Inland Empire - Eine Frau in Schwierigkeiten (2006)

OT: Inland Empire - 180 Minuten - Drama / Mystery / Thriller
Inland Empire - Eine Frau in Schwierigkeiten (2006)
Kinostart: 01.06.2007
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Inland Empire - Eine Frau in Schwierigkeiten

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Als Zuseher ist man es von den Filmen von 20th Century Fox gewöhnt auf eine ganz bestimmte Art und Weise in den Film entführt zu werden: Man sieht das Logo der Filmfirma, es wird durch Scheinwerfer beleuchtet und dann erklingt die fröhliche Musik die den Zuseher auf den Film einstimmen so. Inland Empire beginnt mit der alptraumhaften, "lynchisierten" Version dieser Szenerie: Ein Scheinwerfer durchbricht das schwarze Nichts der Leinwand und wirft einen schemenhaften Lichtstrahl zur Seite, der in rudimentären Zügen den Filmtitel aufblitzen lässt. Unterlegt wird das Ganze mit einem musikalischen Dröhnen, dass den Zuseher gleich eines wissen lässt: Das wird keine normale Kinoerfahrung. Wo bin ich da nur reingeraten?

 

Nikki Grace (Laura Dern) ist ein alternder Star in Hollywood. Ihre glorreiche Zeit ist bereits vorrüber, doch nun bietet sich ihr eine Rolle an, die sie wieder nach oben bringen kann: Der Regisseur Kingsley Stewart (Jeremy Irons) engagiert sie als die weibliche Hauptrolle in seinem neusten Film "On High in Blue Tomorrows". Ihr Partner soll Devon Berk (Justin Theroux) werden. Bereits bei den ersten Proben informiert sie Kingsley Stewart, dass der Film eigentlich ein Remake ist, was die Produzenten ihnen bis jetzt verschwiegen haben.

 

"On High in Blue Tomorrows" wurde bereits einmal unter dem Titel "47" verfilmt. Das Projekt wurde allerdings niemals abeschlossen, da die beiden Hauptdarsteller während den Dreharbeiten ermordet wurden. Nikki und Devon lassen sich nicht einschüchtern und so beginnen die Dreharbeiten. Während Devon noch von allen Seiten gewarnt wird, dass er auf jedenfall die Finger von Nikki lassen soll, da ihr Mann sehr mächtig ist, beginnt sich die Realität um Nikki zu verändern. Sie scheint mit ihrer Filmrolle zu verschmelzen und das Geschehen wird immer surrealer. Was ist nur los?

 

Um es dem interessierten Leser leicht zu machen: Jeder der nur ins Kino geht um unterhalten zu werden, kann diesen Film gleich wieder von seiner Liste streichen. Jeder der Eraserhead, Lost Highway und Mulholland Drive nicht mochte, kann diesen Film vergessen. Aber jeder, der auf einen surrealen Alptraum steht und es liebt im Kino dem Wahnsinn nahe zu sein, der ist herzlich Wilkommen in der Welt von Inland Empire. David Lynch war noch nie dafür bekannt einfache Filme zu machen, aber was er in diesem Streifen abfeuert, lässt im Vergleich dazu alle bisherigen Werke geradlinig und nachvollziehbar erscheinen. Inland Empire ist kurz gesagt ein Höllentrip. Ein abgebildeter Alptraum, der den Zuseher abstößt, fertig macht und dennoch fasziniert. Noch nie war Lynch verstörender, aber auch noch nie brillanter.

 

In seinen bisherigen Filmen schaffte es David Lynch immer seinen abgründigen Geschichten zumindest ein schönes Antlitz zu verleihen. Diese Zeiten sind nun vorbei. Inland Empire ist der erste Film, den der Meister des Surrelan digital drehte. Doch wer denkt dass ein David Lynch sich durch die normalen Einschränkungen des digitialen Mediums wirklich begrenzen lässt, der liegt vollkommen falsch. Noch nie hat man im Kino eine derart kunstvolle und stimmungsbringende DV Parade gesehen. Lynch überbelichtet, er unterbelichtet und er macht um es kurz zu sagen alles was man normal nicht darf. Seine Bilder sind weit weg von der normalen "scharfen" DV Optik und kreieren eine dunkle, abstoßende Welt in matschigen Bildern, die es schaffen durch ihre Verzerrungen und unnatürlichen Winkeln, den Zuseher so glaubhaft wie noch nie in einen Alptraum zu versetzen.

 

Wie immer sollte man sich bei einem Film von David Lynch nicht krampfhaft an einer Interpretation festklammern. Inland Empire ist eine Kinoerfahrung die man nicht verstehen, sondern nur wahrnehmen soll. Ein verstehen im traditionellen Sinn ist bei diesem Film ganz einfach nicht möglich. Das Einzige was man machen kann, ist zu versuchen Inland Empire zu interpretieren. Doch man sollte es nicht beim ersten Mal ansehen versuchen. Der Film ist eine einzigartige Erfahrung für alle Sinne und man würde sich nur selbst um ein fantastisches Erlebnis betrügen wenn man jede Szene auf ihre logische Bedeutung hin untersuchen würde. Einfach hinsetzen und berauschen lassen. Interpretieren kann man ohnehin erst nach mehrmaligen Sehen.

 

Während die Geschichte in der ersten Stunde, für Lynch-Verhältnisse, relativ normal ist, beginnen sich dann die Zeitebenen ineinander aufzulösen. Was zu Beginn als eine ziemlich geradlinige Geschichte, über einen Film beginnt, spaltet sich danach zu einem Zeitparadoxon auf, in der die Handlung mit der Film-im-Film Handlung und einer traumhaft-verzerrten Version des Straßenstrichs in L.A., bzw. Polen vermischt und sich jede logische Nachvollziehbarkeit verabschiedet. Laura Dern ist in Inland Empire wahrhaftig eine Frau in Schwierigkeiten und nimmt den Zuseher mit auf einen alptraumhaften Höllentrip, der sowohl Qualen, als auch unbändigbare Faszination auslöst.

 

Der Zuseher wird weiter getäuscht durch das Einbauen der Dreharbeiten in die Geschichte. Oft denkt man, dass sich gerade die filmische Realität abspielt, doch dann fährt Lynch mit der Kamera zurück und man weiß, dass alles nur inszeniert war. Obwohl dieser Trick einige Male angewandt wird, schaffte es Lynch den Zuseher immer wieder zu überraschen. Ausserdem rechnet man einige Male im Film damit dass man jetzt wieder die Dreharbeiten sieht, doch dann erlöst Lynch den Zuseher nicht, sondern lässt ihn weiter im Ungewissen.

 

Angereichert wird die Szenarie, wie es zu erwartet war, durch die typischen skurrilen Situationen und Figuren, die den letzten Beitrag dazu leisten um den Film als vollkommen surreal gelten zu lassen. Zum Beispiel baut Lynch mitten im Film neun Prostituierte ein, die zu Kylie Minogues Locomotion tanzen, oder er inkludiert ein polnisches Szenario, dass als ganzes wie ein Alptraum wirkt und den Zuseher restlos verwirren wird. Hinzu kommt dass Lynch es schafft seine Darsteller auf derart seltsame Weise agieren zu lassen, sodass sie die Bedrohung auf den Zuseher noch verstärken. Dieses wahnsinnige Spiel der Darsteller, dass von Lynch in extremer Nahaufnahme, mit viel Verzerrung aufgenommen wird, trägt den Rest dazu bei um Inland Empire zum wahrscheinlich skurrilsten Film aller Zeiten werden zu lassen.

 

Für diesen Film gibt es eigentlich nur zwei Wertungen die dem Seherlebniss gerecht werden: Null und Zehn Punkte. Alles dazwischen wäre schlichtweg nicht gerecht. Lynch hat immer gespalten, aber Inland Empire ist sein mit Abstand kompromisslosester, unbequemster und anspruchvollster Film. Inland Empire ist der Lynchfilm schlechthin und ist die Vollendung seines surrealen Stil. Es ist wahrlich keine Freude sich diesen Film anzusehen. Es ist ein Film über Paranoia, Wahnsinn und Angst und diese Geisteszustände werden direkt auf den Zuseher übertragen. Zwar dauert der Film stolze 172 Minuten, aber von dieser langen Zeitdauer bekommt man wenig mit. Zeit spielt in diesem Werk keine Rolle und als Zuseher verliert man sich in einer Welt aus abstrusen Wahnsinn. Inland Empire macht definitiv keinen Spaß. Und dennoch ist es das bemerkenswerteste und denkwürdigste Kinoerlebnis des Jahres. Vielleicht das Beste, das Lynch je gemacht hat.

 

Fazit:

Inland Empire ist der wahrscheinlich kompromissloseste Film den ich je gesehen habe. Lynch setzt alles auf eine Karte und treibt seinen Stil auf die Spitze. Für Inland Empire gibt es meiner Meinung nach nur zwei Wertungen: Null oder Zehn Punkte. Alles andere wird diesem Film der Extreme nicht gerecht. Es ist wahrlich keine Freude sich diesen Film anzusehen und dennoch übt er eine unglaubliche Faszination auf den Zuseher aus. Dieser Film ist ein Alptraum und ein Höllentrip. Ein Kinoerlebnis dass einfach keinen Spaß macht, da es den Zuseher fast schon foltert. Dennoch ist Inland Empire der bemerkenswerteste und denkwürdigste Film des Jahres. Ein Film den man nicht in Worte fassen kann. Lynch kreiert einen dunklen, abgründigen Alptraum, der den Zuseher lange verfolgen wird. Der anspruchvollste, dunkelste, unbequemste und hässlichste Film von Lynch ist zugleich der, der mir am meisten imponiert. Ein Kinoerlebnis, dass mit nichts vergleichbar ist.

 

Wertung:

10/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 7.8/10 | Kritiken: 2 | Wertungen: 17
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