Shining (1980)

OT: The Shining - 115 Minuten - Horror
Shining (1980)
Kinostart: 16.10.1980
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Shining

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Stephen King war mit der Verfilmung seines drei Jahre zuvor erschienenen Bestsellers „The Shining“ durch Stanley Kubrick überhaupt nicht zufrieden. Um sich und seine Fan-Gemeinde zufrieden zu stellen, ließ King 1997 „The Shining“ für’s Fernsehen in einer Mini-Serie von Regisseur Mick Garris (der auch andere Stoffe von King verfilmte) neu inszenieren – und alle eingefleischten King-Fans finden seitdem natürlich das Drehbuch von King und die Inszenierung durch Garris viel besser als Kubricks allzu „freie“ Interpretation. Oder irre ich mich da? Every man his and every woman her own taste. Ich kenne weder Kings eigene Interpretation, noch sein Buch. Es ist bekannt, dass es keine 1:1 Verfilmungen von Romanen gibt oder geben kann (nicht einmal, wenn Regisseure dies auf Teufel komm raus versuchen, gelingt das). Film und Literatur folgen allzu verschiedenen Regeln, um eine „werkgetreue Adaption“ möglich zu machen.

Folglich kann Kubricks Streifen nur aus sich selbst heraus beurteilt, verstanden, interpretiert werden. Und in diesem Fall bin ich ehrlich gesagt froh darüber, Kings Roman nicht zu kennen.

Jack Torrance (Jack Nicholson) ist unterwegs zum Overlook-Hotel in den Bergen von Colorado. Torrance, früher Lehrer, jetzt Schriftsteller, will dort eine Stelle als Hausmeister annehmen und seine Familie – Wendy (Shelley Duvall), seine Frau, und seinen Sohn Danny (Danny Lloyd) – später nachholen. Das Hotel liegt einsam in den Bergen und hat im Winter keine Gäste. Torrance ist dies recht, denn er benötigt Ruhe, um seinen neuen Roman zu schreiben. Der Hotelmanager Ullman (Barry Nelson) erklärt ihm seinen (relative einfachen) Job und warnt ihn vor einer sechsmonatigen Einsamkeit in Nebel und Schnee, abgeschnitten von jeglichem Kontakt mit anderen Menschen – niemand sonst hält sich zwischen November und April im Hotel auf. Ullman sieht sich ebenso veranlasst, Torrance von einem Vorfall zu erzählen, der sich 1970 ereignete. Damals habe der damalige Hausmeister Charles Grady während der Wintermonate offenbar vollständig durchgedreht, seine Frau und seine zwei Töchter ermordet und sich dann selbst durch den Mund erschossen. Torrance erklärt Ullman, dass ihn dieser schreckliche Vorfall nicht daran hindere, den Job zu übernehmen, und Frau und Sohn sich sicherlich hier wohl fühlen würden.

Danny hat inzwischen seiner Mutter erklärt, dass er sich auf die Monate im Hotel freue. So ganz überzeugt ist Danny aber nicht von dem, was er sagt. Danny hat einen „Freund“, der in seinem Inneren „haust“: Tony, der über seinen Zeigefinger zu ihm „spricht“. Tony hat ihm berichtet, dass Dannys Vater den Job angenommen hat. Nicht nur das. Danny verfügt über die Fähigkeit des „Shining“, einer Art hellseherischen Fähigkeit, nicht nur in bezug auf die Zukunft, sondern auch, was vergangene Dinge anbetrifft. In einer seiner Visionen sieht er das Innere des Hotels Overlook: Aus den Fahrstühlen flutet literweise Blut in die Lounge des Hotels. Zwei Mädchen (Lisa und Louise Burns), Zwillinge, starren ihn grimmig an.

Die Familie Torrance begibt sich auf den Weg zu Jacks neuer Arbeitsstelle. Angekommen wird Jack von Mitarbeitern des Hotels mit den Räumlichkeiten bekannt gemacht. Der Küchenchef Dick Hallorann (Scatman Crothers) führt Wendy und Danny durch die Großküche, zeigt ihnen den Kühlraum und die Vorratskammer, ist sehr zuvorkommend und freundlich zu beiden. Er nennt Danny plötzlich Doc, was Wendy sehr wundert, weil niemand diesen Spitznamen erwähnt hat. Als Dick Danny zu einem Eis einlädt, erzählt er ihm, dass auch er die Fähigkeit „Shining“ besitzt. Er versucht Danny zu beschwichtigen, als der danach fragt, ob es in dem Hotel etwas Furchtbares gebe. Aber Danny weiß schon etwas mehr. Er fragt nach dem Raum 237 und Hallorann verbietet ihm, jemals diesen Raum zu betreten.

Nach etwa einem Monat beginnt Jack sich zu verändern. Als ihn Wendy in der Lounge aufsucht, fühlt er sich beim Schreiben gestört und erklärt ihr unmissverständlich und barsch, sie solle sich verpissen. Danny sieht wiederum die beiden Mädchen, die ihn auffordern, mit ihm zu spielen. Jack erzählt Wendy, er habe den schrecklichsten Alptraum seines Lebens gehabt: Er habe sie und Danny getötet und zerstückelt. Danny kommt aus dem verbotenen Raum 237 und hat Würgemale am Hals. Wendy verdächtigt Jack, der alles abstreitet, und Danny erzählt von einer Frau, die ihm das angetan habe. Jack braucht einen Drink. Er betritt die Bar, die plötzlich mit allerlei Leuten gefüllt ist, gekleidet wie in den 20er Jahren. An der Theke spricht er mit Barkeeper Lloyd (Joe Turkel). Als Jack danach das Zimmer 237 betritt, steigt aus der Badewanne eine junge, schöne Frau. Als er sie jedoch in den Arm nimmt, verwandelt sie sich in eine hässliche alte Frau mit krankhaften Ausschlägen auf der Haut, die ihn auslacht.

Wendy berichtet Jack, er habe nichts gesehen in Zimmer 237. Als sie meint, sie müssten weg von hier und mit Danny zum Arzt, gerät Jack wieder in Wut und beschimpft Wendy. Wieder in der Bar rempelt ihn ein Kellner an. Als der ihm im Bad die Flecken von der Jacke entfernt, meint Jack, in ihm Mr. Grady zu erkennen, der Frau und Töchter im Hotel umgebracht hatte. Aber Grady erklärt, nicht er, sondern Jack sei hier der Hausmeister, der für Ordnung zu sorgen habe, und die werde durch seinen Sohn Danny gefährdet, der einen Fremden, einen „Niggerkoch“, in das Hotel holen wolle: Hallorann. Jacks Pflicht sei es, dies zu verhindern:

„Grady: Ihr Sohn hat eine außergewöhnliche Fähigkeit. Ich glaube nicht, dass Ihnen bewusst ist, wie groß sie ist. Und dass er versucht, sie gegen Ihren Willen zu verwenden.
Jack: Er ist ein sehr eigenwilliger Junge.
Grady: Das ist er, Mr. Torrance. Ein sehr eigenwilliger Junge. Ein ziemlich frecher Junge, wenn ich so frei sein darf, Sir.
Jack: Es ist seine Mutter. Sie ist, ah, gestört.
Grady: Möglicherweise benötigen beide Zuspruch, wenn Sie mir nicht glauben wollen. Möglicherweise ein bisschen mehr. Meine Mädchen, Sir, mochten das ‘Overlook’ anfangs nicht. Eine von ihnen stahl doch tatsächlich Streichhölzer und versuchte, das Hotel anzuzünden. Aber ich korrigierte sie, Sir. Und als meine Frau versuchte, mich an der Ausübung meiner Pflicht zu hindern, korrigierte ich auch sie.“

Die Ereignisse überstürzen sich. In einer weiteren Vision malt Danny mit roter Farbe in Spiegelschrift „Redrum“ (Murder) auf eine Tür. Hallorann macht sich zum Hotel auf, weil er Schlimmes befürchtet. Die Telefonleitungen sind wegen eines Schneesturms ausgefallen, Jack hat inzwischen die Verbindung über ein Funkgerät zur Polizei lahmgelegt und Wendy hat Todesangst: Auf den Hunderten von Seiten – Jacks angeblichem Roman – steht immer wieder nur ein Satz: „All work and no play makes Jack a dull boy.“ ...

Kubricks Film endet mit einem Foto. Es zeigt die Teilnehmer eines Balls anlässlich des Unabhängigkeitstages, des 4. Juli im Jahre 1921, im Vordergrund ist deutlich eine Person zu sehen, die Jack Torrance mehr als ähnlich sieht. Ganz am Ende des Films applaudiert diese Ballgesellschaft der 20er Jahre; sie wird eins mit dem Kinopublikum, das einem Film applaudiert. Das Hotel und seine Ballgesellschaft haben überlebt. Jack Torrance ist präsent, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Das Hotel und die immer wieder in der Phantasie von Jack und in den Visionen von Danny, dann auch für Wendy sichtbaren einzelnen Mitglieder dieses Balls stehen für das Potential an Gewalt – und zwar in jedem von uns. The Fourth of July – die Unabhängigkeit der USA –, gegründet auf der Vertreibung und Ermordung der Indianer, auch das ist nicht irgend etwas Zufälliges bei Kubrick, in dessen Filmen es keine Zufälle gibt. Das Hotel, so erzählt ein Manager, wurde auf indianischem Gebiet gebaut. Und die Arbeiter mussten immer wieder Angriffe von Indianern abwehren. Das Hotel wurde auf Gewalt gebaut – wie die Vereinigten Staaten von Amerika.

„The Shining“ beginnt mit einer Fahrt ins Blaue, ins schier Übermächtige einer von heller Sonne umstrahlten Bergwelt. Eine realistische und doch zugleich illusionäre Welt. Nicholson tritt auf, als freundlicher, ruhiger Familienvater, als angehender Schriftsteller, der für ein halbes Jahr mit seiner Familie die Ruhe sucht. Kubrick durchbricht sehr schnell diese Illusion, die auch für den Betrachter von Beginn an brüchig ist. Die hellseherischen Fähigkeiten von Danny (exzellent gespielt von Danny Lloyd) paaren sich mit dem Blutrausch, der das Leben aus dem Hotel verbannt. Der aus einer penibel geschnittenen Hecke konstruierte Irrgarten vor dem Hotel wird zum Sinnbild der Angst, des Schreckens, der Verfolgung und der Ausweglosigkeit. Die Phantasien Dannys, Jacks und Wendys vermischen sich mit der Realität, die Grenzen von Trauma und Wahnsinn hier, von für einzig fassbar, greifbar Gehaltenem dort verschwimmen, die Zeitebenen geraten völlig durcheinander. Für Kubricks Figuren gibt es nur ein Jetzt, in dem sie leben und sterben werden. Die Vergangenheit – individuelle wie kollektive – ist allgegenwärtig wie die Gegenwart geronnene Vergangenheit. Was die Indianer in der Gründerzeit waren, das ist der „Nigger“, der sich von außen einmischen will, wie Grady formuliert („your son is attempting to bring an outside party into this situation“). Grady erteilt Jack einen klaren Auftrag: Er muss für Ordnung sorgen. Als er das erste Mal versagt hat und Wendy Jack in die Speisekammer eingesperrt hat, bekommt er von Grady die letzte Chance. Die Vergangenheit muss gegenwärtig bleiben. Dafür hat Jack zu sorgen. Seine Frau und sein Sohn haben ihm zu gehorchen, wenn nicht, muss er sie „korrigieren“. Der „Nigger“ kann nicht eines besseren belehrt werden.

Ist Grady „wirklich“ oder phantasiert? Er ist beides. Er ist das Gewissenlose in Jack, repräsentiert seine Ängste, Frustrationen, seinen Willen zur Macht, zur Gewalt, zur Aufrechterhaltung einer überkommenen Ordnung, der Jack selbst nicht gewachsen ist. Als sich die junge schöne Frau in eine hässliche Alte verwandelt, die ihn wie eine böse Hexe auslacht, ist Jack in seiner Hilflosigkeit bloß gestellt. Selbst das Weibliche, das Erotische verwandelt sich in den Schrecken unter solchen Bedingungen. Daraus zieht er aber nicht die Konsequenz der Reflexion seiner selbst und seiner Situation. Er macht weiter. Er geht einen Schritt weiter, und noch einen. Er will etwas zusammenhalten, indem er seine Frau und seinen Sohn opfert.

Welchen Realitätsgehalt haben Dannys Phantasien und Visionen? Sie sind Vorboten, Ausdruck eines kindlichen, aber dennoch realistischen Gespürs für die Gefahren dieser überkommenen, skrupellosen Ordnung, der sich zu widersetzen mit dem Tode bedroht ist. Wenn Danny mit dem Dreirad über die Gänge des Hotels rast, wechseln die Geräusche, je nachdem, ob er über Teppichboden oder Parkett fährt, mal bedrohlich laut, mal kaum hörbar – bis er auf die toten Zwillinge trifft. Alles in diesem Hotel, alle Wege führen offenbar nur zu einem: zum Tod.

Kubricks „The Shining“ – vordergründig ein Horrorfilm – entpuppt sich als Mosaikstein im Gesamtwerk des Regisseurs, das von schwerwiegenden Zweifeln an der Zivilisation geprägt ist. Kubrick hat „The Shining“ in mehrere Teile unterteilt mit den Überschriften „Das Interview“, „Abschluss eines Tages“, „Einen Monat später“, „Dienstag“, „Donnerstag“, „Samstag“, „Montag“, „Mittwoch“, „8 Uhr morgens“, „4 Uhr nachmittags) – dann ist „Johnny“ da: „Hereeeeeee’s Johnny“! (der Ausspruch rekurriert auf eine Talk-Show von Johnny Carson: „The Tonight Show“). Der Schrecken rückt wie ein schneller werdender Zug immer näher und ist doch zugleich von Beginn an präsent. Für Wendy und Danny beginnt ein Kampf um ihr Leben.

Im Irrgarten macht Danny das einzige, was ihm Rettung verspricht: er legt eine falsche Fährte. Er greift auf etwas zurück, was die Indianer meisterhaft beherrschten: Er setzt seine Füße rückwärts in die Schneespuren, versteckt sich hinter einer Hecke, bis sein ihn verfolgender Vater vorbei gegangen ist, um dann mit seiner Mutter zu fliehen: in dem Schneefahrzeug, mit dem Hallorann (der „Nigger“) zum Hotel gefahren war. Hier – in dem Rückgriff auf die Opfer der amerikanischen Geschichte – steckt neben der tiefen Verzweiflung über die Geschichte der Zivilisation ein Hauch von Optimismus, nur ein zarter Anflug von Hoffnung, der – immerhin – Danny und Wendy das Leben rettet. Der Überlebenswille und Mut von Wendy – bei aller Angst – und die visionäre Kraft von Danny – unter Rückgriff auf Indianer und Schwarze – repräsentieren dieses Fünkchen Hoffnung.

Was Kubrick in seinem für mich zentralen Film – „2001: A Space Odyssey“ –, in diesem großen, epischen, durchkomponierten, geradezu sinfonischen Werk zum Ausdruck gebracht hatte – in einer Zeit (1968) der großen Illusion des noch größer geglaubten Fortschritts –, führte er in „The Shining“, sehr intensiv und subtil kritisch auf amerikanische Verhältnisse zugespitzt, fort. Man darf nicht vergessen, dass das Jahr 1980 auch für eine Zeit steht, in der die mittelmäßigen, aber nichtsdestotrotz gefährlichen „Cowboys“ (Ronald Reagan) wieder zur Macht gelangt waren.

(1) Der Titel des Films rekurriert auf den Song „Instant Karma“ von John Lennon, in dem es u.a. heißt:

„Why in the world are we here?
Surely not to live in pain and fear
Why on Earth are you there
When you're everywhere
Gonna get your share
Well, we all shine on
Like the moon and the stars and the sunYeah, we all shine on.“

Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens
Filmering.at
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