Herzausreisser (2008)

OT: Herzausreisser - 85 Minuten - Dokumentation
Herzausreisser (2008)
Drehbuch:
Kinostart: 30.05.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Das Wienerlied ist eine Herzensangelegenheit und ein Problem. Erblich erheblich vorbelastet mit Kitsch und Heurigenseligkeit, Chauvinismus und Larmoyanz, hat es in zeitgenössischen Reinkarnationen wieder zu seiner wilden, undisziplinierten Seite gefunden: Dann tönt es unverblümt und offen, komisch und hintersinnig, poetisch und zart, düster und manchmal so traurig-schön, dass es einem das Herz zerreißt.

Auch die in diesem Sinne musizierenden Forscher und Sammler, Melancholiker, Provokateure und Umstürzler, die in Karin Bergers Dokumentarfilm Herzausreisser ausführlich zu Wort kommen, haben zum Wienerlied ein anhaltend ambivalentes Verhältnis. Aber sie haben sich dieses Stück Wiener Populärkultur, von dem keiner endgültig sagen kann, was es nun eigentlich ist, auf ihre je eigene Weise erarbeitet und anverwandelt. „Identitätskrisen“ überwunden, Klischees und Vorurteile ausgemustert, Vorbilder und Klänge ausgeforscht, ihre Instrumente gefunden. Auch von diesen individuellen Aneignungsprozessen erzählt der Film.

Die fragende Bewegung von Herzausreisser führt aber zuerst ein Stück weit in die Vergangenheit: Ins Nachkriegswien, in dem das Wienerlied als Teil der Alltagskultur noch präsenter war. Bald brachten Literaten wie H.C. Artmann das Wienerische – oder allgemeiner: Dialekt – in ihren Texten neu zum Klingen, unterstützt von kongenialen Interpreten wie Helmut Qualtinger. Und immer wieder (von Karl Hodina bis Kollegium Kalksburg und darüber hinaus) eröffnete die Begegnung mit, die Sehnsucht nach anderen Musikkulturen neue Zugänge zur Tradition vor Ort: „I tät zwoa gean in Chikago auf d’ Wöd kumman sein, i bin owa in Wien auf d’ Wöd kumma.“ (Roland Neuwirth)

Das, wovon geredet wird, kann man in Herzausreisser auch hören. Das Wienerlied swingt. Es hat den Blues. Aktuell scheint man es bevorzugt mit lateinamerikanischen Einflüssen zu verschneiden. Interviewpassagen wechseln einander mit musikalischen Darbietungen ab. Keine aufs Stichwort verabreichten Häppchen, sondern vollständige Musikstücke. Die Kamera notiert Fingertänze über Knopfreihen oder auf Zitherseiten, das Mienenspiel der Sängerinnen und Sänger, das Nachgeben und Mitgehen der Körper.

Hörbar wird gleichzeitig auch, wie das Intonieren des Wienerischen beim Reden und Singen zusammen hängen. Im Sprechen der Befragten genau so wie zum Beispiel in jener Szenenfolge, die an eine Lesung von H.C. Artmann aus der „schwoazzn dintn“ mit der pointierten Vertonung des Textes durch Ernst Kölz (dem Komponisten der „Schwarzen Lieder“ in den frühen 60er Jahren) anschließt:

„heit bin e ned munta wuan,
de bendlua schded no ima
und dea schneeane engl schdet doo
und schaud me au wia r e so ausgschdregta doolig
und mei schlof is scho soo diaf
das ma glaaweis und launxaum
winzege schdeandaln aus eis
en de augnbram
zum woxn aufaungan“
Isabella Reicher

Extase, Schmalz und Anarchie
Kommentar der Regisseurin
Am Beginn meiner Arbeit für diesen Film stand ein Bild meiner Vorstellung – eine Filmszene in schwarz-weiß: Wienerinnen und Wiener singen in nostalgischer Kleidung ein Wienerlied. Sie sind beim Heurigen und sind etwas betrunken.

Bei der Recherche für Herzausreisser habe ich dieses Bild dann gefunden - im Spielfilm “Schrammeln” aus dem Jahr 1944: Extatisch gesungenes Wienerlied, kollektiver Heurigenrausch, gemeinsames Weggetreten-Sein. Nun bildet es einen zentralen Punkt des Filmes, zu dem er sich hinbewegt, den er aber bald wieder verläßt. Heinz Conrads repräsentiert mit “I brauch kan Lido und kan Palazzo” noch ein Beispiel der schmalzigen Liedvariante, dann wendet sich die Erzählung in eine neue Richtung: Vincenz Wizelsberger vom Kollegium Kalksburg spricht von den Einflüssen Qualtingers, Kölz’ und Artmanns auf seine Arbeit.

Was mich selbst für diesen Film motiviert hat, findet sich in dieser Sequenz: Aufgewachsen auf dem Land mit Schwarz-weiß-Filmen der 40er und 50er Jahre, an Samstag Abenden durch Heinz Conrads-Sendungen sozialisiert und - nach meiner Ankunft in Wien - von H.C. Artmann und Helmut Qualtinger begeistert.

Der Film oszilliert zwischen Biografischem und Musikalischem, bezieht beides aufeinander, bindet es in einen historischen Prozess ein. Er ist eine Suche geworden, eine Begegung mit Musikerinnen und Musikern. Was treibt sie an? Wie gehen sie mit der Tradition um? Was verbindet sie mit Wien? Die Künstler haben Zeit, nachzudenken, während sie für den Film sprechen, gehen in die Tiefe ihrer Reflexion, lassen das Publikum an Prozessen teilhaben. Sie erzählen zwar von ihren individuellen Zugängen, weben aber an einem gemeinsamen Teppich.

In Herzausreisser geht es um ein Grüpplein Unverdrossener und Verwegener, das nach eigener Wiener Musik sucht, sie für sich brauchbar macht, in den letzten Jahrhunderten kramt, Altes und Neues verbindet, schöne Melodien findet, sich über das Wienerlied lustig macht, und - als Antithese zu Kitsch und Sentimentalität - auch wieder schwarze Seiten zum Klingen bringt.

Thematisch geht es um Inhalte und Formen der Wiener Populärmusik, um Fernweh und Hierbleiben, um Liebe, Tod und Alkohol, um männliches Selbstmitleid und Resignation.Es geht aber auch um: Schöne Instrumentalmusik, differenzierte Klänge, die Einflüsse des Slawischen oder die Bedeutung der Wiener Sprachfärbung für die Musik.

Der Film streunt durch die Geschichte, er folgt den Spuren und Aneignungsweisen von Wiener Populärmusik nach 1945. Die erste neue, auf das Wienerlied bezogene Komposition nach der Hochblüte des Süßlichen im NS-Unterhaltungsfilm war von schwarzem Humor inspiriert. Ernst Kölz vertonte in den frühen 60er Jahren Texte aus H.C. Artmanns “med ana schwoazzn dintn”, Helmut Qualtinger interpretierte sie – ein “trio congenial”. Bald nach diesen “Anti-Wienerliedern” ließ der Akkordeonspieler Karl Hodina Jazz und Blues in seine neuen Lieder einfließen und begann damit eine Renaissance des traditionellen Wienerliedes. Seine erste Komposition war ebenfalls eine Vertonung eines Gedichtes von H.C. Artmann. Der Bogen des Filmes spannt sich von diesen “Vorläufern” zu neueren musikalischen Versuchen wie jenen des Kollegium Kalksburg, das anarchisch und wild mit der Tradition verfährt.

Gemeinsam ist allen Musikerinnen und Musikern, dass sie aus alten Ingredienzien Neues gestalten. Traditionelles spielt eine Rolle, oft aber nur mehr verpackt als Zitat: Alte Harmonien werden mit Blues und Jazz verbunden, lateinamerikanische Rhythmen mit Wiener Dialekttexten, alte Instrumentalmusik unschmalzig, “englisch” interpretiert.

Alle Protagonisten suchen und finden auch. Was sie finden, bleibt ambivalent und so auch der Ton des Filmes. Es gibt keine wirklichen Sieger. Eine Möglichkeit zur Katharsis bietet der Film erst am Schluss. Das Kollegium Kalksburg spielt mit anderen Musikern in einem hellen Raum das Che Guevara-Lied auf wienerisch (I moch bresln und brobleme!) - Keine heimelige Wirtshausstube mehr, sondern modernes und kühles Ambiente. Es zerfällt so Einiges.

Karin Berger


Quelle: Herzausreisser.at

Filmering.at
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