Aguirre - Der Zorn Gottes (1972)

OT: - 99 Minuten - Abenteuer / Drama
Aguirre - Der Zorn Gottes (1972)
Kinostart: 16.01.1973
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Aguirre - Der Zorn Gottes

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Im Jahre 1972 war der deutsche Autorenfilmer Werner Herzog mit Sicherheit kein Unbekannter. Zum Beispiel holte er sich bereits mit seinem Spielfilmdebüt Lebenszeichen den Silbernen Bären für den Besten Debütfilm bei der Berlinale, doch das große internationale Rampenlicht sollte erst mit seinem Film Aguirre – Der Zorn Gottes auf ihn fallen, mit dem die wohl denkwürdigste Zusammenarbeit in der Geschichte des deutschen Films begann.

Regisseur Werner Herzog und Ausnahmeschauspieler Klaus Kinski, der sich vor der Zusammenarbeit mit Herzog großteils unter Wert verkauft hatte, und dessen entfesselte Tobsuchtsanfälle wohl noch berühmter sind, als sein faszinierendes Schauspiel, starteten hier ihre Zusammenarbeit, die sich über fünf Filme (neben Aguirre – Der Zorn Gottes auch noch Nosferatu, Woyzeck, Fitzcarraldo und Cobra Verde) erstrecken sollte und am Ende die Freundschaft beider auf dem Gewissen hatte.

Gonzalo Pizarro (Alejandro Repulles), leitet im Jahre 1561 eine Expedition, um das legendäre Goldland El Dorado zu finden, und schickte schließlich einen Spähtrupp los, um den unwirtlichen Dschungel zu durchforsten. Don Pedro de Ursua (Ruy Guerra) leitet den Trupp, doch bald schon zettelt der wahnsinnige Don Lope de Aguirre (Klaus Kinski) einen Aufstand an und stürzt den ehemaligen Anführer. Stattdessen ernennt er den etwas einfach gestrickten Don Fernando de Guzman (Peter Berling) zum König von El Dorado, und gemeinsam ziehen sie alle dem sicheren Untergang entgegen…

Klaus Kinski und Werner Herzog sind wie zwei kritische Massen, die im Zusammenspiel zu einer wahren Explosion führen. Beide sind große Meister ihrer Kunst, beide sind außerordentlich stur und vor allem scheuen beide kein Risiko um am Ende etwas Einzigartiges zu vollbringen. Dabei war Werner Herzog zunächst sehr froh darüber, dass er Kinski gewinnen konnte, war dieser doch schon ein weitaus bekannterer Schauspieler, als er Regisseur.

Die Dreharbeiten im Dschungel Perus sollten jedoch zur Belastungsprobe für alle Beteiligten werden. Obwohl es nicht annährend so ein produktionstechnisches Fiasko wie später bei Fitzcarraldo gab, was auch schon dadurch vereitelt wurde, dass Aguirre – Der Zorn Gottes von vorne herein nur mit minimalem Budget ausgestattet war und solche Probleme wie bei Fitzcarraldo wohl sofort zum Untergang des Projekts geführt hätten, wurden die Dreharbeiten doch zur Zerreissprobe für die gesamte Crew.

Werner Herzog ist On Location Fanatiker und da man natürlich nur ein minimales Budget zur Verfügung hatte, sorgte dies im tiefsten Dschungel für eine äußerst belastende Umgebung für alle Beteiligten. Die Stimmung schaukelte sich immer weiter hoch, und als Kinski 10 Tage vor Drehende darauf bestand, dass ein Tontechniker entlassen werden müsse, weil er ihn komisch angesehen haben soll, kam es schließlich so weit, dass Werner Herzog, der sich natürlich weigerte Kinskis Wünschen nachzukommen, was schließlich dazu führte, dass Kinski das Projekt verlassen wollte, Kinski damit drohte, dass er zuerst ihn und dann sich selbst erschießen würde, bevor Kinski um die nächste Kurve gekommen wäre.

Diese kleine Anekdote lässt schon einmal ungefähr erahnen, welcher Hauch von Wahnsinn hier in der Luft gehangen ist, und jeder der sich für die weiteren, zahllosen Auseinandersetzungen zwischen Herzog und Kinski, und deren Hassliebe interessiert, dem sei die versöhnliche Doku Mein liebster Feind empfohlen, in der Werner Herzog nach Kinskis Tod, noch einmal einen Rückblick auf ihre Verhältnis wirft. Doch diese Spannungen hinter der Kamera waren auch absolut notwendig, damit der bildgewordene Wahnsinn im fertigen Film funktionieren konnte.

Bereits die Eröffnungsszene des Film, unterlegt mit der wunderbaren Musik von Popol Vuh (die Band von Florian Fricke, dem Stammkomponist von Herzog), zeigt worauf Aguirre – Der Zorn Gottes hinauslaufen soll: In einen bildgewaltigen Strudel des Wahnsinns. Am Beginn steht eine sich windende Schlange. Eine Gruppe Menschen, die sich entlang eines Trampelpfades herunterhangelt. Werner Herzog vermeidet dabei jedes visuelle Klischee, und verzichtet dabei bewusst auf die typischen Postkartenbilder des Dschungels. Sein Ansatz den Film visuell und stilistisch einer Doku anzunähern, wie es auch typisch für ihn ist, überzeugt voll und ganz und sorgt somit für Bilder die auf eine solch eigenwillige Art schön und intensiv sind, dass sie dem Zuseher nie wieder aus dem Kopf gehen werden.

Die Geschichte folgt dabei den typischen herzogschen Mustern und erzählt sich vornehmlich aus den Bildern und setzt Dialoge nur rudimentär ein. Die Eindringlinge in den Urwald, die spanischen Konquistadoren, verfolgen ein Ziel, das von vorne herein zum Scheitern verurteilt ist. Die sagenumwobene Goldstadt El Dorado leuchtet als verführerisches Licht direkt in den Abgrund, und die Tücken des Dschungels sorgen bald für die ersten Opfer.

Als erstes muss der Verstand daran glauben, und die Natur scheint die Eindringlinge, die nach dem Ungreifbaren trachten, für ihren Größenwahn zu bestrafen. Absurd sind die Wahnvorstellungen Aguirres ("Ich bin der große Verräter. Es darf keinen größeren geben. Ich bin der Zorn Gottes. Die Erde, über die ich gehe, sieht mich und bebt. Ich bin der Zorn Gottes. Wer sonst ist mit mir?") und noch viel absurder sind die Handlungen aller Beteiligter. Da wird kurzerhand Verrat an König Philipp II von Spanien geübt und ein völlig deplazierter "Kaiser" Fernando I der über das Märchenland El Dorado herrschen soll, proklamiert.

Die Stimme Gottes, in Gestalt des Tagebuchführenden Mönches Gaspar de Carvajal (Del Negro) ist lange Zeit noch die Stimme der Vernunft, doch auch er degeneriert in der versengenden Hitze Südamerikas, im Delirium zwischen verhungern und verdursten und richtet schließlich einen unschuldigen Indio, der sich beklagt, dass das Wort Gottes aus der Bibel nicht in sein Ohr dringt.


Ja, es ist ein Hexenkessel des Wahnsinns in den uns Werner Herzog in Aguirre – Der Zorn Gottes wirft, und obwohl er uns zu Beginn noch etwas Luft lässt, macht er den Deckel schon bald zu und lässt uns gemeinsam mit den Figuren im Wahnsinn kochen. Im Herzen der Finsternis, mitten im Dschungel, setzt er uns aus, und überlässt uns der Führung eines Verrückten. Obwohl das eigentliche Ziel das reine Überleben sein sollte, und in Krankheit, Unterversorgung und im Schoß der Kannibalen sitzend, ist selbst dieses Ziel hoch gesteckt, träumt Aguirre von einem goldenen Zeitalter, in dem er mit seiner Tochter eine reine Dynastie gründet.

Dieser Aguirre ist mit Sicherheit eine der bemerkenswertesten Figuren die Klaus Kinski jemals verkörpern durfte. Als blonder Engel des Wahnsinns, beinahe ganz ohne große Gesten, reicht alleine sein diabolischer Blick um uns allen in Mark und Bein zu erschüttern. Das ist kein gewöhnliches Schauspiel mehr, das ist genau jener Wahnsinn der auch die Dreharbeiten des Films durchzogen hat, und der aus der Drehcrew beinahe selbst wahnsinnige Konquistadoren gemacht hat, die auf der Suche nach der Kunst dem Irrsinn frönen.

Aguirre – Der Zorn Gottes ist, ähnlich wie es Kubricks Uhrwerk Orange ist, ein Rundumschlag auf die Psyche des Zusehers. Intensiv und beklemmend schildert Werner Herzog den Verfall des Menschlichem in einem Umfeld des Wahnsinns und zieht den Zuseher dabei tief in das Herz der Dunkelheit. Am Anfang erscheint es uns noch absurd wenn man den großen Verrat ausruft, aber wenn Aguirre am Ende über sein großes Königreich fantasiert, ist man als Zuseher längst so weich gekocht, dass man ihm blind dorthin folgen würde.

Fazit:
Werner Herzogs Aguirre ist wohl das, was man als intensive Penetration des menschlichen Geistes bezeichnen könnte. Der Zuseher vegetiert gemeinsam mit den Figuren in einem unglaublichen Dampfkochtopf des Wahnsinns und dreht sich mit ihnen im Kreis des Scheiterns. Das legendäre Goldland El Dorado hängt als Ziel vor den Augen, beinahe als wolle es uns mit seiner Unerreichbarkeit verspotten, und zieht alles in den Abgrund. Beklemmender wurde der Abstieg in die Tiefen der menschlichen Seele und das Scheitern bei der Verfolgung des Unmöglichen selten auf der Leinwand dargestellt. Das ist Werner Herzog wie er leibt und lebt, und es ist faszinierend ihn auf seinen Pfaden zu folgen.

Wertung:

10/10 Punkte 

Filmering.at
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