1 Mord für 2 (OT: Sleuth) (2007)

OT:  Sleuth     - 86 Minuten -  Thriller
1 Mord für 2 (OT: Sleuth) (2007)
Kinostart: 01.05.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 03.05.2012
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Filmkritik zu 1 Mord für 2 (OT: Sleuth)

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Kann man Theater auf die Leinwand bringen? Und wenn es möglich ist, wie ist es erfolgreich umzusetzen? Nach dem Original von 1972 darf man nicht nur auf einen weiteren Auftritt Michael Caines im Remake gespannt sein. Insgesamt ist vom theaterkundigen Regisseur Kenneth Branagh eine völlige Neuinterpretation der gleichen Geschichte zu erwarten.

Das Theater ist mir wenig bekannt, aber die Faszination von dem es ausgeht verstand ich schon seit meiner ersten Vorstellung. Richtig schätzen kann man dieses Gefühl erst dann, wenn man ein schlechtes Stück gesehen hat, welches die Differenz eines phänomenalen Abends zu einer Vorstellung von einer Aneinanderreihung bloßer Deklamationen heraushebt. Es soll jetzt aber nicht darum gehen was großartiges Theater ausmacht, sondern was SLEUTH alles richtig gemacht hat um Theater in Kinosprache zu übersetzen. Ein Ding der Unmöglichkeit? Es gibt nichts wovor das Kino sich fürchten müsste.

Kenneth Branagh hat mit seinen Shakespeare-Verfilmungen bereits vorgeführt  wie Theater auf der Leinwand funktioniert und er zeigte sich außerordentlich talentiert darin. Die wahre Schwierigkeit besteht jedoch darin, dem Kino die sprachlichen Grenzen aufzuzwingen oder besser gesagt diese zu erlernen ohne die Wirkungsmacht des geistigen Erlebnisses eines guten Theaterabends zu verlieren. Der Gedanke eine spannende Handlung allein durch Gesten und Dialoge erzeugen zu wollen erscheint kompliziert. Noch schwieriger wird es, wenn sich alles in drei, vier geschlossenen Räumen abspielen soll. Nun, wenn das Theater durch seine bühnenkonzentrierte Magie  lebt, weil es gar keine andere Wahl hat, kann der Film mit der gleichen Geschichte ähnliches bewirken ohne seine Mittel aufzugeben?

Worum es geht, ist schnell erzählt. Andrew Wyke (Michael Caine), ein berühmter Krimiautor, lädt den Liebhaber seiner Noch-Ehefrau, Milo Tindle (Jude Law) in sein Haus ein. Tindle bittet ihn darum, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, aber Wyke hat etwas ganz anderes mit ihm vor. Er schlägt Tindle einen Plan vor wie beide aus der Situation am besten herauskommen und dazu noch eine Menge Geld durch einen fingierten Schmuckdiebstahl verdienen können. Beide haben gute Motive für schnelles Geld. Tindle ein ist arbeitsloser Schauspieler, der Wykes Trophy-Frau nicht lange finanzieren können wird und Wyke hat sich an der Börse verspekuliert. Das Spiel kann losgehen.

Es ist nicht zu viel verraten, wenn gleich vorweggenommen wird, dass der Raub nur ein Vorspiel zu etwas ganz anderem ist. Ein ganz plötzlicher Einfall der von Wykes vorgetragen  und nach kurzer Überlegung von Tindle übernommen wird. Meint Drehbuchautor Hardol Pinter (beziehungsweise Anthony Shaffer, der Erfinder des Originalstücks Revanche ) das wirklich ernst? Es passiert zu schnell und kommt dem Zuseher fast lächerlich vor. Eine unfreiwillige Komödie zu vermuten ist nicht Fehl am Platz. Aber da ist noch was anderes, die wunderbar ausgetüftelten Dialoge zweier Lebemänner. Es herrscht von Anfang an Rivalität und Zusammenspiel. Zwei, die für einander geschaffen sind. Ein belesener Lebemann, etwas vereinsamt in den Herbsttagen seines Lebens, und sein junges gutaussehendes, intellektuelles Pendant. Vom gleichen Schlage im Geiste und Manieren. Zwei perfekte Fassaden die sich einander schmeicheln und Wahrheiten aussprechen als ob sie Spaß daran hätten offensichtliche Lügen zu erzählen. Natürlich deutet sich für den aufmerksamen Beobachter an, dass der fingierte Raub eine Ausgangslage für weitere Konflikte bedeutet.

Das richtige Spiel zwischen Wykes und Tindle ist ein Schlagabtausch wie man ihn sich an besten Theaterabenden vorstellt. Feingliedrig tasten die Zwei die Intentionen des anderen ab, warten auf ein verräterisches Wort, auf eine Geste der Unsicherheit. So ganz weiß man als Zuseher selbst nicht wie die Lage einzuschätzen ist. Freuden sie sich an, bekämpfen sie sich, intrigieren sie, wissen sie überhaupt selbst wo sie gerade stehen? Große Geschichten drehen sich oft um die Absichten des einen und um die Bemühung des anderen dies zu verhindern. Bei SLEUTH liegt die Größe darin, wer gerade einen Punkt erzielt hat und ob das Spiel überhaupt ein echtes Ende haben kann.   

Nicht nur das kongeniale und durchaus theaternahe Spiel von Caine und Law machen SLEUTH zu einem ergreifenden Kammerspiel. Kameramann Haris Zambarloukus  und Regisseur Kenneth Branagh transformierten mit dem präzisen Einfangen der Physiognomie ihrer Protagonisten Theater in Kinosprache. Ihre systematische Vorgehensweise bei Detailaufnahmen und Inszenierung von Räumlichkeiten greift um den Zuschauer und zieht ihn ins Bild hinein, was zugleich den filmischen Raum auf eine reale Größe ausdehnt, in dem man sich mit ihnen am liebsten frei bewegen möchte. Dabei ist nichts dem Zufall überlassen. Vielleicht ist es sogar zu perfekt - so perfekt wie einer dieser Abende an denen die Darsteller nach der Vorstellung sagen, dass sie dieses Stück nie wieder so gut spielen werden. Um weitere Anmaßungen gegenüber dem Theater  zu vermeiden, schließe ich die Lobrede mit einer kritischen Anmerkung, die gleichsam ein weiteres Kompliment ist: SLEUTH hinterlässt als ein Spiel von raffinierten Andeutungen das Publikum mit einer Unmenge an Fragen zurück, die nicht etwa das Ergebnis von einem außergewöhnlichen Ende sind. Über jeder Szene, hinter jedem Dialog steht ein einladendes Fragezeichen. Jedem steht es frei, den Machtkampf dieser begabten Individuen zu einem Diskurs über Egomanie, Authentizität, Dominanz und Demütigung auszubauen oder einfach nur zu Applaudieren.  

Fazit:
Glücklicherweise suchte Branagh nicht den direkten Vergleich zum Original, sondern nach einer Möglichkeit ein Dèjà-vu Erlebnis zu evozieren. Das Original brilliert durch eine psychologisch motivierte Krimigeschichte, während das Remake als grazile Verhaltensstudie die Spannung in der bloßen Interaktion inszeniert. Branaghs Theater-Sprachkurs ist gefüllt mit kleinen magischen Momenten in denen alle Kommunikationsmittel des Films die übliche Filmsprache in eine ungewohnte Intimität verlegen. Auf seine Art steht das Remake dem Original in Nichts nach. Nur in Punkto Finale zieht das Remake gegenüber dem Original eindeutig den Kürzeren. Allerdings ist in dieser Frage anzumerken, dass der Handlungsverlauf des Remakes nicht die Möglichkeiten hatte, ähnlich spektakulär zu Enden wie sein Vorgänger. Branagh darf dennoch von sich behaupten mehr als einen verdammt guten Film gemacht zu haben.

Wertung:
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Ø Wertung: 7.4/10 | Kritiken: 3 | Wertungen: 19
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Liste von donbenni
Erstellt: 09.12.2012