Invincible

OT: -  133 Minuten -  Drama
Invincible
Kinostart: 17.01.2002
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
Will ich sehen
Liste
3695
Bewerten:

Filmkritik zu Invincible

Von am

Gibt es eine relative Konstante im Werner Herzogschen Filmschaffen, so sind das womöglich die Naturburschen, von denen der Regisseur in seinen Filmen immer wieder erzählt. Denn egal, wie verrückt oder traumwandlerisch die Protagonisten in seinen Filmen sind, immer ist ihnen eine ganz besonders starke Verbindung zur Natur, zum Land und zur Erde gegeben. Das mag man nun katholisch oder – wie es Herzog selbst immer auslegt – bayerisch sehen. Und so handelt INVINCIBLE von dem stämmigen, aber nicht besonders hellen, polnischen Schmied Zishe Breitbart (Jouko Ahola), der Kräfte wie ein Bär besitzt und von einem Zirkus entdeckt wird. Ihm winkt eine große Karriere in Berlin, wo die Nazis gerade, wir schreiben das Jahr 1932, am Installieren ihres Machtapparats sind. Zische gerät an den mysteriösen dänischen adeligen Hanussen (Tim Roth), der in seinem „Palast des Okkulten“ das Kommen des Erlösers Adolf Hitler weissagt und sich so einen Posten in dessen Kabinett erhofft. Zishe tritt dort als deutscher Held Siegfried auf, wird schlagartig berühmt, verliebt sich in die Pianistin Marta (Anna Gourari), und überwirft sich mehr und mehr mit Hanussen.

Selbst als Zishe seine wahre Identität Preis gibt, tut dies seinem Ruhm keinerlei Abbruch. Erst als auch die düsteren Geheimnisse Hanussens gelüftet werden, vergeht auch der Stern des Erfolgs für Zishe. Er kehrt zurück nach Polen, wo er schließlich stirbt, an einer Blutvergiftung, die er sich zuzieht, als er einen rostigen Nagel in ein Brett schlägt...

Zehn Jahre sollten die  beiden Spielfilmprojekte SCHREI AUS STEIN (1991) und INVINCIBLE trennen. Herzog war dazwischen selbstverständlich nicht müde und drehte jede Menge Dokumentarfilme, von denen wohl die Hommage an seinen liebsten Feind Klaus Kinski am bekanntesten ist. Mit INVINCIBLE kehrt Herzog also zurück in angestammtes Terrain, und ist verdammt zum Scheitern:

Zunächst wären da die Bilder, die der Herzogkenner bereits intus hat: Auch wenn die Kameraarbeit des Österreichers Peter Zeitlinger wahnsinniges Gespür für die Physis einer Szene entwickelt, so ergibt sie auf den Film als Gesamtes gesehen ein recht uneinheitliches Bild. Was die Kamera zeigt, hat man in ähnlicher Form schon in HERZ AUS GLAS oder WOYZECK gesehen. Herzog beschwört Traumbilder herauf – Mohnblumen weichen hier beispielsweise tausenden Krebsen am Strand. Für Marta und Zishe findet man im Palast des Okkulten anhand eines Aquariums voller Quallen auch das passende romantische Bild. Die Musik von Hans Zimmer und Klaus Badelt stimmt dabei immer wieder Wagner’sche Oper an, und unterstreicht so die romantische Ambivalenz des Films. Auch die Typisierungen im Film sind etwas arg gefällig: Schnell hat man Josef Bierbichler im Kopf, wenn man den stämmigen Finnen sieht, und Tim Roth sollte wohl als Klaus Kinski Ersatz fungieren. Von Haus aus nerven Kinder, die zu jeder erdenklichen Situation aus religiösen Schriften zitieren.

Nein, nicht falsch verstehen – die Besetzung des Films funktioniert schon! Roth gibt einen überaus feinsinnigen und diffizilen Hanussen mit diabolischem Blick, während Ahola sein herziges Gegenstück par excellence ist. Ahola selbst steht das erste Mal in einem Spielfilm vor der Kamera und machte sich einen Namen als stärkster Mann der Welt. Spielen muss er in dem Fall gar nicht so sehr, Hauptsache die körperliche Anstrengung überträgt sich auf den Zuschauer. Die russische Pianistin Anna Gourari spielt sich prinzipiell ebenfalls selbst, selbiges gilt für Max Raabe, der den schnoddrigen Entertainer der 20er Jahre gibt. Und Udo Kier selbstverständlich nicht zu vergessen. Auch er voll in seinem Element.

Der Film zerbricht vor allem an seinem Drehbuch, das zu viel auf einmal will: Es erzählt zunächst die Geschichte Zisches, interessiert sich dann aber vielmehr an der Hanussens – die zugegebenermaßen viel spannender wäre. Trotz 133 Minuten Laufzeit endet der Film viel zu lapidar. Marta ward nach ihrem großen Auftritt als Pianistin nie mehr wieder gesehen, Zishe kehrt zurück nach Polen, zu seinen Juden – weg vom korrupten Naziberlin, zurück in die behütete Heimat. Dort übernimmt Zishe praktisch die Rolle Hanussens, indem er seinen Leuten gewissermaßen den Holocaust weissagt – und keiner ihm zuhören will. Diese „Selbst Schuld“- Andeutung setzt dem Film doch tatsächlich die Krone der Schamlosigkeit auf. Zishe muss sterben, weil er sich, bei einem Demonstrationsakt seiner Stärke, an einem rostigen Nagel verletzt. Zwei Tage vor Hitlers Machtergreifung. Also doch nichts mit unbesiegbar.

INVINCIBLE mutet wie Stückwerk einzelner stimmiger und weniger stimmiger Werner Herzog Szenen an – als Gesamtes jedoch kann er ob seiner Biederkeit nicht wirklich ansprechen. Warum aber dennoch sechs Sterne? Im Endeffekt beschwört Herzog trotzdem seine alten Tugenden und spannt – bis auf den überflüssigen Schlussteil – zumeist angenehme Spannungsbögen, sodass man INVINCIBLE trotz seiner Schwächen gerne folgt. In Venedig bei seiner Premiere gnadenlos ausgebuht, in den deutschen Kinos ein Flop – es sollte wieder einige Jahre dauern, bis sich Herzog erneut an ein Spielfilmprojekt wagte – diesmal allerdings in den USA, mit seinem RESCUE DAWN.

Wertung:
6/10 Punkte

Filmering.at
Community
Ø Wertung: 6/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 1
10 /10
0%
9 /10
0%
8 /10
0%
7 /10
0%
6 /10
100%
5 /10
0%
4 /10
0%
3 /10
0%
2 /10
0%
1 /10
0%
Vielleicht interessiert dich auch
Keine Empfehlungen gefunden!
Der Film ist in diesen Listen
Keine Listen gefunden!