Schmetterling und Taucherglocke

OT: -  112 Minuten -  Drama 
Schmetterling und Taucherglocke
Kinostart: 28.03.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Schmetterling und Taucherglocke

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"Als ich gesund war, war ich gar nicht lebendig. Ich war nicht da. Es war recht oberflächlich. Aber als ich zurückkam, mit dem Blickwinkel des Schmetterlings, wurde mein wahres Ich wiedergeboren."
(Jean- Dominique Bauby)

"War ich blind und taub zugleich, oder brauchte ich erst ein Unglück um mir über meine wahre Natur klar zu werden?"
(Jean- Dominique Bauby)

Julian Schnabel konnte sich mit seinem berührenden Film Schmetterling und Taucherglocke sowohl den Preis für die Beste Regie in Cannes, als auch den Golden Globe für die Beste Regie sichern, und ist auch für den Oscar in der selben Kategorie nominiert. Ob er ihn erhalten wird, oder nicht wird man sehen, aber zumindest ist seine Leistung so dermaßen inspirierend und grandios, dass man ihm den Preis, obwohl er gegen solch große Künstler wie Joel und Ethan Coen und Paul Thomas Anderson antritt, auf jedenfall gönnen muss. Schmetterling und Taucherglocke ist ein Blick aus einem Körper der zu Ballast geworden ist, und das Portrait eines Menschen, der mit seiner Seele aus seiner ganz persönlichen Taucherglocke ausgebrochen ist.

Jean-Dominique Bauby (Mathieu Amalric) ist der Chefredakteur der französischen Zeitschrift Elle, und kostet die Vorteile der Modescheinwelt voll und ganz aus. Er hat seine Frau und seine Kinder verlassen um sich ganz dem Glamour hinzugeben, und oberflächliche Beziehungen aneinander zu reihen. Er ist 42 Jahre alt, als sich sein Leben durch einen Schlaganfall für immer verändert. Als er nach diesem Vorfall aufwacht, ist er am ganzen Körper gelähmt und kann nur noch sein linkes Augenlid bewegen. Auch die Ärzte können ihm nur wenig Hoffnung machen, denn seine einzige Chance ist, dass er mit viel Glück und harter Arbeit einmal wieder sprechen kann.

Jean- Dominique leidet am sogenannten Locked-In-Syndrome und dieses ist so ausgesprochen selten, dass die Ärzte erst lernen müssen damit umzugehen. Zunächst wird ihm eine auf ihm zugeschnittene Sprache beigebracht, die er nur mit Hilfe seines Augenblinzelns beherrschen kann. Doch bald schon merkt er, dass nur sein Körper gelähmt ist, und seine Erinnerung und seine Fantasie noch immer voll und ganz funktionsfähig sind. Je mehr er sein Leben reflektiert, umso mehr entdeckt er die Fehler die er gemacht hat, und schämt sich für das, was er seiner Frau und seinen Kindern angetan hat. Als letzten Kraftakt schreibt er mit Hilfe einer Assistentin und seiner eigenen Sprache in mühevoller Kleinstarbeit seine Memoiren, in denen er einen genauen Einblick in seine Gedankenwelt erlaubt...

Die Geschichte die uns in Schmetterling und Taucherglocke erzählt wird, entspricht ganz der Wahrheit. Jean- Dominique Bauby erlitt genau wie oben beschrieben wurde einen Schlaganfall, und sah sich dann im Anschluss aus seinem gewohnten Leben gerissen, und ans Bett gefesselt. Auch stimmt es tatsächlich, dass er mittels Diktat durch Augenblinzeln seine Memoiren verfasste, und darin seine Gedanken und Träume festhielt, die dann schließlich mit dem Titel Schmetterling und Taucherglocke veröffentlicht wurden und so unzählige Leser begeisterten und inspirieren konnte. Kurz nach der Veröffentlichung seines Buches verstarb er, am 09. März 1997.

Der New Yorker Vollblutkünstler Julian Schnabel, der sich bereits als Maler und Bildhauer seine Sporen verdiente, bevor er schließlich im Jahr 1996 mit Basquiat ins Filmgeschäft einstieg, nimmt sich dieser Geschichte mit dem nötigen Feingefühl, aber vor allem mit der notwendigen ästhetischen Finesse an, die Jean- Dominique Baubys Leben erfordert. Julian Schnabel sagt selbst, dass sich beim Lesen von Baubys Memoiren ein interessanter Umstand ergibt, da man nach einer gewissen Zeit nicht mehr genau sagen kann, wann die echten Beobachtungen in Fantasievorstellungen übergehen, und dies erklärt sich am besten dadurch, dass man wenn man lange genug in einem solchen Zustand verharrt selbst nicht mehr genau unterscheidet, da Realität und Fiktion fließend ineinander übergeht.

Julian Schnabel hat nun einen wirklich hochinteressanten Ansatz gewählt, der den Zuseher perfekt in die Position von Jean- Dominique Bauby befördert. Der Film eröffnet mit einem gleißendem weißen Licht, das die Leinwand einhüllt. Danach zeichnen sich langsam erste Umrisse ab, unscharfe Konturen bewegen sich hin und her, und dann nimmt man langsam die ersten dumpfen Stimmen war. Die Ärzte fragen ihn wie es ihm geht, ob er seinen Namen kennt und ob er sich auch noch an die Namen seiner Kinder erinnern kann. Er antwortet ihnen, doch schon bald stellt man fest, dass es nur eine Stimme in seinem Kopf ist, und genau in diesem Kopf befindet sich auch der Zuseher und verfolgt das Geschehen aus der Egoperspektive.

Diese Aufnahemtechnik mittels subjektiver Kameraführung, wird auch über den Großteil des Films beibehalten, aber zumindest der erste Abschnitt ist vollständig aus dieser Ansicht gefilmt. Gemeinsam mit Jean- Dominique Bauby wird der Zuseher ans Bett gefesselt und durch verschiedene Kameratricks wird stets der Eindruck erweckt, dass man durch seine Augen blickt. Julian Schnabel hat hier in Zusammenarbeit mit Steven Spielbergs Stammkameramann Janusz Kaminski äusserst beeindruckende Bilder kreiert, die mit Hilfe von Unschärfen, verzerrten Winkeln und der dynamischen Führung, die das herumschweifende Auge immitiert, einen äusserst beklemmenden Einblick in den Kopf eines Gelähmten werfen, der gerade so besonders ist, weil es kein bloßer Einblick ist, sondern viel mehr ein Ausblick aus einem Gefängnis.

Schmetterling und Taucherglocke, der Titel ist insofern äusserst passend, ist es doch die perfekte Metapher für die Geschichte, die hier erzählt wird. Jean- Dominique Bauby verbringt sein Leben wie in einer Taucherglocke, die in den endlosen Ozean hinabgelassen wird. Er ist ein Gefangener in einem Käfig, den er nicht verlassen kann. Zwar kann er alles rund um sich wahrnehmen, aber er kann kaum einschreiten und eine Veränderung herbeiführen. Ganz im Gegensatz dazu steht sein Verstand, der immer noch agil ist wie ein Schmetterling, und in seiner persönlichen Taucherglocke eingeschlossen ist.

Ausgezeichnet ist es auch, wie Julian Schnabel die Egoperspetktive an manchen Stellen aufbricht um die Fantasie seiner Hauptfigur schweifen zu lassen. Dies ist insofern äusserst inspirierend, vermeidet Schnabel es doch gekonnt die Fantasien klar als solche darzustellen, sondern er schafft es den oben beschriebenen Effekt zu verwenden, und die Fantasien und Rückblenden nahtlos in die Gegenwartsgeschichte übergehen zu lassen. Dadurch ensteht ein äusserst gelungenes Gesamtbild, das auf höchst poetische Weise einen vollständigen Einblick in die Gedankenwelt von Jean- Dominique Bauby gewährt.

Besonders in Erinnerung bleibt die erste Szene in der dem Zuseher das eingefallene Gesicht von Jean- Dominique Bauby gezeigt wird. Hier zieht Julian Schnabel wirklich das gesamte Register seines Könnens, denn zunächst fesselt er den Zuseher in die Perspektive von Jean- Dominique, gewährt nur kurze Blicke im Spiegel, die einen Eindruck von seinem Äusseren liefern, und nachdem man sich beinahe schon selbst wie gelähmt fühlt, beginnt ein Rückblick mit dynamischer Musik, der den Zuseher aus der Lethargie reisst, und ihn zurück ins frühere Leben von Jean- Dominique führt. Als man sich schon an den jungen, ehrgeizigen Menschen gewöhnt hat, reisst das Szenario ruckartig ab, und das erste Mal zeigt uns Schnabel seine Hauptfigur aus der Frontalansicht, und mit diesem einzigen brillanten Schnitt setzt er einen Kraftakt, der einem Magenschlag gleichkommt, sodass man sich für einen Augenblick selbst kaum noch rühren kann.

Julian Schnabel verriet, dass sein erster Gedanken war, als er plante die Geschichte von Jean- Dominique Bauby für die Leinwand zu adaptieren, dass er gerne Johnny Depp in der Hauptrolle haben würde, da er liebend gerne noch einmal mit ihm arbeiten würde (die beiden drehten bereits Before Night Falls gemeinsam). Und wenn man den Film gesehen hat, dann bleibt es nicht aus zu sagen, dass Johnny Depp, wenn er die Rolle genauso wie Mathieu Amalric gespielt hätte, wohl nicht nur für den Oscar nominiert worden wäre, sondern ihn auch bekommen hätte (und Daniel Day-Lewis vielleicht nicht als Konkurrenz vorhanden gewesen wäre). Doch leider ist Mathieu Amalric nun mal kein Amerikaner, und kann sich so keine Chancen auf den wichtigsten Filmpreis der Welt ausrechnen, wenngleich zumindest eine Nominierung bei seiner grandiosen Darbietung ein Muss gewesen wäre.

Schmetterling und Taucherglocke ist in jeder Hinsicht ein bemerkenswerter Film, der nicht nur durch seine beeindruckende Geschichte punktet, sondern vor allem durch die höchst brillante, formale Umsetzung von Julian Schnabel, der den Zuseher auf eine wahre Tour de Force schickt und ihm sowohl die nüchterne Realität, durch den äusserst gelungenen Einsatz einer subjektiven Kamera, als auch die unendliche geistige Freiheit, durch die Jean- Dominique seinem persönlichen Gefängnis entflieht, nahe bringt. Abgerundet wird das Szenario durch einen wundervollen Soundtrack, und am Ende bleibt der Eindruck, dass man gerade einen Film gesehen hat, der auf der einen Seite einen tragischen Blick auf ein schlimmes Schicksal wagt, aber auf der anderen Seite auch die unendliche Schönheit des Lebens in Bilder fasst. Sehr empfehlenswert!

Fazit:
Schmetterling und Taucherglocke erzählt die bewegende Geschichte eines Menschen, der aus seinem oberflächlichen Leben gerissen wurde, und der erst als er gelähmt war das wichtige im Leben gefunden hat. Dabei verschweigt Julian Schnabel allerdings keinenfalls die Tragik in Jean- Dominique Baubys Leben, sondern zeigt ihn zunächst als sehr gebrochenen Charakter, der erst wieder an Kraft gewinnt, als er die Welt der Fantasie entdeckt, und sich in seinem Gedächtnis verschanzt. Schmetterling und Taucherglocke ist dabei sowohl inhaltlich stark, als auch formal visionär, und nutzt wirklich alle Register um den Zuseher auf eine filmische Reise der besonderen Art zu schicken. Schmetterling und Taucherglocke ist in jeder Hinsicht bemerkenswert, und man sollte sich diesen besonderen Film auf keinen Fall entgehen lassen.

Wertung:
9/10 Punkte

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