Woyzeck

OT: -  82 Minuten -  Drama 
Woyzeck
Kinostart: 25.05.1979
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Woyzeck

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Der Wahnsinn in der Normalität
 
„Wir arme Leut – Sehn Sie, Herr Hauptmann:
Geld, Geld! Wer kein Geld hat - Da setz
einmal eines seinesgleichen auf die Moral
in der Welt! Man hat auch sein Fleisch und Blut.
Unsereins ist doch einmal unselig in der und
der andern Welt. Ich glaub', wenn wir in
Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen.”

Georg Büchners („Dantons Tod”, „Lenz”, „Leonce und Lena”) fragmentarisch gebliebener „Woyzeck” gehört wohl zu den auf Theaterbühnen meist gespielten Stücken. Noch heute streiten Literaturwissenschaftler um die Reihenfolge der einzelnen Szenen des Stücks, v.a. weil die von Büchner geschriebenen Seiten nicht paginiert waren. Das Stück erlebte, soweit ich das überblicken kann, allein sieben Fernsehfassungen und wurde fünf Mal für das Kino inszeniert, zum ersten Mal 1947 von Georg C. Klaren in einer DEFA-Produktion mit Kurt Meisel in der Titelrolle.

Herzogs Inszenierung hält sich weitgehend an den Büchner’schen Text, und im Unterschied zu anderen seiner Filme steht in „Woyzeck” deutlich der Text im Vordergrund.

„Ja, Herr Hauptmann, die Tugend – ich hab's
noch nit so aus. Sehn Sie: wir gemeine Leut,
das hat keine Tugend, es kommt nur so die
Natur; aber wenn ich ein Herr wär und hätt'
ein' Hut und eine Uhr und eine Anglaise
und könnt' vornehm rede, ich wollt' schon
tugendhaft sein. Es muss was Schönes sein
um die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich
bin ein armer Kerl!”

Woyzeck duldet. Mit schmerzverzerrtem Gesicht schaut er uns an. Die Verzweiflung steht in dieses Gesicht geschrieben, eine Verzweiflung, die kaum nach Hilfe schreit, sondern in der sich etwas spiegelt, was weit über die Person des Franz Woyzeck (Klaus Kinski) hinausgeht. Er wird getreten, zum Laufen gezwungen, muss Liegestütze absolvieren. Man sieht nur den Stiefel des Peinigers, der auf Woyzecks Rücken knallt. Woyzeck sind auch wir, und Woyzeck ist ganz sicher auch Kinski, und Woyzeck ist eben Woyzeck. Und Woyzeck ist Büchner.

Mit der ihm gegebenen Arroganz seiner sozialen Stellung, in Selbstmitleid und fast schon Selbstliebe ertrinkend lässt Woyzecks Vorgesetzter, der namenlose Hauptmann (Wolfgang Reichmann in einer Glanzrolle des Films) den armen Soldaten spüren, dass er ihn mehr für ein Tier als einen Menschen hält. Er sei ein guter Kerl, aber ohne Moral. Woyzeck verdient sich ein paar Groschen dazu, wenn er den Hauptmann mehrere Male die Woche rasiert. Wir schreiben Biedermeier. Aber bieder geht es in der kleinen Garnisonsstadt irgendwann im frühen 19. Jahrhundert nicht zu.

Der örtliche Arzt (Willy Semmelrogge) nutzt Woyzeck ebenso gnadenlos aus für seine dubiosen Experimente. Wochenlang muss Woyzeck Erbsen essen, nur Erbsen, dann seinen Urin bei dem Arzt abgeben. Auch dies tut Woyzeck nur, um noch ein bisschen Geld zu bekommen.

Über seine Ängste, Phantasien, Gedanken zu reden, fällt Woyzeck nicht schwer. Nur hört ihm keiner zu. Der Soldat Andres (Paul Burian) ist nett zu ihm, versteht ihn aber nicht. Der Arzt tut Woyzecks Äußerungen ab als Ausdruck einer krankhaften fixen Idee (er spricht von Aberratio mentalis partialis) und gibt ihm einen Groschen mehr die Woche, um diesen Wahnsinnigen Studenten vorzuführen. Der Hauptmann hält Woyzeck für einen Mann ohne Moral, denn Woyzeck hat mti Marie (Eva Mattes), der Magd, ein uneheliches Kind gezeugt.

Marie scheint Woyzecks einzige Hoffnung, einziger Halt in diesem erbärmlichen Leben zwischen Erniedrigung und Armut, Kontaktlosigkeit und sozialer Arroganz. Doch er kann Marie nicht heiraten, weil ihm das Geld dazu fehlt. Auch Marie versteht ihn nicht, fühlt sich verarmt in der Beziehung zu Woyzeck und gibt nach mehrfachem Drängen den Nachstellungen eines hünenhaften, starken Tamburmajors (Josef Bierbichler) nach, schläft mit ihm und bekommt von ihm zwei Ohrringe geschenkt.

Aus einer Vermutung wird für Woyzeck Verdacht, aus dem Verdacht Gewissheit, als der Hauptmann Andeutungen über die Beziehung zwischen Major und Marie macht. Woyzeck kauft sich bei einem jüdischen Händler ein Messer. Am See vor dem Ort tötet er Marie mit sieben Messerstichen ...

„Ich geh'. Es ist viel möglich. Der Mensch! Es ist
viel möglich. - Wir haben schön Wetter, hh. Sehn
Sie, so ein schöner, fester, grauer Himmel; man
könnte Lust bekommen, ein' Kloben hineinzuschlagen
und sich daran zu hängen, nur wegen des
Gedankenstriches zwischen Ja und wieder Ja – und
Nein. hh, Ja und Nein? Ist das Nein am Ja oder
das Ja am Nein schuld? Ich will darüber nachdenken.”

Der Text Büchners (1), der übrigens auf einer wahren Begebenheit beruht (2), gehört wohl zu den schönsten Erlebnissen an Literatur, die man haben kann. Herzog blieb bei dem Text und Kinski war die perfekte Besetzung für die Hauptrolle – sowohl was die Präsentation des Textes betrifft, als auch die Darstellung des Woyzecks. Kaum waren die anstrengenden Dreharbeiten zu „Nosferatu” abgeschlossen, schlüpfte Kinski in diese Rolle, und seine Erschöpfung war in diesem Fall kein Handicap, sondern beste Voraussetzung für das Gelingen des Films, der in der tschechischen Stadt Telc gedreht wurde (die Handlung spielt in Darmstadt). Herzog, der über ein Jahr lang warten musste, bis er eine Drehgenehmigung von den tschechoslowakischen Behörden für „Nosferatu” bekam, behauptete diesen gegenüber, wie er auf der DVD berichtet, er drehe in Telc noch immer für „Nosferatu”, um sich weiteres monatelanges Warten auf eine erneute Drehgenehmigung zu ersparen. Fünf Tage lagen zwischen den Abschlussarbeiten zu „Nosferatu” und dem Drehbeginn von „Woyzeck”. Das merkt man dem Film paradoxerweise wenn überhaupt nur in einem positiven Sinne an. Mit Eva Mattes bekam Herzog eine Schauspielerin für die Rolle der Marie, die kaum jemand anders besser hätte spielen können.

Herzogs „Woyzeck” spiegelt die Figuren Büchners in einer durchaus als einzigartig zu bezeichnenden Weise wieder. Obwohl das Visuelle, das in fast allen Filmen des Regisseurs so sehr und so phantastisch im Vordergrund steht, hier hinter dem Büchner’schen Text nur verhalten eingesetzt wird und obwohl die Kamera Jörg Schmidt-Reitweins vor allem in statischen Aufnahmen des Geschehens verharrt (so, als ob es sich um die filmische Adaption eines Bühnenstücks handle), gereicht dies der Inszenierung nicht zum Nachteil, im Gegenteil. Gerade die Wahl von Telc und Umgebung lässt die visuelle Kraft von Herzogs Inszenierungen immer wieder trotzdem durchscheinen, etwa in den Großaufnahmen vom Ortszentrum mit den alten Häusern, in einer Szene, in der Woyzeck und Andres am Rand des Sees mit Blick auf den Ort schnitzen oder in einer anderen Sequenz, in der Woyzeck durch ein riesiges Mohnfeld läuft. Wie Herzog weiter berichtet, kam er bei dem in nur 17 Tagen gedrehten Film mit gerade mal 35 Schnitten sowie einem Gegenschnitt aus. Das alles führt zu einer unglaublichen dramaturgischen und thematischen Dichte der Erzählung, die fesselt und kontinuierlich in Spannung versetzt.

„Ein guter Mord, ein ächter Mord,
ein schöner Mord; so schön,
als man ihn nur verlangen tun kann.
Wir haben schon lange so keinen gehabt.”

Bei allen Interpretationsversuchen und -möglichkeiten bezüglich des Stoffs scheint mir, dass Herzogs Inszenierung den Intentionen Büchners sehr nahe gekommen ist. Kinski, der diesen Woyzeck in einem von ihm gewohnten „Kraftakt” und mit aller Leidenschaft und Besessenheit im positiven Sinne des Wortes verkörpert, spielt einen in ständiger, erduldeter Verzweiflung und stets dem seelischen Abgrund nahen Mann, der begriffen hat, dass er einer Schicht angehört, in der ihm jegliche Chance auf Flucht, Fortkommen, Aufstieg, Befreiung usw. verwehrt wird. Der Arzt, der Hauptmann wollen ihn nicht verstehen, Marie und Andres können ihn nicht verstehen, der Tamburmajor ist ihm körperlich überlegen. Woyzeck ist ein Objekt anderer – in jeder Hinsicht. Die Flucht Maries aus dem unglücklichen Alltag mit ihm und aus der Verständnislosigkeit gegenüber ihm treibt Woyzeck zur Tat. Herzog zeigt diesen Mord am See in Zeitlupe; er zeigt, wie Marie langsam zu Boden sinkt, aus dem Bild verschwindet, und Woyzeck mit seinem vor Angst verzerrten Gesicht, in dem sich sämtliche menschlichen Abgründe zu konzentrieren scheinen. Doch Kinski spielt diesen Woyzeck (und Büchner schrieb dieses Stück) nicht mit der Intention der Entschuldigung oder gar Rechtfertigung. Vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund steht Woyzeck vor allem für die gequälte menschliche Kreatur der unteren Schichten, die sich – trotz der Hinnahme aller möglichen Qualen – in einer Verzweiflungstat Befreiung verschaffen will. Der Mord an Marie ist zugleich der Tod Woyzecks. Noch einmal kehrt er in den Ort, in die Wirtschaft zurück, tanzt kurz und wild und kehrt zurück an den See, um das Messer zu finden und in den See zu werfen. Er geht in den See, holt das Messer, wirft es weiter hinein.

Büchner lässt offen, ob Woyzeck sich hier selbst tötet, indem er sich ertränkt, oder ob er später festgenommen wird. Das spielt auch keine Rolle. Der Tod ist für ihn der einzige Retter in der Not, die Hoffnung auf die andere Welt, an der Woyzeck jedoch auch zweifelt. In einer Anfangsszene sagt er zum Hauptmann: „Unsereins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt. Ich glaub', wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.” Alle halten Woyzeck für wahnsinnig. Aber genau dieser Interpretation spielen Kinski und Herzog entgegen. Der Wahn einer Welt der fixen, schier unüberbrückbaren Hierarchien schafft den Woyzeck und die Wahnsinnigen, die sich dort tummeln. Büchner zeigt einen Arzt, der in wahnwitzigen Experimenten als krasses Beispiel für die dunklen Seiten der Aufklärung gelten kann; einen Hauptmann, der ausschließlich der Erhaltung der Hierarchien dient und dabei selbst verrückt erscheint; einen Soldaten, Andres, der sich seinem Schicksal vollauf unterworfen hat, als ob es die Natur ihm befohlen habe.

Woyzeck erkennt in seinen „wahnsinnigen” Momenten die für ihn unauflösliche Diskrepanz zwischen der eigenen Natur und einer bändigenden Kultur, die ihn einsperrt und demütigt. Herzogs „Woyzeck” und Kinskis Darstellung weisen deutlich in diese Richtung.

Wertung:
10/10 Punkte

(1) Der Text findet sich z.B. unter:
http://gutenberg.spiegel.de/buechner/woyzeck/woyz2001.htm
(2) Zu dem 1824 in Leipzig hingerichteten Woyzeck vgl.:
http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Buechner/woyzeck.htm

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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