Ten Thousand Years Older

OT: -  10 Minuten -  Kurzfilm
Ten Thousand Years Older
Kinostart: 19.12.2002
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
Will ich sehen
Liste
3679
Bewerten:

Filmkritik zu Ten Thousand Years Older

Von am

Der Stamm der Uru Eus lebte bis 1981 im entlegendsten Teil des Amazonas Urwalds – im Grenzgebiet von Brasilien und Bolivien. Holzfäller und Goldsucher drangen immer tiefer in den Urwald vor und wurden so zur Bedrohung der Indios, die jeden Kontakt mit den Eindringlingen scheuten. Bis sich schließlich eine Expedition aufmachte, um dem halb nomadischen Stamm zu begegnen. Begleitet von einem Filmteam sollten diese Menschen binnen kürzester Zeit von der Steinzeit in die Gegenwart geschleudert werden – 10.000 Jahre älter werden. Innerhalb eines Jahres war der Stamm der Uru Eus von Infektionen wie Grippe und Pocken fast zur Gänze ausgerottet.

Werner Herzog filmt 20 Jahre später mit dem gleichen Kameramann, der bereits die erste Begegnung zwischen der zivilisierten Welt und den Steinzeitmenschen aufgenommen hatte, im selben Gebiet. Sie treffen auf zwei ehemalige Krieger, Tari und Wapo. Tari ist seit Jahren an Tuberkulose erkrankt, muss regelmäßig ins Krankenhaus. Rein äußerlich haben sie sich angepasst, sie tragen T-Shirts und Baseballkappen, Uhren kennen sie auch heute nicht. Die wenigen jungen Stammesmitglieder schämen sich ihrer Herkunft und träumen davon, in die Stadt zu ziehen. Die Tage der Uru Eus sind endgültig gezählt…

Wer in den letzten Tagen aufmerksam Nachrichten gehört, gelesen oder gesehen hat, dem sollte nicht entgangen sein, dass selbst heute, anno 2008, noch immer unentdeckte Indiostämme im Urwald des Amazonasgebiets leben. Sie ziehen sich tiefer und tiefer in die Wälder zurück, um zu überleben. Denn eins ist klar: Ihr Immunsystem ist auf unsere Krankheiten nicht vorbereitet.

Zu dem gemeinschaftlichen Kurzfilmprojekt TEN MINUTES OLDER (Segment THE TRUMPET) zwischen Regisseuren wie Aki Kaurismäki, Wim Wenders, Spike Lee oder Jean-Luc Godard steuerte Werner Herzog den wohl dokumentarischsten Beitrag bei. Die erste Hälfte seines Projekts besteht dabei fast ausschließlich aus Archivaufnahmen – genau dem Material, das 1981 gedreht wurde. Herzog kommentiert diese Aufnahmen, mit dem Wissen, das wir uns so aneignen, erfährt diese Befragung der Bilder schier unglaubliche Ausmaße. Als Zuschauer kann man nur – den Kopf vor Ungläubigkeit schüttelnd – immer wieder für sich wiederholen, dass hier Steinzeitmenschen auf unsere hoch technisierte Industriegesellschaft treffen.

In der zweiten Hälfte ist Herzog neugieriger Fragensteller, der sich mit größter Behutsamkeit den Indios nähert. Herzog selbst kennt die Gepflogenheiten dieser Menschen, hat er doch bereits AGUIRRE (1972) und FITZCARRALDO (1982) im Dschungel gedreht und sich auch in seiner weiteren Arbeit immer wieder mit indigenen Völkern auseinander gesetzt (WO DIE GRÜNEN AMEISEN TRÄUMEN, 1984 sowie WOODABE, 1989). Rein stilistisch ist TEN THOUSAND YEARS OLDER am ehesten mit GRIZZLY MAN (2005) zu vergleichen, der ebenfalls um existente Archivaufnahmen herum gedreht wurde.

Interessant ist vor allem der Film im Kontext zu den Arbeiten, die sich ebenfalls in der TEN MINUTES Reihe befinden: Das Projekt zeigt auf verschiedene Art und Weise, wie die (kurze) Zeitspanne von zehn Minuten nicht nur „ver“ sondern überhaupt „gehen“ kann. Kollege Wim Wenders beispielsweise packt in seine Geschichte eine recht rasante Szene, während Victor Erices oder Istvan Szabos Beiträge sich recht genau an die immanenten zehn Minuten halten. Der tschechische Regisseur Jiri Menzel hingegen setzt auf die Kraft des Augenblicks. Herzogs Beitrag darf da als spannendster gelten, was die Zeitdimension(en) betrifft: Zwei Mitglieder eines Urwaldstamms, der zehntausend Jahre in die Zukunft geworfen wurde, werden zwanzig Jahre später nach ihrem Befinden und ihrer Einschätzung befragt. Im Film dauert dies ca. fünf Minuten. Zeit kann alles, Zeit darf alles – Zeit ist die ultimative „Waffe“ im Rüstzeug eines Regisseurs. Wer sie beherrscht, beherrscht das Publikum.

Wertung:
9/10 Punkte
Filmering.at
Community
Ø Wertung: 9/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 1
10 /10
0%
9 /10
100%
8 /10
0%
7 /10
0%
6 /10
0%
5 /10
0%
4 /10
0%
3 /10
0%
2 /10
0%
1 /10
0%
Vielleicht interessiert dich auch
Keine Empfehlungen gefunden!
Der Film ist in diesen Listen
Keine Listen gefunden!