Mein liebster Feind

OT: -  95 Minuten -  Dokumentation
Mein liebster Feind
Kinostart: 07.10.1999
DVD-Start: 23.08.2012 - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Mein liebster Feind

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Werner Herzog und Klaus Kinski sind wohl das Duo Infernale des deutschen Films. Gemeinsam haben sie fünf Film von Weltformat gedreht (Aguirre – Der Zorn Gottes, Nosferatu, Woyzeck, Fitzcarraldo und Cobra Verde), doch nach ihrem letzten Film Cobra Verde waren sie so zerstritten, dass sich ihre Wege trennten. Doch auch kreativ sollte es für beide ein großer Trennstrich werden: Klaus Kinski war so ausgebrannt, dass er vor seinem Tod nur noch sein Paganini Projekt realisierte (Herzog wurde die Regie angeboten, doch er lehnte ab, da er das Drehbuch für unverfilmbar hielt), welches übrigens von der Kritik verrissen wurde, und Werner Herzog verschwand ohne seinen Filmpartner Kinski auch einmal von der großen Bühne. Zwar drehte er fleißig weiter, aber größere Aufmerksamkeit sollte ihm erst wieder Mein liebster Feind bringen. Und da sich dieser Film ebenfalls um Klaus Kinski dreht, wäre der Kreis damit wieder geschlossen.

Wir schreiben das Jahr 1971: Klaus Kinski hatte gerade das Debakel seiner legendären Jesus Christus Erlöser Tour hinter sich gebracht, während der es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem Publikum und Kinski gekommen ist, als die Dreharbeiten zum richtungsweisenden Aguirre – Der Zorn Gottes begannen. Das erste filmische Treffen zwischen Klaus Kinski und Werner Herzog. Zwei Sturschädel prallen in der sengenden Hitze des peruanischen Dschungels aufeinander und eine über fünf Filme andauernde Hassliebe sollte beginnen…

Mein liebster Feind dreht sich zwar naturgemäß sehr um Ausnahmeschauspieler Klaus Kinski, hat dabei allerdings keine Ambitionen biographische Wege einzuschlagen. Es sollte allerdings auch jedem, der sich mit Werner Herzogs Schaffen auseinandersetzt, klar sein, dass diese simple Vorgehensweise für den deutschen Autorenfilmer nie in Frage gekommen wäre. Stattdessen wirft er einen höchst interessanten Blick auf die Hassliebe, die Kinski und ihn verbunden hat, und beinahe spielend flechtet er auch noch einen melancholischen Rückblick auf die Ära des Neuen Deutschen Films mit ein.

Dabei ist Mein liebster Feind insofern besonders, da sich Herzog das erste Mal richtig ins Lampenlicht eines seiner eigener Filme stellt. Werner Herzog bildet gewissermaßen das Rückrat des Films, und obwohl Mein liebster Feind eigentlich ein Film über Klaus Kinski ist, bzw. über das schwierige Verhältnis zwischen ihm und Herzog, versteht es Werner Herzog auch hervorragend sich selbst zu inszenieren und nach dem Ansehen muss man förmlich mehr von diesem besonderen Filmemacher sehen.

Man kann sicher argumentieren, dass Kinski hier etwas einseitig gezeigt wird, wenngleich die Szene am Ende des Films, wenn mitten im Dschungel der anscheinend ach so wahnsinnige Klaus ständig von einem Schmetterling als Ziel angeflogen wird, und Kinski sich mit fast kindlicher Naivität darüber freut, von diesem fragilen Wesen umflogen zu werden, auch ein etwas anderes Bild zeichnet, und am Ende ein äusserst befriedigendes Bild entsteht.

Doch abseits dieser Ruhe des Endes gibt es selbstverständlich einige Einblicke in die schwierige Arbeit mit Klaus Kinski. Werner Herzog hatte ja bereits mit 13 Jahren die Möglichkeit Kinski kennen zu lernen, als sie gemeinsam in einer Pension gelebt hatten. Herzog besucht in Folge die jetzigen Bewohner dieser Wohnung und erzählt ihnen einige Eskapaden, die er mit Kinski erlebt hat, inklusive eines 48 Stunden langen Wutausbruchs, währenddessen Klaus Kinski das Badezimmer in Schutt und Asche zerlegt hatte.

Doch auch am Set war Kinski kein einfacher Umgang, wie eine, als Outtake zur Dokumentation Burden of Dreams gedrehte, Szene belegt, in der Klaus Kinski wegen einer Nichtigkeit einen gigantischen Streit mit Produktionsleiter Walter Saxer vom Zaun bricht. Interessant auch die Anekdote von Werner Herzog, als Klaus Kinski kurz vor dem Ende der Dreharbeiten von Aguirre – Der Zorn Gottes alles stehen und liegen lassen wollte und Herzog ihm drohte erst ihn und dann sich selbst zu erschießen, bevor Kinski um die nächste Kurve kommen würde.

Ja, sie beide sind Wahnsinnige, wie sie auch in einem Gespräch zugeben. Sowohl Werner Herzog als auch Klaus Kinski sind begnadete Künstler, die beide ihre Eigenheiten haben. Klaus Kinski leidete Zeit seines Lebens an seinen Tobsuchtsanfällen, die bewirkten, dass niemand öfters als einmal mit ihm arbeiten wollte (da sind die fünf Filme mit Werner Herzog ein echtes Wunder), und Werner Herzog ist ein besessener, der für einen Film alles aufs Spiel setzt und niemanden, am wenigsten sich selbst, während der Produktion schont.

Mein liebster Feind ist ein bewegender, ein emotional äußerst stimmiger und vor allem ein hoch interessanter Film geworden, der es tatsächlich schafft die Hochzeit des Neuen Deutschen Films wieder zu beleben. In seinem versöhnlichen, aber durchaus ungeschönten Blick auf die Arbeit mit Klaus Kinski, gewährt Werner Herzog auch Einblick in sich selbst, und erschafft so etwas wie einen kleinen Wegweiser, der hervorragend dafür geeignet ist den Appetit auf die restlichen Werner Herzog Filme anzuregen, und gleichzeitig auch ein Denkmal für das wahrscheinlich imponierendste Duo der deutschen Filmgeschichte setzt.

Fazit:
Werner Herzog wirft in Mein liebster Feind einen versöhnlichen Rückblick auf die schwierige Arbeit mit Klaus Kinski, und lässt für einen Augenblick die Zeit des Neuen Deutschen Films wieder auferstehen. Natürlich kann man argumentieren, dass Herzog einen recht einseitigen Blick auf Klaus Kinski wirft, aber es ist gerade dieser Blick auf einen Wahnsinnigen, aus der Sicht eines nicht weniger Besessenen, der Mein liebster Feind so gut gelingen lässt. Nach dem Ansehen hat man auf jedenfall eine unglaubliche Lust sich näher mit dem Oeuvre dieser herausragenden Künstler zu beschäftigen. An Meilensteinen wie Fitzcarraldo, Aguirre – Der Zorn Gottes, Nosferatu und Woyzeck führt wohl nach Mein liebster Feind kein Weg vorbei.

Wertung:

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Filmering.at
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