JFK

OT: JFK  -  197 Minuten - Polit / Thriller
JFK
Kinostart: 23.01.1992
DVD-Start: 10.05.2013 - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu JFK

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Vorbemerkung
Verschwörungstheorien sind immer dann en vogue, wenn es um Verbrechen an hoch gestellten Persönlichkeiten geht, die nicht vollständig oder umfassend aufgeklärt werden konnten. Sobald in Ermittlungen Fehler, Mängel oder auch nur eine einzelne Verschleierung auftauchen oder der Öffentlichkeit – aus welchen Gründen auch immer – bestimmte Dinge vorenthalten werden, beginnen wir – mehr oder weniger alle – an eine Verschwörung zu glauben. Das kann man an fast allen politischen Morden oder Attentaten auf Personen des öffentlichen Lebens, egal ob sie politisch motiviert waren und sich als Taten von Einzelpersonen herausstellten, beobachten. Die Morde an den Kennedys, an Martin Luther King, selbst ein Unfall wie der von Lady Diana standen unmittelbar darauf im Geruch, Verschwörer hätten sich zusammengetan, um jemanden zu töten.

Bis heute sind die Umstände des Mordes an John F. Kennedy nicht vollständig geklärt, zumal wichtige Akten des Falls erst in knapp 30 Jahren eingesehen werden dürfen, aber auch, weil es immer noch gewisse Zweifel an der Ein-Täter-Theorie gibt. Manche glauben sogar, dass Oswald gar nicht geschossen habe.

Oliver Stone – bekannt für seine Liebe zu Verschwörungstheorien – drehte auf Basis der Bücher von Jim Garrison, dem damaligen Bezirksstaatsanwalt in New Orleans („On the Trail of the Assassins“), und von Jim Marrs („Crossfire: The Plot who killed Kennedy“), 1991 einen Film, in dessen Vorfeld Stone schon etliche Steine in den Weg gelegt werden sollten. Wochenlange Streitereien zwischen dem Regisseur und Journalisten zierten den Zeitraum vor dem Beginn der Dreharbeiten. Ein erklärter Feind von Garrison, Harold Weisberg, stahl sogar das erste Drehbuch Stones und übergab es der Washington Post. Stone drehte den Film praktisch unter absoluter Geheimhaltung, verfasste insgesamt sechs Drehbücher und schuf einen Film, der zunächst sage und schreibe zehn Stunden lang war, bevor er ihn auf 189 bzw. 206 Minuten (Director’s Cut, USA) herunter schnitt.

Zudem war Garrison selbst nicht die Lichtgestalt, als die ihn Stone in dem Film fast durchweg schildert. 1967 stand Garrison im Verdacht, Zeugen geschmiert und bedroht zu haben. Ihm wurden Beziehungen zu einem Mafia-Boss (Marcello) nachgesagt. 1971 wurde Garrison vom Vorwurf der Entgegennahme von Bestechungsgeldern, die er von Spielhallenbesitzern angenommen haben sollte, freigesprochen. Tonbandaufnahmen, die dies beweisen sollten, waren offenbar gefälscht.

Der ominöse Mister X im Film (Donald Sutherland), Fletscher Prouty, Luftwaffenoffizier und Ex-Berater im Kennedy-Stab, soll Kontakte zur rechtsradikalen John Birch Society und zum Ku-Klux-Klan gehabt haben.

Alles zusammen genommen – ob das eine stimmt oder das andere nicht – keine besonders guten Voraussetzungen für einen Film, in dem es um die Hintergründe des Attentats auf Kennedy geht.

Der Film
Am selben Tag, dem 22.1.1963, als John F. Kennedy kurz vor 12:30 Uhr bei einer Fahrt durch Dallas durch mehrere Kugeln niedergestreckt wird und wenig später stirbt, muss sich Bezirksstaatsanwalt Jim Garrison (Kevin Costner) mit einer Schlägerei zwischen dem pensionierten CIA- oder FBI-Agenten (??) Guy Bannister (Ed Asner) und dem Privatdetektiv Jack Martin (Jack Lemmon) befassen. Gegen 14:38 Uhr wird Lyndon B. Johnson als 36. Präsident der USA vereidigt und etwa zur gleichen Zeit der mutmaßliche Attentäter Lee Harvey Oswald (Gary Oldman) verhaftet, der die Tat – er soll aus dem 6. Stock eines Hauses drei Schüsse auf Kennedy abgegeben haben – bestreitet und erklärt, er sei nur der Sündenbock; außerdem wird ihm der Mord an einem Polizisten 45 Minuten nach dem Attentat auf Kennedy zur Last gelegt.

Zwei Tage später erschießt der Nachtclubbesitzer Jack Ruby Oswald auf dem Weg ins Bezirksgefängnis vor laufenden Fernsehkameras. Präsident Johnson richtet eine Untersuchungskommission, die sog. Warren-Kommission, ein, die in ihrem Abschlussbericht vom 24.9.1964 zum Ergebnis kommt, es habe sich um die Tat eines einzelnen und nicht um irgendeine Verschwörung gehandelt.

Jim Garrison zweifelt an der Einzeltäter-Theorie; doch erst 1966 fängt er mit seinem Mitarbeiterstab an, nach Fakten zu suchen. Er stößt dabei nicht nur auf antikommunistische Exil-Kubaner, rechtsradikale Kreise und ehemalige FBI- und CIA-Connections einzelner Personen, sondern vor allem auf die Aussage des Detektivs Martin, der ihm erzählt, ein Pilot namens David Ferrie (Joe Pesci) sei beauftragt gewesen, Oswald mit einem Flugzeug aus Dallas ins Ausland zu bringen. Oswalds Mörder Ruby (Brian Doyle-Murray) habe diesen Plan mit ausgearbeitet.

Weitere Spuren führen Garrison zu dem Geschäftsmann Clay Shaw (Tommy Lee Jones), der vehement bestreitet, Ferrie oder irgendwelche exilkubanischen oder rechtsradikalen Personen zu kennen oder Mitglied oder Kontaktmann der CIA gewesen zu sein. Letzeres war auf jeden Fall eine Lüge. Garrison kann Kontakte Shaws zu Ferrie und Oswald nachweisen.

Ferrie kommt eines Tages plötzlich zu Tode, bevor er offiziell vernommen werden kann. Trotzdem klagt Garrison Clay Shaw an, der von der Jury aber mangels Beweisen freigesprochen wird. Auch die Informationen, die der ominöse Mister X (Donald Sutherland) Garrison über eine angebliche Verschwörung von Geheimdienstkreisen, Anti-Castro-Gegnern und Vietnam-Krieg-Befürwortern gegeben hatte, nützen Garrison letztlich für eine Beweisführung gegen einzelne Personen nichts ...

Stone inszenierte einen durchaus anstrengenden, mit Dialogen nur so gepflasterten Streifen, der durch die Verwendung verschiedener Film-Formate, radikale Schnitte, Dokumentarmaterial, nachgestellten Szenen vom Attentat und von der Umgebung des Tatorts allein schon ein in dieser Form einmaliges Dokument der Filmgeschichte darstellt. Wenn ich anstrengend sage, so meine ich damit, dass man sich auf den Film in ganz anderer Weise einlassen muss als auf andere Streifen: Stone fordert ein Höchstmaß an Konzentration vom Zuschauer. Wenn man sich auf diese Anstrengung einlässt, kann man einen äußerst spannenden, nie langweilig werdenden Thriller genießen, ein – abseits der realen Hintergründe – trotz seiner Länge kriminalistisch-filmisches und technisches Meisterwerk. Auch das (erfundene) Abschlussplädoyer Garrisons im Prozess gegen Shaw ist genial ausgearbeitet und sicherlich der Höhepunkt des Films.

Stone ist der Vorwurf gemacht worden, er manipuliere das Publikum durch seine einseitig vorgetragene Verschwörungstheorie. Das sehe ich nicht so. Stone stellt von Anfang an klar, dass er der Meinung ist, dass der militärisch-industrielle Komplex (MIK) für das Attentat auf Kennedy verantwortlich zeichnet (zu Anfang wird Präsident Eisenhower gezeigt, der Vorgänger Kennedys, der über die positive Bedeutung des MIK vor der Fernsehkamera spricht) und dass das Haupt-Motiv für den Mord Kennedys Absicht gewesen sei, sich nicht stärker, sondern weniger in Vietnam zu engagieren und in bezug auf Kuba statt einer Politik der Konfrontation die einer friedlichen Koexistenz zu versuchen. Nach der Bewältigung Kuba-Krise (Stationierung der SU-Mittelstreckenraketen auf Kuba) auf friedlichem Weg zeichnete sich eine solche Politik zumindest in Umrissen ab. Stone vermutet also starke außenpolitische und ökonomische Interessen – etwa auch der Rüstungsindustrie – als Hintergrund einer Verschwörung gegen Kennedy.

Diese These vertritt Stone von vornherein, so dass jedem klar sein müsste, worauf man sich bei diesem Film einlässt, zumal es kurz nach der Uraufführung des Werks nur so an Kritik hagelte.

Stone verwendete für seinen Film ausschließlich Material aus den genannten Büchern und stellte – soweit ich weiß – mit einer Ausnahme nur Personen vor, die tatsächlich existierten. Lediglich der angebliche Gefangene Willie O’Keefe (Kevin Bacon) war eine Erfindung des Drehbuchs, ebenso das fast 30minütige Schlussplädoyer Garrisons im Prozess gegen Clay Shaw (dort ist Garrison selbst übrigens in der Rolle des Richters zu sehen).

Stone bringt auch durchaus überzeugend all die Zweifel ins Spiel, die sich an der Einzeltäter-These tatsächlich anbringen lassen. Die Person Oswalds wird als sehr schillernd dargestellt, was sie auch war. Einerseits war Oswald Marinesoldat, andererseits lernte er russisch, ging für einige Zeit in die Sowjetunion, heiratete dort eine Russin, kehrte ohne Probleme von seiten der SU- und der US-Behörden wieder in die USA zurück (auch nicht gerade alltäglich), bezeichnete sich im Fernsehen als Marxist-Leninist, hatte aber gleichzeitig Kontakte zu rechtsradikalen und exil-kubanischen Kreisen usw.

Auch liefert der Film etliche Anhaltspunkte für die These, dass Kennedy von mehreren Attentätern erschossen worden sein musste, u.a. von einem Täter am „Grassy Knoll“, einem Ort, gegenüber dem mehrere Zeugen standen, die dort eine Rauchwolke gesehen haben wollen. Eine weitere Untersuchungskommission, die vom US-Kongress eingesetzt worden war, schrieb im Sommer 1979 in ihrem Abschlussbericht, dass Kennedy „wahrscheinlich aufgrund einer Verschwörung ermordet worden sei“ und die Mafia „Motive, Mittel und Gelegenheit gehabt (habe), um John F. Kennedy zu ermorden“. Diesen Aspekt – eine eventuelle Verwicklung der Mafia-Bosse Marcello und Trafficante, die die Kommission namentlich erwähnt – ließ Stone allerdings im Film untergehen.

Kritik lässt sich jedoch trotzdem anbringen. Denn Tatsache ist, dass Garrison zwar einiges an Ungereimtheiten aufdecken, auch Verbindungslinien von exilkubanischen und rechtsradikalen Connections, CIA- und FBI-Verbindungen einzelner Verdächtiger aufdecken konnte. Allerdings verblieb dies alles ohne einen wirklich konkreten Bezug zum Attentat selbst. Sein Informant Mister X sollte dem wohl aus der Patsche helfen. Doch das, was X Garrison zu erzählen hatte, waren nichts anderes als unbewiesene Vermutungen über eine Verschwörung im großen Stil – das also, was eigentlich erst einmal zu beweisen war.

Stone trennt die verwertbaren Erkenntnisse der Ermittlungen Garrisons und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen im Hinblick auf eine solche Verschwörung auf höchster Ebene in keiner Weise. Alles dient der These. Daher bleibt nicht nur seine Verschwörungstheorie eine unter vielen (selbst die Freimaurer wurden für das Attentat schon in Anspruch genommen; es fehlen nur noch Außerirdische), sondern seine Beweisführung auch unglaubwürdig.

Ich bin kein allzu großer Fan von Kevin Costner. Doch in diesem Film spielt er in jeder Hinsicht überzeugend und glaubwürdig, auch wenn das Drehbuch Garrison zu sehr als politischen Saubermann ohne den kleinsten Mangel vorgegeben hatte. Tommy Lee Jones als schmieriger, ominöser und skrupelloser Businessman konnte mich ebenso überzeugen wie Gary Oldman, der Oswald als das spielte, was er wohl war, einen ziemlich verwirrten Menschen, dem es an klarer Ausrichtung seines Lebens mangelte. Sissy Spacek spielt die treusorgende, aber von der dauernden Abwesenheit ihres Mannes enttäuschte Liz Garrison, die sich um ihre Kinder und das Leben der Familie sorgt (Drohanrufe), bravourös. Obwohl Walter Matthau und Jack Lemmon nur in Nebenrollen zu sehen sind, füllen sie diese mit allem aus, was sie können.

Filmtechnisch und dramaturgisch ist „JFK“ meiner Meinung nach ein Meisterwerk und trotz seiner Länge ein absolut spannender Film mit der richtigen Besetzung. Auch die Handlung ist logisch aufgebaut und nachvollziehbar, selbst in der Originalfassung, bei deren Genuss mir leider manchmal die vorhandenen Englischkenntnisse nicht ausreichten. In bezug auf den Fall Kennedy allerdings muss sich Stone den Vorwurf gefallen lassen, dass er seine These von einer Verschwörung des MIK letztlich nicht auf die von Garrison tatsächlich ermittelten Fakten, also Ermittlungsergebnisse, die sich nachprüfen lassen bzw. Einwände, die sich geltend machen lassen, stützen kann. Stone adaptiert im wesentlichen Garrisons eigene Verschwörungstheorie.

Nach den Morden an Robert Kennedy, Martin Luther King, insbesondere nach der Watergate-Affäre und nicht zuletzt aufgrund der Kenntnisse über die Rolle Henry Kissingers im Vietnamkrieg und beim Putsch gegen Allende in Chile kann man nicht mehr ausschließen, dass auch John F. Kennedy Opfer einer politischen Verschwörung auf oberster Ebene gewesen sein könnte. Aber wirkliche Beweise gibt es dafür bis heute nicht. Vielleicht wird erst die Freigabe der bisher öffentlich nicht zugänglichen Akten einiges ans Licht bringen – allerdings zu einem Zeitpunkt, in dem alle in Frage kommenden möglichen Hintermänner oder Täter längst tot sein werden. Stone kann niemand das Recht verwehren, eine solche Vermutung zu hegen. Aber der Film kann dafür nicht wirklich Beweise liefern. Stones Vermutung einer Verschwörung auf oberster Ebene ist am Schluss des Films nicht wirklich mehr untermauert als zu Beginn.

Trotzdem halte ich den Film für wichtig, weil er die öffentliche Diskussion über das Attentat an Kennedy wieder ins Bewusstsein gerückt hat.

 

Wertung:

10/10 Punkte

 

Oscar:

Gewonnen:

  • 1991 - Beste Kamera
  • 1991 - Bester Schnitt

 

Nominiert:

  • 1991 - Bester Film
  • 1991 - Beste Regie - Oliver Stone
  • 1991 - Bestes Adaptiertes Drehbuch - Oliver Stone, Zachary Sklar
  • 1991 - Bester Nebendarsteller - Tommy Lee Jones
  • 1991 - Beste Musik
  • 1991 - Bester Sound
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