Letzte Worte

OT: -  13 Minuten -  Kurzfilm
Letzte Worte
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Filmkritik zu Letzte Worte

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Letzte Worte ist, wenn man das unglaubliche Schaffen des deutschen Autorenfilmers Werner Herzog, für einen Augenblick in normale Denkmuster presst, der letzte Film seiner Jugend. Er selbst spricht davon, dass er nach dem Dreh seines ersten Spielfilms Lebenszeichens schlagartig Erwachsen geworden ist. Tatsächlich heben sich seine frühen Kurzfilme auch etwas von seinem späteren Schaffen ab, und geben sich noch ein Stück experimenteller und ungeschliffener als seine ohnehin nicht gerade konventionellen anderen Filme.

Die Insel Spiralonga ist eine Geisterinsel. Ein Exil für Ausgestoßene vor der Küste Kretas. Früher war es der Platz an dem sich Leprakranke zum Sterben zurückgezogen hatten, doch ein einziger Mann ist auf der Insel geblieben und hat sie völlig alleine bewohnt. Man geht davon aus, dass er sich von Eidechsen ernährte. Doch dann wurde er von den Behörden zurück nach Kreta gebracht. Seit diesem Augenblick hat er beschlossen nichts mehr zu sagen, aber trotzdem wird er von den örtlichen Musikern als bester Lyra-Spieler der Insel bezeichnet…

Werner Herzog hat sich schon immer für Eigenbrödler interessiert. Für Menschen die ihren eigenen Weg voll durchziehen und keine Rücksicht auf die Ansichten anderer legen. Ganz besonders interessant wird es dann, wenn diese Menschen ihr Schrullen und ihrer eigenwilligen Art nachgehen, ohne dass es dafür einen erkennbaren Grund gibt, womit wir wieder bei der für Herzog so typischen „Eroberung des Nutzlosen“ wären.

Warum zieht sich ein Mensch auf eine einsame Insel zurück, auf der sich die Leprakranken zum Sterben zurückgezogen haben? Was bewegt ihn dazu fernab der Zivilisation in völliger Einsamkeit zu leben? Und vor allem: Warum beschließt dieser Mensch, nachdem man ihn gezwungen hat auf Kreta zurückzukehren, kein Wort mehr zu sprechen?

Man weiß es nicht, und es ist auch nicht Herzogs Interesse das herauszufinden. Stattdessen widmet er diesem Mann, dessen einziger Satz in die Kamera lautet, dass er nichts sagt, seinem Film, und nutzt ihn als ersten rebellischen Seitenhieb gegen die Obrigkeit, für die er kein wirklich gutes Wort übrig hat. Es ist offensichtlich, dass sich Herzog ganz hinter den verschrobenen Eigenbrödler stellt, und die Leute die sich in sein Leben eingemischt haben verachtet.

Seine Bildsprache und seine generelle Inszenierung ist dabei deutlich stilsicherer als in seinen Vorgängern gelungen. Inszenierung deshalb, weil Herzog auch dazu neigt seine Dokus zu beeinflussen, und nicht unbedingt versucht die direkte Wahrheit abzufilmen (in einem Interview erwähnte er, dass er nicht besonders viel vom Cinéma vérité hält), sondern eher nach einer ekstatischen Wahrheit sucht, und auch nicht davor zurückscheut eine Dokumentation zu inszenieren wenn es dem Finden dieser ekstatischen Wahrheit dient.

Zwar sind auch in seinen vorigen Dokumentationen bereits die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm verschwommen, was sich auch wie ein roter Faden durch das Schaffen Herzogs zieht, aber der Begriff der ekstatischen Wahrheit kann wohl als erstes auf seinen Film Letzte Worte angewendet werden. Herzog lässt die Menschen vor der Kamera nämlich nicht natürlich agieren, sondern beeinflusst sie sichtlich, was dazu führt, dass sie Sätze wiederholen um der Aussagen des Films in die Karten zu spielen.

Besonders interessant sind dabei die beiden Polizisten, die den Mann von der Insel geholt haben, und die Herzog ständig wiederholen lässt, dass sie ihn gerettet haben. Eigentlich der blanke Hohn, nachdem man sieht wie sich der Mann aus Protest zurückzieht und kein Wort mehr spricht. Kurz gesagt lässt Herzog die Menschen Nonsense sprechen und brabbeln, und geht damit auch den ersten Schritt in Richtung Analyse der menschlichen Sprache.

Dabei ist es natürlich klar, dass Letzte Worte sehr viel dem Zuseher überlässt, und nicht jeder Zugang zu diesem Film finden wird. Doch es wäre zu einfach dieses spezielle Werk als nichts sagend abzutun, da sich bereits einige typische herzogsche Motive darin befinden, wie zum Beispiel der kühle Blick auf die Willkür der Obrigkeit, das Unverständnis für sogenannte Wahnsinnige die gegen den Strom schwimmen und natürlich auch die Eigenwilligkeit der menschlichen Sprache, die in diesem Film eine ganz besondere Rolle spielt.

Fazit:
Letzte Worte ist ein sehr eigenwilliger Film, der sich auf äußerst spezielle Art einem ungewöhnlichen Menschen nähert. Werner Herzog zeigt das erste Mal seinen Ansatz der ekstatischen Wahrheit, in dem er diese Doku ganz offensichtlich inszeniert und zeigt auch bereits das erste aufblitzen späterer Motive, wie zum Beispiel die Auflehnung gegen die Obrigkeit, die menschliche Sprache und natürlich den Wahnsinn des Individuums, bzw. wie die Umwelt auf diesen reagiert. Für ein mainstreamorientiertes Publikum völlig ungeeignet, aber Fans des Autorenfilmers sollten einen Blick auf dieses ungeschliffene, rohe Werk riskieren.

Wertung:

6/10 Punkte

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