Million Dollar Baby (2004)

OT: Million Dollar Baby - 137 Minuten - Drama
Million Dollar Baby (2004)
Kinostart: 24.03.2005
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 18.04.2013
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Filmkritik zu Million Dollar Baby

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Man prügelt etwas hinaus oder hinein. Man lässt sich prügeln. Man prügelt jemanden knock out. Geheimnisse verlagern sich auf jemand anderen, fast unmerklich, leise, als Belastung, als Herausforderung, als Grund für Widerstand, aber eben auch für Nachgeben und Nachgiebigkeit. Biografien kreuzen sich, ohne dass jeder weiß, auf welche Geheimnisse er da im anderen gestoßen ist. Im Ring, vor dem Ring, nach dem Kampf, Synonyme für geschlagene Seelen, die sich jedoch trotzdem aufrecht erhalten und nicht aufgeben. „Nicht aufgeben”, das mag für Frankie Dunn (Clint Eastwood), den ehemaligen Boxer und jetzigen Trainer, in einem doppelten Sinn stimmen und nicht stimmig sein. Er trägt eine Schuld mit sich herum, mindestens eine, zwei auf jeden Fall, Schuld, die er sich zuschreibt. Die Briefe an seine Tochter kommen seit Jahren immer wieder ungeöffnet zurück; er sammelt sie in einem Karton. Das bei einem Kampf vor etlichen Jahren verlorene Auge seines Partners Eddie Dupris (Morgan Freeman), genannt Scrap-Iron, hat Frankie jeden Tag „vor Augen” – und er gibt sich die Schuld an dem Unglück. Eddie ist (auch) Putze in Frankies Hit Pit Gym, der herunter gekommenen Boxhalle. Er macht die Klos sauber, schaut den Boxern zu und korrigiert Frankie, soweit er das kann. Frankie wie Eddie sind auf ihre Weise das, was man, will man es negativ ausdrücken, starrsinnig nennen könnte.

Eddie und Frankie, geschlagene Seelen, aber welche, die nicht aufgeben, nicht nur durchhalten, die in ihrem Alltag, der nichts Neues mehr zu bieten scheint, doch aufrecht bleiben, Frankie mit Scheuklappen für alles, was außerhalb des Hit Pit passiert, in Pausen vertieft in das Lernen der gälischen Sprache oder in das Lesen von Yeats; Eddie mit wacheren Augen, mit Blick für die, die Frankie nicht interessieren. Zum Beispiel für die junge Frau, die sich ein halbes Jahr im voraus eingekauft hat, um im Hit Pit zu trainieren. Eine Boxerin, die seit Jahren ihr bisschen Geld als Bedienung verdient, eine aus einer armen, weißen Familie, einer Familie, die von anderen als white trash bezeichnet wird; Maggie ist arm, hat aber einen Traum: Sie will in den Ring. Maggie (Hilary Swank) ist auch starrsinnig.

Aber es würde nicht helfen, wenn alle drei wirklich starrsinnig wären. „Million Dollar Baby” ist auch und vor allem ein Film über Eigensinn. Und Eigensinn ist etwas anderes als Starrsinn. Eigensinn ist sozusagen das individuelle Korrektiv zur kollektiven Geschichte, zur individuellen Unterwerfung unter „die Verhältnisse”, zur kampflosen Aufgabe gegenüber den existenziellen Übeln. Und Maggie, fast 32 Jahre alt, trainiert und trainiert und will Frankie als Trainer, der sich weigert, eine Frau zu trainieren – bis, ja bis er eine innere Wandlung vollzieht, eine Wandlung, deren Motive nur schwer zu erkennen sind. Vielleicht ist es eine unbewusste Reaktion auf die jahrelange Abweisung durch die eigene Tochter, vielleicht ist es das vorsichtige Drängen Eddies, vielleicht auch einfach die Kapitulation seines Eigensinns vor dem der jungen Frau, die doch schon viel zu alt ist, um Boxerin zu werden, aber lächelnd und freundlich bei ihrem Ansinnen bleibt – komme was da wolle. Vielleicht ist es aber auch ein leises Gespür dafür, dass etwas Neues, Erfrischendes in sein Leben kommen muss. Möglicherweise ist es von allem etwas.

Das Box-Studio Hit Pit ist der Raum in dem sich diese Dreiecksgeschichte abspielt, erzählt aus dem Off von Eddie, von diesem Eddie, der über das Leben mehr und besser Bescheid weiß als irgendeiner, der sich erfolgreich nennen kann. Andere treiben sich dort herum. Big Willie Little (Mike Colter) etwa, der erfolgreiche Boxer, den Frankie trainiert hat, und der ihm eines Tages schweren Herzens, aber doch entschlossen eine mächtige Abfuhr erteilt: Er verkauft sich einem erfolgreichen Manager und verlässt Frankie. Und wir treffen auf Danger Barch (Jay Baruchel), einen junger Bursche, der kein Talent zum Boxen hat, der von anderen gehänselt und verprügelt wird, den Frankie am liebsten vor die Tür setzen würde, der aber unter dem Schutz Eddies weitermachen darf, denn der Traum Dangers ist das einzige, an dem er sich festhalten kann.

Der Raum wird zum Innenraum, zur mal schattigen, mal grell, mal warm beleuchteten Szenerie für einen ganz anderen Kampf als den Boxkampf. Der Raum erzählt von Erfolg, aber mehr noch von der Illusion von Sicherheit und der Illusion von Erfolg, von der Niederlage und vom sich tief in die Seele grabenden Schmerz. „Million Dollar Baby” dekonstruiert den amerikanischen Traum vom Erfolg, weist ihn in die Schranken. Maggie trainiert, wird trainiert, und Frankie, ruhig wie meistens, merkt man zunehmend an, wie tief er sie in sein Herz und sein Leben eingeschlossen hat – nicht weil sie dann ständig siegt und siegt und siegt. Mag sein, dass Maggie für Frankie eine Art Ersatztochter wird. Vor allem aber leuchten hier die Momente einer wachsenden Zuneigung auf, in bezug auf die der Erfolg im Boxring nur ein äußeres Zeichen gibt.

Die Tragik, die Frankie, Maggie und Eddie erreicht, verdeutlicht sozusagen das Tragische an sich. Während Frankie Big Willie verloren hat, weil er ihn nie in einen Titelkampf schickte – aus Angst, es könne ihm das gleiche geschehen wie Eddie –, will er den gleichen „Fehler” bei Maggie nicht noch einmal machen. Er schickt sie nach vielen anderen Erfolgen in den Titelkampf mit der bekanntermaßen unsauber und unfair boxenden Billie „The Blue Bear” (Lucia Rijker). Und obwohl Maggie sich gegen diese Boxerin durchzusetzen scheint, reißt dieser Kampf alle drei – Maggie, Frankie wie Eddie – auf den Boden.

Clint Eastwood beweist mit „Million Dollar Baby” einmal mehr, noch dichter, noch ruhiger und fast gelassen in der Erzählung, noch intensiver in der Darstellung durch die drei Hauptdarsteller, noch exzellenter in der Szenerie im Vergleich zu „Mystic River”, dass er, dem man gerne Altersstarrsinn bescheinigt, zu den großen Erzählern des amerikanischen Kinos gehört. Und er schafft es, dass trotz des Hauptthemas – der Geschichte und den Gefühlswelten der drei Hauptpersonen – das Boxen nicht zu kurz kommt. Gerade die Szenen im Ring mit Hilary Swank, die sich durch „Boys Don’t Cry” zu Recht einen Namen als begabte Schauspielerin gemacht hatte, lassen den Sport nicht zu kurz kommen, auch wenn er nicht im Zentrum des Films steht. Mehr noch: der Film zeigt die trügerische Differenzierung zwischen „richtig” und „falsch”, demonstriert, wie sehr unsere (existenziellen) Entscheidungen zwar den Geruch von Sicherheit und Erfolg haben mögen, wie sehr Menschen aber gerade hier sich einer Täuschung hingeben.

Keine Einwände gegen diesen Film? Es sind welche vorgebracht worden. So haben amerikanische Behindertenverbände und die katholische Kirche Eastwood vorgeworfen, er plädiere für Euthanasie – ein unsinniger und äußerst dummer Vorwurf, der sich auf die Schlusssequenzen des Films bezieht. In diesem letzten Teil geht es um das, was man hierzulande als aktive Sterbehilfe – ein sicherlich äußerst umstrittenes Thema – bezeichnet; es geht nicht um Euthanasie als Ermordung von „unwertem Leben”. Der Film ist – um dies deutlich zu sagen – kein irgendwie geartetes Plädoyer für oder gegen Sterbehilfe. Eastwood erzählt eine äußerst intensiv strukturierte und durch die Charaktere lebendige Geschichte. Er lässt einen Mann in eine Situation geraten, in der er vor die schwerste Entscheidung seines Lebens gestellt wird – gegenüber einem Menschen, der ihn darum bittet, ihm beim Sterben zu helfen, eine Menschen, den er liebt. Diese Schlusssequenz zum Instrument ideologischer Grabenkämpfe zu instrumentalisieren, statt sich selbst die Frage zu stellen, wie man in einer solchen Situation reagieren würde, grenzt an Betrug und Selbstbetrug.

Ein anderer Einwand bezieht sich auf die Darstellung von Maggies Familie, Mutter, Schwester und Bruder, die als zugegeben ekelhafte, eigennützige, Sozialhilfebetrug begehende Familie dargestellt wird. Man hat Eastwood in diesem Kontext Hass gegen diese sozialen Schichten, die in erbärmlichen Verhältnissen leben (müssen), vorgeworfen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass es zum einen auch in diesen Schichten nicht nur „Gut-Menschen” gibt, zum zweiten dass gerade Maggie als eine Frau aus diesen Schichten uns aus dieser Familie gezeigt wird, die einen ganz anderen Weg als ihre Familie geht (sie arbeitet nicht nur, um an Geld zu kommen; sie hat einen Traum, den sie eigensinnig verfolgt) und zum dritten spielt diese Episode mit Maggies Familie eine eher untergeordnete Rolle im Film.

Ein letzter Einwand ist vielleicht berechtigt: Die unfaire Boxerin Billie wird als „ehemalige Prostituierte aus Ostberlin” eingeführt – ein unnötiges, ein überflüssiges Klischee, das allerdings der Größe des Films kaum Abbruch tut.

Besonders hervorzuheben ist sicherlich noch, dass das Zusammenspiel zwischen Freeman, Eastwood – geprägt auch durch einen fast leisen Humor oder auch Sarkasmus in so manchen Dialogen – sowie Hilary Swank zu den besten schauspielerischen Leistungen der vergangenen Jahre zu zählen ist.

Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens
Filmering.at
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