Grizzly Man (2005)

OT: Grizzly Man - 103 Minuten - Dokumentation
Grizzly Man (2005)
Kinostart: Unbekannt
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Filmkritik zu Grizzly Man

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Der deutsche Autorenfilmer Werner Herzog, der besonders für seine fünf Filme mit Klaus Kinski bekannt ist, dessen Filmographie aber bei weitem mehr eindrucksvolles zu bieten hat, scheint im eigenwilligen „Grizzly Man“ Timothy Treadwell einen klassischen Herzog-Antihelden entdeckt zu haben, wie er ihn nicht besser hätte selbst schreiben können. Da stellt sich eigentlich nur die Frage warum der Prophet im eigenen Land nichts wert ist, und einer der besten und wichtigsten deutschen Filmemacher im deutschsprachigen Raum keinen Verleih findet und seine Filme, wenn überhaupt, nur auf DVD erscheinen, während er in den USA, Frankreich und anderen Ländern immer noch glühend verehrt wird.

Timothy Treadwell wird von einer Obsession getrieben. Der ehemalige Trinker und laut einem Psychiater, manisch Depressive liebt die Natur und ins Besondere Grizzly Bären. 13 Jahre lang verbrachte er jeden Sommer im Alaska Katmai Nationalpark und lebte dort unter Bären. Während seinen letzten fünf Jahren, hatte er stets eine Kamera mit dabei um alles zu dokumentieren, bevor er schließlich im Sommer 2003 gemeinsam mit seiner Freundin von einem Bären gefressen wurde. Werner Herzog arrangiert die über 100 Stunden Videomaterial von Treadwell zu einer visuell beeindruckenden Quintessenz und reichert dieses Material mit eigens gedrehten Aufnahmen an. Das Ergebnis ist schlicht zum Niederknien…

Werner Herzog, seines Zeichens Arthousestar und einer der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films, der einige der wahrscheinlich wichtigsten Werke der deutschen Filmgeschichte abgeliefert hat, hat sich Zeit seines Lebens für die Aussenseiter der Gesellschaft interessiert. Für diejenigen die oft ohne erkennbaren Grund große Qualen auf sich nehmen, nur um einem privaten Traum zu folgen. Diese, oft als „Eroberung des Nutzlosen“ bezeichnete Charakteristik seiner Werke, beginnt bereits beim Kurzfilm Herakles und zieht sich durch sein Werk wie ein roter Faden. Besonders eindrucksvoll bildete diese Eigenschaft das Zentrum in Fitzcarraldo und hält auch im Spätwerk Herzogs Einzug.

Timothy Treadwell ist wahrlich ein typischer Herzog-Antiheld, der sich selbst und sein Leben ganz auf ein Ziel ausrichtet: Er will die Bären beschützen, was seiner Meinung nach durch die Regierung nur bei weitem ungenügend erledigt wird. Dafür ist ihm nichts zu schade: Er denkt, dass es reicht, wenn er sich selbst wie ein Bär verhält, damit er von den anderen Bären akzeptiert wird. Eine Waffe hat er übrigens nicht dabei, da er einem Bären noch nicht einmal dann etwas tun würde, wenn dieser ihn angreifen sollte. Seine Freundin, die am Ende das tragische Schicksal von Treadwell teilen sollte, hatte übrigens große Angst vor den Bären.

Es ist dabei in jeder Sekunde deutlich, dass Herzog viel Sympathie für den eigenwilligen Treadwell hegt, der genau wie Herzog selbst, der Zivilisation wohl eher skeptisch gegenüber stand, und sich stattdessen in die Wildnis verzieht. Aber sein Grizzly Man ist dabei natürlich keine naive Heldenverehrung, dazu ist Herzog ein zu versierter Dokumentarfilmer. Denn obwohl Herzogs Herz ganz offensichtlich für den exzentrischen Tierliebhaber schlägt, steht er seiner Vorgehensweise äußerst skeptisch gegenüber.

Und wenn man die Aufnahmen Treadwells sieht, kann ein rational denkender Zuseher eigentlich nur die Hände vor dem Gesicht zusammenschlagen aufgrund seines fahrlässigen Umgangs mit der Natur. Denn Treadwell sieht die Wildnis als seine Heimat an (währenddessen Werner Herzog sie als gefährlichen, todbringenden Ort sieht), und dementsprechend verhält er sich auch. Er gibt den Bären Kosenamen, flüstert ihnen zu, dass er sie liebt und behandelt sie so, als wären sie Stofftiere. Einen vorbeiziehenden Fuchs behandelt er wie einen abgerichteten Hund, und aufgrund dieses grob fahrlässigen Umgangs mit den Gefahren der Natur ist es eigentlich ein Wunder, dass sein Leben nicht viel früher ein tragisches Ende genommen hat.

Doch neben diesem offensichtlichen Wahnsinn, der das Leben Treadwells klar durchzogen hat, geben seine eigenen Aufzeichnungen ihm einen unglaublichen Charme. Denn in Werner Herzogs Grizzly Man  bilden sie ganz klar das Zentrum und werden durch die von Herzog gedrehten Aufnahmen nur ergänzt. Treadwell tritt dabei wie ein Moderator vor die Kamera und erzählt aus seinen Aufgaben in der Natur, und natürlich von seinen geliebten Bären. Dabei wurden Aufnahmen erschaffen, die ein vernünftiges Kamerateam niemals hätte drehen können. Abgesehen von den einzigartigen Naturaufnahmen und den Nahaufnahmen von den Bären, sind es vor allem die kurzen, kreativen Momente, die an so vielen Stellen aufblitzen, wie z.B. der unerwartete Besuch eines Fuchs, der Treadwell scheinbar tatsächlich als Spielpartner akzeptiert hat, und mitten in eine Aufnahme von ihn läuft.

Übrigens hatte Treadwell auch als er gefressen wurde die Kamera laufen, allerdings kam er nicht mehr dazu die Schutzkappe vom Objektiv zu nehmen, weswegen von diesem schrecklichen Ereignis nur eine Tonaufnahme existiert. Werner Herzog bekommt im Laufe des Films auch die Gelegenheit diese Aufnahme zu hören, ihm gegenüber die ehemalige Freundin und Mitarbeiterin Treadwells, welche das Tonband selbst noch nie gehört hat. Doch Herzog ist brillant genug um zu wissen, dass er dem Zuseher dieses Material nicht hören lassen soll. Stattdessen sieht man nur Herzog von hinten, die Kopfhörer aufgesetzt und dem Band lauschend. Am Ende sagt er nur, dass man dieses Band vernichten sollte. Wie er diese Szene inszeniert geht mehr an die Nieren, als wenn er das Band abspielen würde.

Grizzly Man ist ein klassischer Werner Herzog Film. Das beginnt bei der Hauptperson, die knapp davor steht die Grenze des Wahnsinns zu überschreiten, wenn sie es nicht schon längst getan hat, geht über die Duale Substanz der Natur, in der Schönheit und Grausamkeit nur ganz knapp auseinander liegen und endet bei den opulenten Schauwerten, die so beeindruckend sind, wie man sie in einer Naturdoku nicht besser hinbekommen kann. Grizzly Man, das ist die bitter Tragik des Lebens eines Mannes, der seine Vision durchgezogen hat. Bis zum bitteren Ende.

Fazit:
Grizzly Man ist klassisches Werner Herzog Material. Es wirkt so als hätte der Ausnahmeregisseur in Timothy Treadwell den Prototyp des herzogschen Antihelden in der Realität entdeckt, der seiner eigenen Vision bis zum bitteren Ende hinterher gejagt ist. Dabei schafft es Herzog einen rundum gelungenen, umfassenden Blick auf das Leben Treadwells zu werfen und auch die Tragik der Geschichte nicht zu vergessen. Grizzly Man thematisiert den ewigen Krieg der Schönheit und Hässlichkeit der Natur, die oft näher zusammenliegen als man meinen möge. Der Film wird seine Wirkung auf keinenfall verfehlen und ist auch für Einsteiger in das Werk Herzogs zu empfehlen.

Wertung:
10/10 Punkte

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