Brügge sehen... und sterben? (2008)

OT: In Bruges - 107 Minuten - Thriller / Komödie
Brügge sehen... und sterben? (2008)
Kinostart: 16.05.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Brügge sehen... und sterben?

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Los Angeles, New York, Washington, Chicago, Las Vegas oder neustens auch Boston sind so typische Städte, die man in den meisten amerikanischen Filmen zu Gesicht bekommt. Die wichtigsten europäischen Gegenstücke dazu sind mit Sicherheit London und Paris, aber es gibt selbstverständlich noch einige andere Städte die man häufiger im Kino antrifft, aber soviele Vertreter es auch geben mag, auf die belgische Stadt Brügge, auch bekannt als das Venedig des Nordens, wird man kaum stoßen. Und genau in dieser höchst filmuntypischen Gegend ist Brügge sehen... und sterben? angesiedelt, und überrascht dadurch nicht nur das Publikum, sodern auch die Protagonisten selbst.

Die beiden Profikiller Ken (Brendan Gleeson) und Ray (Collin Farrell) werden, nachdem es bei ihrem letzten Auftrag einige Komplikationen gegeben hat, von ihrem Boss Harry (Ralph Fiennes) ins verschlafene Brügge versetzt. Dort findet der alteingesessene Ken Entspannung und vertreibt sich die Zeit mit dem Besichtigen der mittelalterlichen Stadt. Sein junger Partner Ray langweilt sich jedoch zu Tode, bis er schließlich auf ein belgisches Filmteam stößt, und er gemeinsam mit dem kleinwüchsigen Jimmy (Jordan Prentice), der in einer surrealen Traumsequenz benötigt wird, eine Drogenparty, inklusive Prostituierten und allem was sonst noch dazu gehört schmeisst.

Wirklich in Fahrt kommt er alledings erst, als er die wunderhübsche Chloe (Clémence Poésy) kennenlernt. Ihr erster Versuch gemeinsam ins Bett zu gelangen endet allerdings in einem Kurzbesuch ihres Ex-Freunds Eirik (Jérémie Regnier), der versucht Ray auszurauben, aber natürlich nicht weiß, dass dieser ein Profikiller ist, und somit kräftig auf die Schnauze fällt. Zu allem Überfluss gibt Harry Ken den Auftrag Ray auszuschalten, da dieser einen großen Fehler begangen hat. Ray wird währenddessen von den Geistern der Vergangenheit eingeholt, und kommt während eines ausgedehntem Drogentrips zu der Erkenntnis, dass Brügge seine ganz persönliche Hölle ist...

Martin McDonagh liefert mit Brügge sehen... und sterben? sein Spielfilmdebüt, konnte sich in seiner Heimat allerdings bereits einen Namen machen. Dazu beigetragen hat sicherlich der Oscar, den er im Jahr 2006 für seinen Kurzfilm Six Shooter (ebenfalls mit Brendan Gleeson), erhalten hat, aber insbesonder konnte er mit seinen Theaterstücken überzeugen, die auf sehr viel Gegenliebe gestoßen sind, und auch mit einigen Awards bedacht wurden. Gerade durch den Umstand, dasss McDonagh hier das erste mal einen Film in voller Länger dreht, ist das rundum perfekte Ergebnis mehr als nur grandios.

Die Vorbilder die man sich hier genommen hat sind auch nicht allzu schwierig zu erkennen. Deshalb wird auch jeder der enttäuscht ist, dass Guy Ritchie keinen Film mehr in der Tradition seines höchst unterhaltsamen Snatch dreht, froh sein zu hören, dass die ersten Werke von Guy Ritchie zu diesen Vorbildern zählen. Doch Martin McDonagh belässt es nicht nur bei der, zwar ungemein komischen aber eben dennoch simplen, Strategie dieser Filme, nur auf einer Klamaukebene zu operieren, sondern gibt Brügge sehen... und sterben? noch einige weiter Facetten, die ihn sogar über das Niveau eines Films wie Snatch befördern.

Die Charaktere und Dialoge des Films sind so herrlich abgedreht und unterhaltsam, dass sie selbst ein Quentin Tarantino in Topform nicht besser hinbekommen hätte. Und schlussendlich verlässt McDonagh noch die rein komische Ebene, und schaffte es fast spielend noch eine äußerst brillante Hommage an die Stadt Brügge mit einfließen zu lassen, und befördert dadurch den Handlungsort selbst in den Status eines weiteren Protagonisten. Nicht zu vergessen ist, dass man es weiters geschafft hat den umwerfenden Humor des Films in ein durchaus brutales Setting zu bringen, und nebenbei auch noch den Figuren eine gewissen Tragik zu verleihen.

Kurz gesagt ist Brügge sehen... und sterben? das was herauskommen würde, wenn man den Stil der Coen Brüder, den sie in ihren Meisterwerken Fargo und No Country for Old Men anwendeten, nach Brügge verlegen würde, und dort die durchgeknallten Charaktere eines Guy Ritchie auf die relativ verschlafenen Einheimischen treffen lässt (wieder eines der klassischen Stilelemente der Coens), und die Dialoge dazu von Quentin Tarantino und Roger Avary zu ihren Pulp Fiction Zeiten verfassen lässt. Wenn man sich diese Ausgangslage vorstellt, dann hat man eine ungefähre Ahnung was einen bei Brügge sehen... und sterben? erwartet, wird aber wohl dennoch die ein oder andere Überraschung erleben.

Im Wesentlichen besitzt der Film zwei Kernelemente, die er in gegenseitiger Wecheslwirkung aufeinander wirken lässt, um so die Geschichte in die richtige Richtung zu lenken. Auf der einen Seite stehen die allesamt wunderbar gezeichneten Charaktere, die dem Zuseher, jeder auf seine Weise, nahe gehen werden. Das Zentrum bilden Ken und Ray, auf die sich der Film speziell zu Beginn fokusiert, und zu denen man die größte Bindung aufbaut. Herrlich gegensetzlich gehen sie mit der Ausgangslage in Brügge um und erwecken dabei einen ähnlich kongenialen Eindruck wie Jules und Vincent aus Pulp Fiction.

Das zweite Kernelement des Films ist die Stadt Brügge selbst, die sowohl die Handlung, als auch die Figuren beeinflusst und ein unverzichtbares Element des Films ist. Das Filmteam hat dabei ganze Arbeit geleistet und die Stadt in solch atmosphärische Bilder getaucht, dass man sofort im Kinosessel versinkt und in eine fremde Welt eintaucht. Ein Besuch von Brügge ist nach diesem Film zweifellos so schmackhaft wie nie zuvor, und die Figuren werden so plastisch präsentiert, dass man meinen könnte man kenne sie persönlich.

Natürlich gehört zur stimmigen Kleinstadtatmosphäre auch, dass es viele Nebencharaktere gibt, die im Laufe des Films vorgestellt werden. Zu den eindrucksvollsten zählen sicher Chloe, die Ray den Kopf verdreht und Jimmy, der als rassistischer Zwerg, der wenn er auf Drogen ist vom finalen Kampf der Weißen gegen die Schwarzen fantasiert. Ein weiteres Highlight ist schließlich Henry, von dem man zunächst nur die Stimme hört. Erst relativ spät offenbart sich Charakterkopf Ralph Fiennes als Oberboss, und überzeugt mit einer herrlich fiesen Darbietung, die den Film zusätzlich aufwertet.

Brügge sehen... und sterben? verweigert sich dabei konsequent allen Genrekonventionen und präsentiert sich als schwarze Komödie die eigentlich ein Thriller ist, aber dabei auch nicht die Tragik im Leben der Figuren vergisst. Speziell die Figur des Ray kann auf dieser Ebene überzeugen, und Colin Farrell liefert seine beste Leistung seit einer sehr langen Zeit. Dabei transportiert der Film trotz des zum Brüllen komischen Humors immer ein melancholisches Gefühl, das wohl großteils durch die Stadt Brügge entsteht, die mit ihren malerischen Bauten und dem märchenhaften Ambiente einfach etwas magisches ansich hat. Und diese Magie wird auch nahtlos auf den Film und das Publikum übertragen. Ein Pflichttermin!

Fazit:
Brügge sehen... und sterben? ist ungefähr das, was herauskommt, wenn man den Stil der Coens, mit den Charakteren eines Guy Ritchie und den Dialogen eines Quentin Tarantinos kombiniert, das ganze durchrüttelt und mit eigenen Elementen bereichert. Kurz gesagt ist es ein zum Brüllen komischer Film, der gleichzeitig Komödie und Thriller ist, und auch nicht die Tragik hinter den Figuren vergisst. Kombiniert mit der herausragenden Atmosphäre ergibt Brügge sehen... und sterben? ein kleines Meisterwerk, das man allerdings wenn es irgendwie geht in der englischen Version sehen sollte, da sonst sowohl ein Stück des Humors verloren geht, als auch das irische Hitman Gespann an Sypathie veliert. Aber egal in welcher Version, sehen muss man diesen Film auf jedenfall!

Wertung:
9/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 7.9/10 | Kritiken: 3 | Wertungen: 88
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