Revanche

OT: Revanche - 121 Minuten - Drama
Revanche
Kinostart: 16.05.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Revanche

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Es hat schon seine Gründe warum die meisten Österreicher glauben, dass der heimische Kinomarkt nichts hergibt. Der Grund ist, dass man ihm einfach keine Chance gibt und wenn überhaupt nur für die komödiantischen heimischen Filme ins Kino läuft. Das prominenteste Beispiel das diese Tatsache belegt war ja erst kürzlich Die Fälscher, der zunächst während seines regulären Starts nur sehr geringe Zuseherzahlen hatte und erst einen Oscar brauchte um vom heimischen Publikum akzeptiert zu werden.

Österreichs Kinolandschaft ist nicht tot, das einzige was notwendig wäre ist ein aufgeschlossenes Publikum, das den österreichischen Produktionen auch eine Chance gibt wenn nicht einer unserer Starkabarettisten die Hauptrolle spielt. Denn dann könnten sich die wirklich guten Produktionen auch refinanzieren und den Markt beleben. Große Künstler wie Michael Haneke müssen nach Frankreich auswandern um Filme zu machen und trotz zahlreichen Preisen, scheint sich das heimische Pulbikum nicht für den österreichischen Film begeistern zu können. Nun kommt mit Revanche erneut ein großer heimischer Film ins Kino und hoffentlich zeigt das Publikum endlich, dass wir unsere Filme würdigen.

Am Land, in der Nähe eines Teiches im Wald, steht das neugebaute Haus von Robert (Andreas Lust) und Susanne (Ursula Strauss). Robert ist Polizist und Susanne arbeitet als Verkäuferin in einem Supermarkt. In Wien zur selben Zeit, fern der Idylle schlägt sich Alex (Johannes Krisch) als Angestellter im Rotlichtmillieu durch. Was niemand weiß ist, dass er eine geheime Liebesbeziehung mit Tamara (Irina Potapenko) führt, einer Prostituierten in dem Bordell in dem er arbeitet.

Natürlich ist eine solche Beziehung  völlig tabu, führt es doch zu gigantsichen Komplikationen im normalen Bordellbetrieb. Doch die beiden wollen aussteigen und Alex hat auch schon einen Plan: Er will eine Bank überfallen und gemeinsam mit Tamara in eine Bar investieren. Alles ist genau durchdacht und verläuft nach Plan, bis Alex schließlich nach getätigtem Überfall aus der Bank kommt und ein Polizist ihn erwartet. Ihm gelingt die Flucht, doch der Polizist, der eigentlich auf die Reifen des Wagens schießen wollte, trifft Tamara und sie stirbt. Alex muss sie zurücklassen und sucht bei seinem Großvater unterschlupf. Nicht weit vom Polizisten entfernt der seine große Liebe auf dem Gewissen hat. Und dieser Polizist ist Robert, der mit seiner Frau ein solch idyllisches Leben führt...

Revanche ist ein starker Film. Ein wirklich unglaublich starker Film, der zum Nachdenken anregt und den Zuseher fordert. Dabei sollte man sich allerdings nicht vom Titel in die Irre leiten lassen, denn Revanche ist in keiner Sekunde ein pulmber Rachefilm, der zwei Gegenspieler aufbaut, die im Finale aufeinander losgelassen werden. Solche Situationen gibt es nur im Kino. Und Revanche versteht sich nicht als Unterhaltungsfilm, sondern als Studie die sich förmlich in seinen Charakteren verbeisst.

Im Zentrum des Films steht die Analyse von Schuld und Sühne und beleuchtet dabei sowohl den Täter als auch das Opfer. Dabei kommt es Götz Spielmanns Film sehr zugute, dass es diese klassische Rollenverteilung in diesem Film eigentlich gar nicht gibt. Denn beide Hauptfiguren sind sowohl Täter als auch Opfer und wechseln sich in ihrer Position ständig ab. Es gibt keine strahlenden Helden die das Gute wollen und es gibt auch keine dunklen Schurken die nach dem Unheil trachten.

Stattdessen gibt es nur zwei tragische Figuren die durch Zufall, falschen Entscheidungen und Fehler in den Abgrund getrieben werden, ohne dass sie je in die klassische Rollenverteilung fallen. Da ist Alex, der eigentlich ein guter Mensch ist, aber durch seinen Beruf im Rotlichtmillieu immer wirken will als wäre er ein harter Kerl. Er will lediglich eine Zukunft für sich und seine verschuldete Freundin schaffen, die als Hure arbeiten muss. Deshalb kommt ihm die scheinbar vernünftige Idee zu einem Bankraub. Der Plan ist ja perfekt und es kann nix schief gehen.

Robert macht nur seinen Job und versucht den Bankräuber aufzuhalten doch er macht einen Fehler und erschießt dessen Freundin. Folglich stürtzt er in ein immer tieferes Loch und leidet an Paranoia, glaubt er doch, dass keiner seiner Version glauben schenken will, sondern hinter seinem Rücken alle meinen, dass er sie absichtlicht ermordet hat. Natürlich glaubt das auch Alex und da er nichts mehr im Leben hat wofür es sich zu leben lohnt taucht er bei seinem Großvater unter und lauert nur darauf es dem Mörder seiner Geliebten heimzuzahlen.

Revanche presst also die beiden Gegenspieler förmlich aneinander und soll im weiteren Verlauf noch weitere Vernetzungen zwischen den beiden bilden, die es gleichzeitig schaffen den Zuseher zu überraschen und auch in den logischen Kontext des Films zu passen. Dabei nimmt sich der Film außerordentlich viel Zeit um den Figuren Raum zu lassen und ihnen eine Weiterentwicklung zu erlauben. Durch stetiges, monotones Holzhacken am Hof seines Großvaters kehrt Alex immer weiter in sich und reflektiert seinen Zustand.

Er kehrt in sich und verarbeitet das Geschehene, spaltet sich förmlich selbst wie das zerhackte Holz auf und versucht über die Geschehnisse hinwegzukommen. Doch Vergebung ist ein langwieriger Prozess und es soll noch einiges Geschehen bevor beide Akteure in diesem grausamen Spiel des Lebens über ihren Schatten springen und nach vorne blicken. Kurz gesagt ist Revanche eine hervorragend in Szene gesetzte psychologische Analyse die sich selbst ernst nimmt.

Fast beiläufig schafft es der Film auch noch tiefen Einblick in zwei soziale Millieus zu gewähren: Die Wiener Rotlichtszene und das scheinbar idyllische Landleben. Dabei traut sich der Film durchaus zu zeigen, dass nicht alles so ist wie es scheint. Denn während das Rotlichtmillieu zunächst so gezeichnet wird wie man es erwartet, nämlich als menschenverachtenden und profitgeilen Sündenpfuhl, demontiert Götz Spielmann sichtlich genüsslich die ländliche Idylle und lässt große Risse im sozialen Gefüge entstehen.

Das alles erinnert zunächst sehr an den Stil eines Sozialpornos wie sie Ulrich Seidl gerne dreht. Speziell die Rotlichszenen erinnern etwas an Import/Export und auch die generelle visuelle Gestaltung des Films erinnert etwas an den Stil anderer österreichischer Filmemacher wie etwa Michael Haneke, aber insgesamt gesehen geht Revanche doch einen etwas anderen Weg und erinnert weniger an die beinharten, unangenehmen Sozialstudien für die Österreich so berühmt ist, sondern mehr an einen hochwertigen, aber auch zugänglichen Arthousefilm auf internationalem Niveau.

Neben der versierten, weitsichtigen und differenzierten Regie von Götz Spielmann verdankt es Revanche vor allem seinen grandiosen Darstellern, dass der Film so gut funktioniert. Zwar liefert das gesamte Ensemble durch die Bank herausragende Leistungen, aber insbesondere Johannes Krisch etabliert sich als herausragender Schauspieler auf Weltniveau und trägt den Film durch Berg und Tal. Seine tiefgründige, starke und absolut glaubwürdige Darbietung lässt einen stellenweise den Atem stocken und sorgt dafür, dass selbst die leisesten Momente des Films nur so vor Explosivität strotzen.

Ein weiteres äußerst interessantes Merkmal von Revanche ist, dass der Film über einen sehr ungewöhnlichen dramaturgischen Aufbau verfügt. Denn während Filme normalerweise langsam beginnen und sich stetig zum Höhepunkt aufschaukeln, verfügt Revanche von Anfang an über eine unglaubliche Tension, die sich schließlich bereits beim Bankraub entlädt. Danach schaltet der Film einen Gang zurück und klingt in seiner zweiten Hälfte langsam aus indem er sich auf seine unglaublich dichte Atmosphäre besinnt und sich gänzlich seiner nachdenklichen Stimmung hingibt.

Überhaupt ist die zutiefst österreichische Stimmung des Films herausragend und liefert einen wunderschönen Blick auf das heimische Leben. Dabei schafft es der Film sehr gut dem spröden Image des klassischen österreichischen Sozialdramas zu entkommen, aber gleichzeitig die Oberflächlichkeit des Mainstreamkinos zu vermeiden. Stattdessen erzählt Revanche eine ernst gemeinte Geschichte, mit denkwürdigen Figuren, die sich auf internationalem Topniveau bewegt und der jeder Filmfan zumindest eine Chance geben sollte. Im schlimmsten Fall, also wenn man keinen Gefallen am Film findet, hat man den österreichischen Film gefördert, aber Revanche ist so dermaßen klasse, dass man nicht vom schlimmsten ausgehen sollte.

Fazit:
Revanche ist ganz großes heimisches Kino das nicht nur zeigt, dass der österreichische Film ganz großes Potential hat, sondern belegt, dass sich unsere Filme durchaus auf internationalem Spitzenniveau bewegen können. Im Kern des Films steckt eine Geschichte rund um Schuld und Sühne, die sich genügend Zeit nimmt um den Figuren Raum zum Atmen zu geben. Gleichzeitig verfügt Revanche über herrausragende atmosphärische Qualitäten, schauspielerische Glanzleistungen und einem wundervollen Drehbuch. Kurz gesagt sollte man sich diesen Film auf keinenfall entgehen lassen.

Wertung:
9/10 Punkte
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