Jeder für sich und Gott gegen alle

OT: -  109 Minuten -  Drama
Jeder für sich und Gott gegen alle
Kinostart: 01.11.1974
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Jeder für sich und Gott gegen alle

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Kasper Hauser ist wohl einer der bekanntesten „Unbekannten“ der Geschichte. Wie aus dem Nichts tauchte er plötzlich auf dem Nürnberger Unschlittplatz auf, in der Hand nur eine Brief, und konnte sich kaum verständlich machen. Schließlich stellte sich heraus, dass er Zeit seines Lebens weggesperrt war und keinen Kontakt zur Aussenwelt hatte. Unzählige Bücher beschäftigen sich mit seinem Leben und seiner Annäherung an die „normale“ Welt, und seine Ermordung wirft noch heute Fragen auf. Es geistern noch immer viele Theorien dazu herum, doch den deutschen Autorenfilmer Werner Herzog, der mit Jeder für sich und Gott gegen alle einen der wesentlichen Eckpfeiler des Neuen Deutschen Films erschaffen hat, interessieren sie alle nicht.

Am 26. Mai 1828 tauchte plötzlich ein merkwürdiger Mann (Bruno S.) auf dem Nürnberger Unschlittplatz auf. Dort erregt er die Aufmerksamkeit der Obrigkeit, und sicherheitshalber wirft man den Sonderling ins Gefängnis. Ein Brief erklärt, dass sein Name Kasper Hauser ist, und er sein ganzes Leben weggesperrt war, isoliert vor der Aussenwelt und von anderen Menschen. Professor Daumer (Walter Ladengast) nimmt sich um den Sonderling an, und bringt ihm die Gepflogenheiten der Welt bei…

Es war klar, dass sich die deutsche Arthouselegende Werner Herzog keinen Deut für die kriminologische Ebene der Kasper Hauser Geschichte interessiert. Wer hat Kaspar Hauser gefangen gehalten? Warum wurde er plötzlich freigelassen? Wer hat ihn ermordet? Alles Fragen die sicher interessant sind, und doch macht es Sinn sie unbeantwortet zu lassen, bzw. sich gar nicht näher mit ihnen zu beschäftigen. Denn sie würden nur vom wahren Kern dieser Geschichte ablenken.

Das wirklich Interessante ist nämlich zu sehen, wie ein völlig ungeschliffener Mensch, ein Individuum, das noch keiner Beeinflussung ausgesetzt war, auf die Welt reagiert, bzw. wie die Welt eben auf dieses Wesen reagiert. Kasper Hauser ist naturgemäß ein Sonderling, eine klassische Herzog Figur, wie sie der Regisseur nicht besser hätte erfinden können. Und naturgemäß liegen Herzogs Sympathien zur Gänze auf der Seite des Aussenseiters, den er stellenweise normaler als die Welt selbst wirken lässt.

Jeder für sich und Gott gegen alle steht und fällt dabei natürlich mit seiner Hauptfigur. Auch Werner Herzog war es von Anfang an klar, wie schwierig es werden würde einen geeigneten Darsteller zu finden, der die kindliche Naivität und motorischen Probleme des Hausers auf die Leinwand bringen könnte. Am Ende war es einfach nur ein glücklicher Zufall, der Werner Herzog die Augen öffnete, und ihm seinen Kasper Hauser quasi auf dem Silbertablett servieren sollte.

Als Herzog das Drehbuch bereits fertig hatte, sah er zufällig im Fernsehen die Dokumentation Bruno, der Schwarze, und schlagartig entdeckte er Bruno S. (von dem man übrigens nicht den Nachnamen kennt, da er Zeit seines Lebens Angst hatte berühmt zu werden und der außerdem pflegte in der dritten Person von sich zu sprechen), einen Hinterhofmusiker aus Berlin. Die Probeaufnahmen mit ihm, die Herzog mit dem ZDF angesetzt hat, sind aber völlig nach hinten losgegangen, und waren so schlecht, dass sich der Regisseur sogar geschämt hat. Bei der darauf folgenden Abstimmung bekundeten alle, dass sie gegen Bruno S. als Hauptdarsteller sind, mit der Ausnahme von Kameramann Jörg Schmidt-Reitwein, der etwas in dem Laiendarsteller sah, dass man herausarbeiten könnte.

Der Meinung seines Kameramanns vertrauend setzte Herzog sich durch und besetzte Bruno S. als Kasper Hauser. Und wie so oft sollte sich seine Entscheidung als richtig erweisen, denn Bruno S. erwies sich als ganz großer Glücksgriff für das Projekt. Er selbst wurde seit seinem dritten Lebensjahr geschlagen, irrte in seiner Kindheit von Heim zu Heim, und besitzt somit eine Authentizität, die man nicht imitieren kann. Bruno S. ähnelt der Figur des Kasper Hauser so sehr, dass dies seine mangelnde Erfahrung locker wieder egalisierte.

Und es ist auch ganz ihm, und seiner Einfühlung in die Rolle, zu verdanken, dass Jeder für sich und Gott gegen alle so gut funktioniert. Bruno S. besitzt genau die Unbeholfenheit, sowohl auf motorischer, als auch auf sprachlicher Ebene, die für diese Rolle nötig ist, und hat sich selbst durch Method-Acting Methoden (zum Beispiel wollte er sein Kostüm noch nicht einmal zum Schlafen ausziehen, oder hat sich einen Stock in die Kniekehlen geklemmt um seine Beine taub zu machen) noch tiefer in die Rolle versetzt.

Besonders interessant an der Geschichte von Kasper Hauser ist natürlich, dass seine Persönlichkeit so ungeschliffen und rein ist, dass sich die gesamte Gesellschaft darin spiegelt und auf ihre unliebsamen Eigenheiten hingewiesen wird. Die herrlichste Szene des Films ist dabei ein Gespräch zwischen Kasper Hauser und einem Professor (Alfred Edel), in dem dieser Kasper eine Denkaufgabe stellt, welche er mit reiner Logik lösen soll. Ein Mann kommt aus dem Dorf der Lügner, und einer aus dem Dorf der Wahrheit, und nur mit einer einzigen Frage solle er herausfinden, welcher aus welchem Dorf kommt. Die seiner Meinung nach einzige Lösung ist eine Antwort mit doppelter Negation.

Doch Kasper Hauser glaubt auch eine andere Frage gefunden zu haben: Er will die Person einfach fragen ob sie ein Laubfrosch sei. Die Person aus dem Dorf der Wahrheit würde natürlich sagen, dass sie kein Laubfrosch ist, und die Person aus dem Dorf der Lügner würde genau gegenteilig antworten. Diese Szene bringt nicht nur den unberührten, naiven Charakter von Kasper Hauser genau auf den Punkt, sie ist auch noch unfassbar gut von Bruno S. gespielt.

Eingefangen wurde all dies in schier unglaublich schönen Bildern, die visuell sehr an die Bilder eines Kaspar David Friedrichs erinnern, aber Werner Herzog selbst wehrte sich ja immer wieder gegen die Vergleiche mit der Malerei, da er das Medium Film auch nicht allzu sehr mit dem statischen Medium der Malerei in Verbindung bringen wollte. (Tipp: Unbedingt die Audiokommentare zu den Herzogfilmen anhören, die einen wunderbaren Einblick in das Schaffen Herzogs gewähren) Wer sich generell für die Zeit der deutschen Romantik interessiert kommt an diesem stimmungsvollen Meisterwerk ohnehin nicht vorbei. Jeder für sich und Gott gegen alle ist einer der ganz großen Filme des deutschen Kinos, und kein Cineast sollte sich dieses Meisterwerk entgehen lassen.

Fazit:
Gut, Jeder für sich und Gott gegen alle ist zweifellos spröde, wie alle Filme Werner Herzogs, aber das wird Freunde seines Schaffens kaum stören. Herzog liebt es aus ungewohnter Perspektive auf bekannte Dinge zu schielen (man beachte zum Beispiel nur sein experimentelles Frühwerk Fata Morgana), und auch Jeder für sich und Gott gegen alle ist ein solcher Blick auf unsere Zivilisation. Der ungeschliffene Kasper Hauser entdeckt unsere Welt und sieht die Dinge ganz anders, als man es erwarten würde. In wunderschönen Bildern entführt uns Werner Herzog in diese Welt, und begeistert auf allen Ebenen auf denen ein Film überzeugen kann.

Wertung:
10/10 Punkte

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