Chiko

OT: -  92 Minuten -  Gangster / Drama 
Chiko
Kinostart: 11.07.2008
DVD-Start: 28.02.2012 - Blu-ray-Start: 28.02.2012
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Schon alleine bei der Vorstellung, einen deutschen Gangsterfilm zu sehen, überkommt einen anfangs unweigerlich das Grauen, und zwar genau jenes unbeschreibliche, aber existenzielle Grauen, von dem Marlon Brando als Col. Walter E. Kurtz in Coppolas Meisterwerk Apocalpyse Now philosophiert. Ein Gangsterfilm in Deutschland, im türkischen Milieu der Drogendealer, Plattenproduzenten und Kleinkriminellen, noch dazu in starker Anlehnung an das Narbengesicht Tony Montana in Scarface. Scheinbar verlieren die Deutschen nicht nur bei der EM gerne, sondern sogar im Kino, denn ein derartiger Film kann doch nur zum Scheitern verurteilt sein. Falsch!

Obwohl anfängliche Skepsis durchaus angebracht erscheint, entwickelt sich der Film langsam zu einem großartigen und besonders intensiven Porträt eines Kleinkriminellen, der sich Respekt und Macht erkämpfen und als deutscher Unterweltboss ganz groß rauskommen will. Und es sieht sogar so aus, als hätte Chiko (Denis Moschitto) den Dreh raus, wie er sein Ziel erreichen könnte, da er scheinbar weiß, wie der Hase läuft. Doch niemand bleibt für immer an der Spitze, schon gar nicht in dieser überaus kurzlebigen und gefährlichen Branche.

Ein weiterer Grund zur Skepsis liegt darin verborgen, dass der Film zu Beginn einen sehr langsamen Einstieg hat, damit der Zuschauer vorsichtig an die Hauptfigur herangeführt werden kann, ist er doch erstmals ein eher unsympathischer Zeitgenosse, dem man nur liebend gerne eine aufs Maul hauen würde. Doch der Film lässt sich Zeit, um Chiko besser kennen zu lernen, wodurch beim Zuschauer die Zweifel entkräftet werden und man immer mehr in die (gedankliche, emotionale und gesellschaftliche) Welt von Chiko eintaucht. Dieser Umstand ermöglicht dem Film, immer mehr an Tempo zu gewinnen, wodurch er letztlich die Möglichkeit hat, und sie auch nutzt, zu einem Rundumschlag auszuholen, um den Zuschauer voll und ganz in seinen filmischen Bann zu ziehen.

Chiko ist der erste Kinospielfilm von Özgür Yildrim. Er führte nicht nur Regie, sondern schrieb auch das Drehbuch. Produziert wurde der Film übrigens von niemand anderem als dem deutschen Filmemacher Fatih Akin. Darüber hinaus konnte er für den Film mit Moritz Bleibtreu einen hochkarätigen deutschen Schauspieler besetzen, der eine gewohnt überzeugende Darstellung abliefert. Doch die wahren Meisterleistungen liefern die mehr oder weniger (un-)bekannten Schauspieler Denis Moschitto, Volkan Özcan und Reyhan Sahin ab, die in all ihrem Agieren die Zweideutigkeit ihrer Figuren bis ins kleinste Detail auszudrücken vermögen.

Allen voran Denis Moschitto als Chiko liefert hier eine grandiose Darstellung ab, die einerseits die äußere Härte und Zielstrebigkeit seiner Figur zum Ausdruck bringt, andererseits aber auch die ganze Dimension seiner inneren Verletzbarkeit für den Zuschauer fühlbar macht. Hin und wieder wird einem dadurch eine Aussicht auf einen friedvollen, freundlichen und nahezu liebevollen Chiko gewährt, der in krassem Widerspruch zu seinen beruflichen Taten steht. Dabei handelt es sich im Gangstergenre zwar um altbekannte Stilmittel, die aber in diesem Film einem gewissen Facelifting unterzogen wurden, da sich diese Widersprüche seiner Persönlichkeit nicht nur auf seine Freunde beschränkt, sondern sogar zeitweise auf seine Feinde übergeht. Egal wie sehr er sich auch anstrengt, er ist definitiv kein kaltblütiger Killer, wobei er, wie jedes wilde Tier, wenn man ihn zu sehr provoziert oder in die Enge treibt, zu jeglichen Gewalttaten bereit ist.

Unterstützt wird der Hauptdarsteller von zwei hervorragenden Newcomern. Zum einen Volkan Özcan, als Chikos bester Freund Tibet, brilliert in einer vor psychopathischer Kraft aufgeladenen und immer mehr dem Rachewahn verfallenden Darstellung, die als negatives Ende eines Spektrums den langsamen Abstieg der Hauptfigur prophezeit und somit vorausahnen lässt, was schlimmstenfalls aus Chiko werden könnte. Zum anderen Reyhan Sahin als Chikos Frau Meryem, von deren Schönheit man sich nicht blenden lassen sollte, da sie auf ihre Art und Weise wohl den unverwüstlichsten und stärksten Charakter im ganzen Film darstellt. Sie ist wiederum das positive Ende des Spektrums und stellt somit eine mögliche hoffnungsvolle Zukunft dar. Sie ist der Strohhalm, an dem sich Chiko festhalten muss, um sich selbst vor dem Untergang in eine Welt dominiert von Drogen und Gewalt zu retten. Auf schmerzhafte Weise muss Chiko aber herausfinden, dass er trotz seiner Zielstrebigkeit und Intensität nicht in der Lage ist, diese beiden extremsten Seiten seiner Welt zu vereinen.

Fazit:
Der Film, ganz besonders seine gesamte Thematik, die handlungsstarken Figuren und die von ihnen nicht vorherzusehende Tragweite ihrer Handlungen muten wie eine Shakespearetragödie an, die ins deutsche Hamburg verfrachtet wurde und im türkischen Gangstermilieu spielt. Die Sprache der Figuren ist zeitgemäß und ohne Zweifel gut getroffen, geht einem aber hin und wieder auf die Nerven, da sie manchmal etwas gezwungen wirkt. Auch die Musikauswahl trifft nicht immer den Ton des Films und scheint daher zeitweise fehl am Platz zu sein. Die größte Stärke des Films liegt in der Art, wie die Charaktere miteinander umgehen. Denn auch wenn Chiko zum Beispiel oft den harten und starken Mann raushängen lässt, wird er dennoch zu Wachs in den Händen einer begehrenswerten Frau oder entschuldigt sich unter Tränen bei seiner sprachlosen Tochter. Das Gleiche gilt auch für die anderen Figuren des Films, die zum einen vor animalischer Kraft strotzen, zum anderen enorm subtile Züge annehmen können und eine selbst in dieser gewaltvollen Welt zu erhaltende und behaltende tiefe Menschlichkeit offenbaren. Chiko kann, selbst mit kleineren Schwachstellen, durchaus mit amerikanischen Gangsterfilmen konkurrieren und zeigt endlich mal, wozu deutsche Filme in der Lage sind.

Bewertung:

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Filmering.at
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