Im Tal von Elah

OT: -  122 Minuten -  Drama
Im Tal von Elah
Kinostart: 30.05.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Im Tal von Elah

Von am

Eigentlich könnte man fast von einem Blitzstart sprechen, den Paul Haggis in den letzten Jahren hingelegt hat. Aber nur eigentlich, denn in Wahrheit ist der talentierte Autor bereits seit 20 Jahren im Business und musste lange vergeblich auf seinen Durchbruch warten. Als dann aber seine Zeit gekommen war, ging alles Schlag auf Schlag: Zunächst legte sein Drehbuch zu Million Dollar Baby den Grundstein für einen weiteren großen Oscar- und Kritikererfolg von Clint Eastwood, und durch den Erfolg beflügelt startete Paul Haggis auch als Regisseur voll durch und holte sich mit seinem Film L.A. Crash sowohl den Oscar für den besten Film als auch für das beste Drehbuch.


Doch wo große Kraft ist, ruht auch große Verantwortung, lehrte uns einst Spider-Man, und so hat ein solcher Kickstart in späten Jahren natürlich auch zur Folge, dass man an die folgenden Projekte mit einer sehr hohen Erwartungshaltung herangeht. Zunächst gab sich Haggis auch keine Blöße, sondern setzte bei seiner Mitarbeit am Drehbuch zum Clint Eastwood-Film Letters from Iwo Jima und am Drehbuch zum ausgezeichneten Bond-Neustart Casino Royale auf die richtigen Pferde. Doch trotz dieser Teilerfolge wartete alles auf sein nächstes Regieprojekt. Dieses schafft es nun endlich auch in unsere Kinos, ist aber leider nicht ganz das Meisterwerk, das man sich erhofft hatte.


Mike Deerfield kämpfte 18 Monate lang im Irak für sein Heimatland, doch kurz nach seiner Rückkehr in die Heimat ist er plötzlich spurlos verschwunden. Mikes Vater, Hank Deerfield (Tommy Lee Jones), der einst bei der Militärpolizei gearbeitet hat, reist los, um im verschlafenen Armeestützpunkt Fort Rudd in New Mexico mit der Suche nach seinem Sohn zu beginnen. Dort stößt er zunächst auf wenig Gegenliebe, bis er schließlich in der Polizistin Emily Sanders (Charlize Theron) eine erste Verbündete gewinnt, mit deren Hilfe er auf ein Netz aus Lügen und Korruption stößt, an dessen Spitze die grausame Wahrheit hinter Mikes Verschwinden steht...


Über die Fähigkeiten von Paul Haggis kann man mit Sicherheit viel erzählen, aber eines fällt am deutlichsten auf, wenn man sich mit seinen Arbeiten beschäftigt: Subtilität zählt zweifellos nicht zu seinen Stärken. Während dieser plakative Stil in seinen Drehbüchern durch die ruhige und besonnene Regie von Clint Eastwood in ihren gemeinsamen Arbeiten Million Dollar Baby, Flags of our Fathers und Letters from Iwo Jima großteils egalisiert wird, kommt er in seinen eigenen Projekten, bei denen er auch Regie führt, deutlich ans Tageslicht.


So hörte man an vielen Stellen deutliche Kritik am oscarprämierten L.A. Crash, der bei aller Klasse sicher kein Beispiel für dezentes Filmemachen ist. Viel mehr stürzt sich Haggis auf ein Thema, und damit auch ja keiner die Absichten des Regisseurs missversteht, hämmert er die Botschaft mit dem Holzhammer in den Schädel des Zusehers. Löblich ist dabei sicher, dass man argumentieren kann, dass Haggis ein Filmemacher ist, der zu seinen Ansichten steht und sie auch mit aller Kraft vertritt, aber als Kritikpunkt bleibt eben stets diese undifferenzierte Michael Moore-Ästhetik über.


Während er in L.A. Crash noch einen Appell für mehr Menschlichkeit und weniger Rassismus in Richtung Zuseher brüllte, nähert sich Im Tal von Elah dem mittlerweile eigentlich gar nicht mehr so heiklen Thema des Irakkriegs. Dabei ist der Film auf den ersten Blick scheinbar ein simpler Whodunit-Krimi, dessen einziger Reiz darin besteht herauszufinden, wer der Täter ist. Dabei hat uns Hitchcock bereits gelehrt, dass dies die uninteressanteste Form des Filmemachens ist, da sie ihren Reiz bereits nach kurzer Zeit verliert und ein mehrmaliges Ansehen des Films eigentlich unnötig ist.


Doch bei näherer Betrachtung stellt man fest, dass dieser oberflächliche Ansatz dem Film nicht gerecht wird, denn die falschen Fährten, die Haggis auslegt, sind beinahe zu simpel, um wirklich den Eindruck zu hinterlassen, dass die Krimigeschichte das primäre Ziel des Filmemachers wäre. Außerdem ist der generelle Grundtenor des Films eigentlich viel zu ruhig, um in das Muster des Genres zu passen, und Haggis lässt viel zu viel freien Raum, der eher durch die Schauspieler gefüllt wird anstatt mit spannenden Szenen aufbereitet zu werden.


Im Tal von Elah will also kein Film sein, dessen einziger Sinn es ist, den Mörder zu erraten, viel mehr versteht er sich als durchaus interessante Charakterstudie, die sich vorwiegend um das Thema Krieg dreht. Das Zentrum des Films bildet dabei der wie immer großartige und für die Rolle völlig zurecht für den Oscar nominierte Tommy Lee Jones, der alleine durch einen Blick mehr ausdrückt als es andere mit tausend Worten könnten. Zwar kann man nicht behaupten, dass die Rolle des Hank etwas völlig Neues im Oeuvre von Tommy Lee Jones wäre, aber die Rolle des stoischen, eigenwilligen Kauzes ist ihm einfach auf dem Leib geschrieben.


Und gerade die Ruhe, die Tommy Lee Jones mitbringt, ist auch der Grund, warum Im Tal von Elah über weite Strecken funktioniert. Denn wenn man ehrlich ist, besitzt das Drehbuch von Haggis so einige Lücken, die nur dank des großartigem Spiels von Tommy Lee Jones gefüllt werden und das Gezeigte weiterhin interessant bleiben lässt. Er ist es nicht nur, der mit seiner antrainierten Disziplin und seinem ansteckenden Willen die Geschichte vorantreibt, er ist es auch, der die Zuseher bei der Stange hält.


Dabei dürfen wir dem durchaus faszinierenden Reifeprozess eines glühenden Patriotens beiwohnen, der zunächst blind von seinem Land und dem Krieg überzeugt ist, der aus seinem Jungen einen starken Mann formen wird, aber nach und nach die Fassade seiner Überzeugung bröckeln sieht und hinter dem Ganzen entdecken muss, dass blinder Patriotismus nicht viel mehr als Dummheit ist und der Krieg ihm keinen stärkeren Sohn zurückgebracht hat, sondern einen emotional gestörten, der das Erlebte nicht verarbeiten konnte und schließlich an den Auswirkungen des Krieges zugrunde gegangen ist.


Genau auf dieser Ebene punktet das Drehbuch von Paul Haggis und lässt einige uninteressante Passagen, also hauptsächlich die, die sich um das simple Lösen des Falles drehen, vergessen werden. Als feines Charakterdrama funktioniert Im Tal von Elah nämlich ausgesprochen gut, nur sorgen die vielen kleinen Patzer und vor allem die eingestreuten Holzhammermethoden von Haggis (speziell die letzte Szene des Films ist hierbei nur schwer zu ertragen, da Haggis Symbolik über plausible Stilistik setzt), dämpfen den Film schlussendlich auf ein solides „gut".


Fazit:

Jeder, der ein Meisterwerk erwartet, wird wohl eine leichte Enttäuschung erleben, denn Im Tal von Elah ist „nur" ein wirklich guter Film, der sich oberflächlich als simpler Whodunit-Krimi präsentiert, aber in Wirklichkeit ein feinfühliges Charakterportrait skizziert. Dabei liegt es speziell an der faszinierenden Darbietung von Tommy Lee Jones, dass der Film auch in seinen eher uninteressanten Momenten funktioniert und somit großteils als gelungen in Erinnerung bleibt. Einen richtig meisterhaften Film verhindern hier die  Unentschlossenheit seines Regisseurs, die teilweise simple Krimihandlung und viele kleine Patzer, die speziell dadurch begründet werden können, dass Paul Haggis eben ganz gerne zum Holzhammer greift, wenn er seinem Publikum etwas sagen will. Ansonsten mit Sicherheit empfehlenswert.


Wertung:

7/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 7.8/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 6
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