Ben X

OT: -  94 Minuten -  Drama
Ben X
Kinostart: 22.05.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Ben X

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Man soll zwar eigentlich nicht so verallgemeinern, aber in diesem speziellen Fall, wo das Verallgemeinern schon zum einzigen Schachzug der Medien mutiert ist, scheint diese Praxis dann doch akzeptabel zu sein. Denn die „Randgruppe" der Videospieler, die in den Medien gerne als weltfremde Geekschar dargestellt wird hat scheinbar keinen guten Ruf in der Welt. Computerspiele sind böse, leiten uns zu schrecklichen Taten und haben auch sonst kaum positive Eigenschaften die es Wert wären aufgezählt zu werden. So zumindest das Vorurteil, welches seit Jahren verbreitet wird.


Denn normalerweise lässt man das Thema Computerspiele gerne unberührt, vermeidet jeden Kontakt und schon gar nicht möchte man einen realitätsnahen Einblick in die Welt der Spiele zeigen. Denn man braucht ja schließlich einen Sündenbock falls es mal wieder irgendwo einen Amoklauf gibt. Denn eines ist sicher: Der Täter hatte mit Sicherheit eines dieser gefährlichen Killerspiel auf dem Rechner. Dass diese Schlammschlachten mittlerweile längst lächerliche Züge angenommen haben ist aber wohl nur den Leuten bekannt, die sich auch tatsächlich einmal hingesetzt haben und besagte Spiele getestet haben, was wohl nur die wenigsten Buhrufer tatsächlich gemacht haben.


Was hat das jedoch alles mit dem hier besprochenen Film Ben X zu tun? Zunächst sehr wenig möchte man meinen, aber man darf nicht vergessen, dass es neben den so verhassten Killerspielen mittlerweile auch eine andere Sorte Spiel gibt, das es in die Schlagzeilen schafft: Die MMORPGs, also Rollenspiele, die man über das Internet mit tausenden anderen Spielern gemeinsam erlebt. Die durchaus kritische Nebenerscheinung dieser Spiele ist eine nicht zu unterschätzende Suchtwirkung, die im extremsten Fall sogar zu starken Realitätsverlust führen kann. Und somit wäre die Brücke zu Ben X wieder geschlagen.


Ben (Greg Timmermans) ist Autist und lebt zurückgezogen und in sich gekehrt bei seiner Mutter (Marijke Pinoy). Durch seine offensichtlichen Schwächen im Umgang mit anderen und durch die sonstigen Probleme in seinem Leben zählt Ben in seiner Klasse nicht gerade zu den beliebtesten. Viel mehr leidet er durch die pausenlose Schikane seiner Schulkollegen, die ihn bis aufs Blut quälen und ihm keine Ruhe lassen. Ein Held ist Ben nur dann wenn er nach Hause kommt, seinen Computer einschaltet und dann in die Welten des Online-Rollenspiels Archlord flüchtet, wo er gemeinsam mit seiner einzigen Freundin Scarlite (Laura Verlinden) viele Abenteuer durchlebt. Doch als sich seine Schulkollegen etwas besonders gemeines für ihn ausdenken wird es Ben zuviel...


Nic Balthazar ist quasi in jeder Hinsicht der geistige Vater von Ben X. Denn bereits die literarische Vorlage „Nichts war alles, was er sagte" stammt aus seiner Feder und neben der Umwandlung in Drehbuchform hat der Autor für die Verfilmung auch das erste Mal am Regiestuhl platzgenommen. In solch einem Fall, wenn sich also ein Autor als Regisseur versucht, gibt es im Wesentliche drei grobe Richtungen in die sich die ganze Sache entwickeln kann: Die erste ist, dass der Regisseur die neuen Mitteln des Medium Films vernachlässigt und nur versucht straight seine Worte irgendwie auf die Leinwand zu bringen, die zweite ist, dass er genau die richtige Mischung der filmischen Mitteln findet mit denen er seine Geschichte erzählt und die dritte Möglichkeit, die in diesem Fall eingetreten ist, ist, dass der Autor durch die neuen Möglichkeiten etwas überfordert ist, und somit der Film visuell etwas zu überfrachtet ist.


Denn Nic Balthazar hat sich dazu entschlossen einen nicht unwesentlichen Teil seines Films direkt im Onlinespiel Archlord zu drehen. Nun gibt es teilweise Szenen die ausschließlich im Spiel spielen, aber  es gibt auch Aufnahmen in denen sich die echte Welt mit der Welt des Spiels vermischt. So zum Beispiel wenn Ben im Bad ist und plötzlich ein Interface erscheint, welches quasi auf die Charaktererstellung im Spiel Bezug nimmt, oder wenn Ben wieder einmal von seinen Mitschülern schikaniert wird und der Film plötzlich in die Spielansicht umschaltet und zeigt wie Ben von Orks belagert wird.


Worauf das ganze hinauslaufen soll ist relativ einfach zu erkennen. Da Ben ein autistischer Junge ist, kann man die Entwurzelung aus der Realität natürlich noch etwas überspitzter darstellen, als wenn es sich um einen gesunden Jungen handeln würde. Für Ben bietet sich in den Welten von Archlord somit reichlich viel Raum in den er sich fallen lassen kann. Einmal ist er nicht der, der von allen gehänselt wird, sondern auf der Siegerstraße und kann sogar ein Mädchen auf sich aufmerksam machen. Da es ihm also in der Onlinewelt viel besser geht als in der Realität, träumt er sich auch im normalen Leben zurück ins Spiel und stellt eine Mischung aus beiden Welten her, die Nic Balthazar optisch etwas übertrieben auf die Leinwand gebannt hat.


Nun ist es aber leider so, dass all dies nicht relativ geschickt gelöst wurde. Wenn man ganz gemein ist, könnte man die Vorgehensweise des Films sogar als plump und unkreativ bezeichnen. Denn der gute Gedanken, der sowohl bei der literarischen Vorlage, als auch bei der Filmadaption mit Sicherheit vorhanden war, steht immer im Vordergrund und um die moralische Wirkung des Films auch sicher in die richtige Richtung zu locken ließ man es sich nicht nehmen ordentlich mit der Keule um sich zu schlagen. Denn obwohl das fertige Ergebnis also durchaus löblich und beachtlich ist, so ist der Weg dorthin nicht immer gut gewählt.


Denn alles rund um Bens Welt wird so in die richtigen Bahnen gelenkt, dass sein Schicksal als Ganzes den Zuseher möglichst tief berühren soll, was aber gerade weil sich alles so konstruiert anfühlt nicht passiert. Die Klassenkammeraden von Ben werden so als das absolute Böse gezeichnet und scheinbar gibt es keinen einzigen der sich auch nur irgendwie für den kranken Jungen stark macht. Natürlich können Kinder gemein sein, aber in der Form wie es hier geschieht, ist es so übertrieben, dass man es sich als Zuseher nur als Stilmittel der Geschichte erklären kann, was natürlich bewirkt, dass man aus den natürlich Verlauf der Geschichte geworfen wird.


Neben diesem Handlungsbogen, der die generellen Probleme eines autistischen Junges zeigt, versucht Ben X gewissermaßen auch noch sein Statement zur Diskussion um die Online-Rollenspiele abzugeben. Doch Statement wäre eigentlich das falsche Wort, denn in Wahrheit wiederholt Ben X nur noch einmal was wir alle ohnehin schon gewusst haben: Diese Art der Computerspiele kann unter gewissen Umständen zur Sucht führen und im schlimmsten Fall auch das Realitätsbewusstsein des Spielers beeinflussen. Da Ben aber offensichtlich kein durchschnittlicher Junge ist, sondern eben durch seinen Autismus beeinträchtigt ist, behält Ben X keinen generellen Standpunkt zu diesem Thema, was schließlich bewirkt, dass dieser Ansatz völlig verpufft und im Wesentlichen als unnötig erscheint. Für diejenigen Zuseher die ohnehin schon ihre Probleme mit dem Aufbau des Ganzen hatten, wird der peinliche Schlusstwist dann schließlich nur ein Kopfschütteln auslösen. Dies soll allerdings keinenfalls bedeuten, dass Ben X für niemanden geeignet ist. Denn spezielle jüngere Zuseher bekommen durch den Film vielleicht die wertvolle Lektion nahe gebracht, dass man auch Menschen respektieren muss die nicht so sind wie man selbst.


Fazit:

Großteils wirkt es so, als wolle Ben X zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Denn zum einen erzählt der Film von den vielen Probleme des autistischen Ben, der unter seinen Klassenkammeraden leidet, und zum anderen versucht man auch noch ein Statement zur Computerspielediskussion abzuliefern. Wirklich gut macht der Film beides nicht, da alles überzeichnet und somit leicht unglaubwürdig wirkt und sich der Ansatz zu den Spielen ohnehin im Keim erstickt. Empfehlenswert bleibt der Film für ein jüngeres Publikum, dass hier vielleicht die ersten Lektionen zum Thema Toleranz und Verständnis lernen kann und vielleicht mit dem aufdringlichen Stil des Films besser klarkommt.


Wertung:

6/10 Punkte

Filmering.at
Community
Ø Wertung: 7.5/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 2
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