von peitschenschwingenden Frührentnern und altersschwachen Dschungelkämpfern ist es beinahe schon eine willkommene Abwechslung, einen glaubhaften Charakterdarsteller jenseits der 60 in einem nicht durch absurde Explosionen und wenig überzeugenden Actionsequenzen angetriebenen Plot spielen zu sehen. Sir Ben Kingsley ist dabei natürlich ohne Zweifel eine Klasse für sich: Egal welche Rolle, sein eindrucksvolles Auftreten (er machte lange vor Bruce Willis die würdevolle Glatze konform) sowie der durchdringende und gleichermaßen undefinierbare Blick ist förmlich spürbar. Eindrucksvoll und amüsant sind die pointierten Dialoge mit dem in einer kleinen, aber essentiellen Nebenrolle agierenden Dennis Hopper, bewegend das Spiel zwischen Kingsley und einer brillanten Penélope Cruz. Ein kleiner Film über große Charaktere, ein Lehrstück über Vergänglichkeit, getragen von zwei Hauptdarstellern und deren Schicksal.

Dass es schwer ist, ein Werk von Philip Roth wirksam für die Massen aufzubereiten, zeigte schon Der menschliche Makel mit Anthony Hopkins und Nicole Kidman: Die Werke des umstrittenen, polarisierenden Autors sind gespickt mit großzügig beschriebenen Altherrenfantasien und sexuellen Ausschweifungen – dankenswerterweise belässt es die Regisseurin Isabel Coixet bei ästhetischen und zudem atmosphärischen Bildern und spart anstößige Romanpassagen aus. Es herrscht eine tiefgreifender Thematik vor: Liebe, Beziehungen, Schönheit, Obsession und Tod bestimmen den Charakter des Films.

Ein bedauernswerter Reiz geht zudem vom Handeln des Hauptcharakters aus, Verständnis und Unverständnis gehen Hand in Hand bei der Betrachtung der eigenartigen Tätigkeiten von David Kepesh: In manchen absurd-lustigsten Momenten könnte man an eine männliche und tiefgründigere Version einer Sex and the City-Mimin erinnert werden, die sich in der oberflächlichen Darstellung von Schönheitsidealen und Selbstbeweihräucherung verfangen hat. Ein Spiel zwischen Zwang und Hingabe entsteht, welches Coixet mit zunehmender Spieldauer intensiviert und den Zuseher zunehmend in seinen Bann zieht.

Die innerfamiliären Beziehungen der Kepeshs sind leider nur lustlos beigefügter Ballast, der wenig bis gar nichts zum eigentlichen Knackpunkt der Story beiträgt – Peter Saarsgard als Kepeshs moralisch überlegener Sohn wirkt unnatürlich und aufgesetzt, in jeder Hinsicht verzichtbar. Obwohl der familiäre Background der verstörenden Hauptfigur immer wieder in kurzen Einschüben in den Mittelpunkt gedrängt wird, erscheint er doch als belanglos – ob dies wirklich die Intention der spanischen Regisseurin ist, kann nur vermutet werden.

Leider kann der Film gerade an seinem neuralgisch wichtigsten Punkt - als die Schicksalsschläge Professor Kepesh geradezu im Minutentakt beuteln und tiefgründige Emotionen aufwühlen - nicht vollends überzeugen: etwas zu überzogen und aufgesetzt wirkt die Handlung und das daraus resultierende Verhalten der Charaktere. Zu wehmütig zeigt sich der einstige Macho, zu reuevoll gibt er sein Fehlverhalten preis, zu schnell vollzieht er den Gesinnungswandel. Die von Cruz dargestellte Figur ist ihrerseits stellenweise zu platt und klischeebehaftet geraten – bewusst oder nicht, es schadet ihrer Glaubwürdigkeit und in weiterer Folge dem dramaturgisch schwächelnden Ende der Geschichte.

Fazit:
Schon in der Interviewsituation zu Beginn nimmt die anti-puritanische, hedonistische Lebensauffassung des Hauptcharakters das zentrale Thema des Films vorweg: Ben Kingsley verkörpert den zynischen Lebemann mit zweifelhafter Sichtweise zum anderen Geschlecht nahezu perfekt. Penelope Cruz glänzt mit bemerkenswerter Mimik und gewagtem Körpereinsatz, der niemals vulgär oder allzu freizügig wirkt. Ein Wechselbad der Gefühle entsteht, dem sich der Zuseher nur schwer entziehen kann: Trotz des schwachen Endes, verzichtbarer Nebendarsteller und etwas platter weiblicher Charaktere (Roth-typisch) bleibt ein vielleicht nicht ganz so anspruchsvolles, aber immer noch gutes Gefühlskino übrig.

Bewertung:
7/10 Punkte

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