Paris, Texas

OT: -  148 Minuten -  Drama 
Paris, Texas
Kinostart: 24.10.1984
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 18.07.2013
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Filmkritik zu Paris, Texas

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Ein Mann namens Travis (Harry Dean Stanton) wandert durch die schier endlose texanische Wüste, bis er in einem kleinen Kaff vor Erschöpfung zusammenbricht. Ein Arzt päppelt ihn wieder auf und verständigt dessen Bruder Walter (Dean Stockwell), um ihn abzuholen. Doch als er ankommt ist Travis wieder verschwunden. Walter findet ihn, erneut durch die Wüste wandernd, und nimmt ihn, nach einigen kleinen Schwierigkeiten und Stolpersteinen, mit zu sich nach Kalifornien. Dort wartet Travis acht jähriger Sohn Hunter (Hunter Carson) auf ihn, der die letzten vier Jahre, seit dem verschwinden seines Vaters und seiner Mutter Jane (Nastassja Kinski), von Walter und seiner Frau großgezogen wurde.

Travis, unfähig sich an die letzten vier Jahre zu erinnern, beginnt wieder langsam ein Verhältnis zu seinem Sohn aufzubauen. Das gestaltet sich anfangs jedoch ziemlich schwierig, denn Travis, nicht gerade der zugänglichste und offenherzigste Mensch, und Hunter, ein acht jähriger Bub, der sich kaum noch an seinen Vater erinnern kann, wissen zu beginn nicht, wie sie sich zueinander verhalten sollen. Doch die Lage bessert sich immer mehr und langsam aber sicher, bauen sie eine Beziehung zueinander auf.

Just an dieser Stelle ändert sich die Richtung des Films erneut. Travis und Hunter beschließen, sich auf die Suche nach Jane zu machen. Gesagt, getan. Dank einem Tipp von Walters Frau, finden sie Jane in Houston, Texas. Dort kommt es, in einer der ergreifendsten und zugleich stärksten Dialogsequenzen der Filmgeschichte, zur finalen Aussprache zwischen Travis und Jane. Am Ende nimmt der Film abermals eine Wendung, die der Familie ein absolutistisches Hollywood-Happy-End verweigert, ohne jedoch irgendwen klischeehaft sterben zu lassen.

Paris, Texas ist ein überaus ungewöhnlicher Film. Trotz seines scheinbar langsamen Tempos, besitzt er eine innere Dynamik, die vor allem den komplexen Figuren und der sich ständig wandelnden Geschichte zu verdanken ist. Trotz der Wendungen innerhalb der Geschichte, bleibt der Film ständig plausibel und alles was die Figuren machen, hat seine Berechtigung. Das liegt vor allem an der enorm dichten Vorgeschichte, die sich zwischen all den Figuren in der Vergangenheit abgespielt hat und sich langsam immer mehr entfaltet.

Das, was diesen Film aber wahrhaftig zum Meisterwerk macht, ist die Tatsache, dass er, trotz all seiner emotionalen Wucht und Stärke, nie ins Kitschige abgleitet. Paris, Texas ist ein Film, der von seiner Emotionalität und seinen Gefühlen lebt. Er sprudelt nur so über vor kleinen, aber feinen Szenen, welche die Gefühlswelt der Figuren darstellen. In den falschen Händen hätte dieser Stoff, geschrieben von Sam Shepard und adaptiert von L.M. Kit Carson, leicht zu einem kitschigen und klischeehaften Gefühlskino degenerieren können. Nicht, dass ich was gegen Gefühle im Film hätte, ganz und gar nicht. Aber sie müssen gekonnt dargestellt werden. Doch dieses Kunststück gelingt nur den wenigstens Filmen. Paris, Texas gelingt dieses Meisterstück jedoch scheinbar mühelos.

Dies verdankt der Film aber nicht nur dem herausragenden Drehbuch, das angeblich sogar noch während den Dreharbeiten weiterentwickelt und geschrieben wurde, sondern zum einen der kräftigen Bildsprache des Regisseurs Wim Wenders und zum anderen den enorm begnadeten Darbietung der Schauspieler. Allen voran Harry Dean Stanton als Travis, der mit seiner subtilen, aber derart wuchtigen Darstellung, einmal mehr zeigt, was für ein unglaubliches schauspielerisches Talent in ihm steckt. Er verleiht seiner Figur eine omnipräsente Aura, die während dem ganzen Film spürbar ist. Ohne viel Gerede, schafft er es die ganze Komplexität und Verletzlichkeit, aber gleichzeitig auch Stärke und Zielstrebigkeit von Travis zum Ausdruck zu bringen. Auch die Nebenrollen leisten großartiges. Egal ob so erfahrene Schauspieler wie Dean Stockwell oder Nastassja Kinski (die Tochter des genial-verrückten Klaus Kinski) oder ein Neuling wie der junge Hunter Carson, sie alle zeigen, wozu sie in der Lage sind und holen alles aus ihren Figuren raus.

Was hat es denn nun eigentlich mit dem Titel, dem ominösen Paris in Texas auf sich? Dabei handelt es sich im Film um ein Stück Land, welches sich Travis einst gekauft hat und nun nach wie vor als braches Wüstenland in eben jenem Paris, Texas auf Travis Ankunft wartet. Der Grund für seinen Kauf mag am Anfang schwer nachzuvollziehen sein, doch wird er im Verlauf des Films immer klarer. Er wusste von seinen Eltern, dass sie sich genau an jenem Ort zum ersten Mal geliebt hatten. Für ihn ein klarer Fall das Land sofort zu kaufen.


Fazit:

Paris, Texas ist ein Film, der seine Schönheit und Wucht, trotz seiner Dynamik, nur langsam entfaltet. Er öffnet sich dem Zuschauer sehr vorsichtig und zaghaft, genau wie Travis selbst. Das mag vielleicht nicht jedem Publikum gefallen und der Film ist auch sicherlich nicht für jedes Publikum geeignet. Zudem ist es kein Film, den man sich oft hintereinander anschauen kann. Aber für all jene (ganz besonders solche, die sich „Cineasten" nennen), die den Mut aufbringen sich auf diesen Film einzulassen, wartet ein kleines, feines und bezauberndes Meisterwerk voller Schönheit und Kraft.

Wertung:
9/10 Punkte

Filmering.at
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