Die unheimliche Macht

OT: -  96 Minuten -  Horror / Thriller
Die unheimliche Macht
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Die unheimliche Macht

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Gemeinhin gilt Michael Mann als der Meister urbaner Großstadtthriller, lieferte vor Meisterwerken wie „Heat“ oder „Collateral“ aber auch auf ganz anderem Terrain gute Arbeit ab. Neben „The Last of the Mohicans” gehört der wirklich unbekannte „The Thief“ zu den eher ungewöhnlichen Filmen des versierten Filmemachers. Ich will in diesem Review nicht die problematische Produktion in allen Details wiedergeben, sondern stattdessen auf die Website www.the-keep.ath.cx verweisen, auf der ein Fan eigentlich alles Wichtige zusammengetragen und analysiert hat, was die widrigen Umstände betrifft.

Fakt ist, dass Michael Mann sich noch während der Post Production mit dem Studio überwarf und hinschmiss oder besser gesagt gegangen wurde. Die Produzenten ließen eine 95minütige Schnittfassung anfertigen und nachdrehen, die aber nur noch fragmentarisch den Vorstellungen Manns entspricht. Diese Version macht besonders in der zweiten Hälfte auch einen sehr unfertigen und holprigen Eindruck. Wer sich die Mühe machen möchte und die oben genannte Website, die ich wirklich nur empfehlen kann, besucht, wird auch etliche Fotographien nicht mehr existenter Szenen finden. Da bliebt wirklich viel Material auf der Strecke. Man munkelt, dass der Rohschnitt wohl über drei Stunden ging.

Ein Director’s Cut, Audiokommentar und Making Of, das sogar existiert, wäre wünschenswert, aber da es den Film bisher nicht einmal auf DVD gibt, wird das vermutlich Wunschdenken bleiben, zumal Paramount anscheinend kein Interesse daran zeigt, dem Film eine adäquate Veröffentlichung zu bescheren. Nun war der Film damals natürlich auch ein kommerzieller Totalflop, der Manns gerade mit „Thief“ mühsam erarbeitete Reputation wieder zerstörte. An der Adaption von F. Paul Wilsons komplexer Romanvorlage war er letztlich als Autor und Regisseur auf Druck der Geldgeber gescheitert. Drei Jahre sollte es dauern, bis man ihn danach wieder mit einem Kinofilm betraute. Auch der unterschätzte „Manhunter“ enttäuscht später an den Kinokassen. Allerdings aus völlig anderen Gründen.

Vor allem in den ersten 20 Minuten des Films, der nebenbei bemerkt auch den gelungensten Abschnitt darstellt, befindet sich Mann ganz offensichtlich voll und ganz in seinem Element. Zu dem elektrisierenden Score Tangerine Dreams, die schon „Thief“ so unnachahmlich musikalisch veredelten, bezieht während des 2. Weltkriegs Major Klaus Wörmann (Jürgen Prochnow, „Das Boot“, „Beverly Hills Cop II“) mitsamt seiner Männer in einem rumänischen Bergdorf, irgendwo in den Karpaten, Stellung. Sie quartieren sich in einer uralten Festung ein, um diesen strategisch wichtigen Punkt verteidigen zu können, wissen aber längst nicht mit was für einem Feind sie es hier bald zu tun haben werden. Denn er kommt aus dem Inneren der Festung und ist nicht menschlich...

Sein unnachahmliches Talent für fesselnde Atmosphäre kommt Michael Mann auch hier zugute und so zieht er das unheimliche Gemäuer und das anliegende Dorf mit einem düsteren Bilderstil, wabernden Nebel und einer feuchten, verregnet-herbstlichen Kulisse überaus furchteinflößend und stimmungsvoll auf. Diese ersten 20 Minuten in denen Woermann die Lokalität erkundet und von Alexandru (William Morgan Sheppard, „Needful Things“, „The Prestige“), dem Wächter, darauf hingewiesen wird, dass diese Bergfestung verwunschen sei und auf keinen Fall die in die Felsen eingelassenen Kreuze entfernt werden dürfen, richten sorgfältig das Szenario auf. Erst als zwei habgierige Wachen entgegen ihres Befehls nachts ein plötzlich strahlendes Kreuz entfernen und damit das Böse befreien, das sie förmlich zerreißt (und zwar ziemlich graphisch, aber wohl auch gekürzt), hält das Grauen Einzug. Was dann passiert, lässt sich als leider nur noch als Patchwork beschreiben. Gut inszeniertes Patchwork fraglos, aber auch leider sehr zerfahren, undeutlich und mit viel zu vielen Plotholes.

Denn die Deutsche Wehrmacht schickt als Reaktion auf die beiden Todesfälle eine SS-Einheit unter der Führung von Major Kämpffer (gnadenlos diabolisch: Gabriel Byrne, „End of Days“, Stigmata“), die gegen den Protest Wörmanns direkt nach ihrer Ankunft ein Exempel an den Bewohnern statuieren, damit aber am völlig falschen Ast sägen. Das versucht Wörmann ihnen auch mitzuteilen, will der dickschädelige Kämpfer aber nicht hören. Was in Folge passiert, bleibt sehr konfus und hinterlässt viele Fragezeichen. Die Ambitionen dahinter erkennt man zwar noch, aber formvollendet ausgearbeitet sähe „The Keep“ mit seiner Allegorie des 2. Weltkriegs, insbesondere Adolf Hitler, sicher völlig anders aus.

Man entdeckt im Schloss seltsame Runen, die niemand übersetzen kann und deportiert den jüdischen Gelehrten Doktor Theodore Cuza (Ian McKellen, „X-Men“, „The Lord of the Rings“) zusammen mit seiner Tochter Eva (Alberta Watson, „The Hitman“, „Irish Eyes“) aus dem KZ in das Gemäuer, damit er den Text entziffert. Während dessen nimmt das Böse schrittweise Gestalt an, tötet zwei Wehrmachtssoldaten als sie Eva vergewaltigen, und schlägt ihrem Vater einen Pakt vor. Wenn Theodore ihm helfen würde über die Brücke aus der Festung zu gelangen, würde er dafür Adolf Hitler töten. Das Wesen gibt dem im Rollstuhl sitzenden Theodore dafür Gesundheit und Jugend zurück. Währendessen macht sich von Griechenland aus auch Glaeken Trismegestus (Scott Glenn, „Extreme Justice“, „Vertical Limit“) dank übersinnlicher Wahrnehmungskräfte in die Karpaten auf, um das Böse zu stoppen. Eva wird daraufhin ausquartiert und landet fast direkt mit Glaeken nach seine Ankunft im Bett, während der ausgebrannte Wörmann nach weiteren Zwischenfällen überhaupt nicht mehr mit Kämpffers Vorgehen einverstanden ist, die deutsche Moral widerspiegelt und mit Resignation glänzt.

Mit zunehmender Laufzeit macht dies leider alles immer weniger Sinn. Man kann mit guten Willen zwar die sich dahinter verbergende Intention noch erkennen, aber auf eine nähere Erläuterung dieses Flickwerks muss der Zuschauer leider verzichten. So gibt sich das Böse auch ganz offen und gesprächsbereit, als Kämpffer ohnmächtig nach seiner Herkunft fragt mit den Worten „Where am I from? I am... from You.“ zu erkennen. Cuza trifft vorab eine ganz ähnliche Aussage („The Devil in the Keep wears a black uniform, has a Death's Head in his cap, and calls himself a Sturmbannführer!”), so dass der Film fröhlichen Interpretationen Tür und Tor öffnet, die jedem wichtigen Charakter eine bestimmte Rolle zuspielen können. Theodore Cuza stände beispielsweise symbolisch für die deutsche Bevölkerung, die mit dem Bösen, Adolf Hitler, paktiert und zu spät seine Verfehlung erkennt oder Glaeken für die U.S. Armee, aber das führt hier jetzt alles etwas zu weit und wird in „The Keep“ maximal dezent angedeutet anstatt ausgearbeitet. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Mann in diese intelligente Richtung intendierte, aber von den Produzenten weggejagt wurde, die wohl ihre Felle davonschwimmen sahen.

Leider werden diese Motive also nicht weiter verfolgt. Das Geschehen steuert stattdessen auf einen effektvollen Zweikampf zwischen Glaeken, der während des gesamten Films ohne Unterbau komplett in der Luft hängt, und dem Bösen zu, das kurz vor seinem Ausbruch aus der Festung steht. Das anschwellende Inferno macht atmosphärisch indes einiges her und vor allem die Szene, in der Kämpffer in knietiefem Nebel durch die Reste seiner verbrannten Einheit marschiert, ist pures Adrenalin. Das Effektspektakel zum Schluss hinterlässt den Eindruck, dass es nachgedreht wurde, zumal diverse alternative Enden existieren, die völlig anders aussehen. Der Film endet danach auch völlig abrupt in immerhin schön schaurigen, nebelverhangenen Kulissen, in denen die wenigen Überlebenden verdattert begreifen müssen, dass ihre Zeit noch nicht abgelaufen ist.

Ich persönlich mag „The Keep“ trotz seiner zerfahrenen zweiten Hälfte dennoch ganz gern, denn die Atmosphäre ist wirklich ein Brett. So wie man das von Michael Mann auch nicht anders gewohnt ist. Zwar bewegt er sich fernab „seiner“ Großstädte, hat allerdings trotzdem das talentierte Händchen für eine stimmungsvolle Umsetzung, die seine Werke auszeichnet. Schade, dass er seine Version nicht realisieren durfte, denn von den gelungenen, teilweise ganz schön brutalen Effekten bis hin zu den guten Darstellern spielen sonst alle mit. Speziell für Jürgen Prochnow ist die Rolle des Major Klaus Wörmann natürlich leicht kurios, weil seine erste amerikanische Rolle ihn ausgerechnet zurück in die Wehrmachtsuniform befördert, wo er später auch ein paar Ansichten des „Alten“ wieder aufleben lassen darf. Schade, dass seine Diskussion mit Kämpffer, der ganz anderen Ansichten pflegt, so schnell abgewürgt wird. Auch aus diesem Konflikt hätte sich mehr machen lassen.

Fazit:
„The Keep“ hinterlässt ganz gewiss einen unfertigen Eindruck, der wesentlich mehr sein könnte, als er letztlich wurde. Die tolle Grusel-Atmosphäre und die unheimliche Location mit ihren verwinkelten, labyrinthartigen Gängen haben auf mich eine unwahrscheinliche Sogwirkung, dürften darüber hinaus auch jedem anderen Zuschauer zusagen, der sich ganz gepflegt unwohl fühlen möchte. Michael Mann inszeniert damit gewohnt stilbewusst und kreiert einige absolut stimmige, bisweilen surreale Momente. Die Darsteller und die Effektcrew ziehen zwar auch mit, aber die Produzenten wohl weniger. Deswegen gerät der ambitionierte Horrorfilm vor der Kulisse des 2. Weltkriegs in der zweiten Hälfte zu einer hektischen Geschichte, der offenbar viele Minuten entnommen wurden. Das anvisierte Niveau Manns mehr als nur blanken Horror zu servieren, sondern auch noch mit Sinn und Doppeldeutigkeit das intelligentere Publikum zu erreichen, ist damit zum Scheitern verurteilt. Die packende Atmosphäre behält sich der Film zwar bis zum Schluss vor, aber leider verläuft der holprige Plot sich schnell in unausgearbeiteten Andeutungen. Der höchst banale Schlusskampf zwischen Gut und Böse war vermutlich eine schnelle Entscheidung des Studios, um mit ein wenig plakativen Effektbrimborium irgendwie „The Keep“ zu einem gewöhnlichen Schluss zu zwingen, der niemandem weiteres Denken abfordert. Angesichts der Möglichkeiten ist es sehr schade, was aus diesem Film wurde. Auf eine Restauration kann man vermutlich genauso lange warten, wie auf eine vernünftige Veröffentlichung. Wenigstens die amerikanische Laserdisc zeigt den Film in einem annährend originalen Format, während alle VHS-Veröffentlichungen unansehbar auf Vollbild aufgezoomt wurden. Etwas Besseres hat der Film schon verdient und vielleicht sieht Paramount das eines Tages auch mal ein.

Wertung:
7/10 Punkte

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