Der Einzelgänger (Thief)

OT: -  117 Minuten -  Gangster / Thriller 
Der Einzelgänger (Thief)
Kinostart: 04.09.1981
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Der Einzelgänger (Thief)

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Michael Manns (selbstverständlich auch hier Regisseur, Autor und Produzent) relativ unbekanntes Kinodebüt “Thief” beinhaltet bereits viele Elemente, die später in “L.A. Breakdown“ und dessen Remake „Heat“ wiederzufinden sind. Der vom damals noch völlig unbekannten Jerry Bruckheimer produzierte Thriller basiert auf dem Buch „The Home Invaders“ von Profidieb Frank Hohimer und zeigt schon früh auf, zu was für einem brillanten Regisseur sich Mann im Laufe der Jahre entwickeln sollte.

Es ist Nacht, es ist Chicago, es regnet und das Lichtermeer der Straßenzüge spiegelt sich auf den nassen Straßen wieder. Zu den atmosphärischen Klängen der deutschen Band Tangerine Dream wird in den ersten Minuten in surreal anmutenden Bildern geschwelgt. Wer Manns spätere Liebeserklärungen an „seine Stadt“ Los Angeles in „Heat“ und „Collateral“ mochte, wird sich auch hier sofort zurecht finden und wohl fühlen. Man atmet die Luft Chicagos und staunt - gebannt und fasziniert vom Neonlicht.

Manns Filme werden fast immer von charismatischen Verbrechern dominiert. Frank (James Caan, “The Killer-Elite”, “Rollerball) ist ein Profidieb, der sich auf Diamanten spezialisiert hat und, nachdem er 11 Jahre im Knast gesessen hat, genau dort weiter macht, wo er aufgehört hat. Er lebt nicht schlecht davon, hat sich eine Scheinexistenz als Gebrauchtwagenhändler aufgebaut, plant seine Coups bis ins kleinste Detail durch und ist doch nicht zufrieden mit seinem Leben.

Frank ist ein einsames Individuum, dass sich nach einer Familie sehnt und das Leben eines Einzelhängers satt hat. Er wurde vom Staat groß gezogen, fuhr mit 20 in den Bau ein und kam mit 31 wieder heraus. Ein verpfuschtes Leben, dass sich nach Normalität sehnt. In Jessie (Tuesday Wel, “Falling Down“, “Once Upon a Time in America”), einer Bardame, glaubt er die richtige Frau gefunden zu haben. Als ihm dann Leo (Robert Prosky, „Christine“) Gangsterboss Honig ums Maul schmiert und ihn dazu überredet für ihn zu arbeiten, gibt Frank seine Unabhängigkeit für mehr Geld auf. Ein letztes Mal, ein letztes großes Ding und dann will er ein bürgerliches Leben führen. Ein Trugschluss, wie sich heraus stellen soll.

„Thief“ ist von vorn bis hinten ein „Mann“ – Film. Fans seiner späteren Filme werden auch hier auf ihre Kosten kommen. Unverständlich, warum dieses Frühwerk kaum Beachtung findet. Realismus wird auch hier groß geschrieben, den Charakteren wird die nötige Zeit zugestanden, damit sie sich entwickeln können. Der Fokus liegt dabei komplett auf Frank. In einem einzigen, sehr dem Zusammentreffen von Al Pacino und Robert de Niro in „Heat“ ähnelndem, nächtlichen Cafebesuch erfahren wir, mehr über Frank und Jessie, wie der Aufenthalt im Knast einen Menschen verändert und wie beide vom Leben enttäuscht worden sind. Sie fristen ein unbefriedigendes Dasein, sehnen sich nach Liebe, Zuneigung und einer Familie. Mann überstrapaziert diesen Faden leider ein bis zweimal ein wenig. Nun gut, den Feinschliff sollte er sich im Verlauf seiner Karriere selbst verpassen.

Ohne künstlich die Dramaturgie anzukurbeln, verlässt sich der Film ganz auf die Entwicklung seines Hauptcharakters. Die Welt scheint sich für Frank zu verändern. Sein Leben schlägt ein neues Kapitel auf. Er hat seine große Liebe gefunden, doch jäh wird diese mühsam errichtete Idylle durch den Tod seines Mentors und Lehrers wieder eingerissen. Sein Boss verspricht ihn in 4 Monaten zum Millionär zu machen, statt dessen behält er jedoch den Großteil seines Lohns ein und investiert ihn in die eigene Tasche. Inzwischen wissen sogar die korrupten Bullen wer Frank ist und was er so treibt. Sie setzen ihm zu, weil er sie nicht, wie sie es gewohnt sind, schmiert.

Als Frank darauf der Kragen platzt, kommt das wahre Gesicht Leos zum Vorschein – ein skrupelloser, gemeiner Gangster, der ihn nur ausnutzt und geschickt geködert hat. Proskys Vortrag ist sensationell gemein, ehrlich und hart geschauspielert. Die Vermittlung eines Adoptivkinds und das Haus waren lediglich Lockmittel zum Schein. Frank erkennt das zu spät, kann seinen Freund Kollegen Barry (James Belushi, “Red Heat”, “The Principal”, erste Rolle) nicht mehr retten und resigniert. Der Versuch ein bürgerliches Leben zu führen, scheint nicht realisierbar. Symbolisch verbrennt er seine ihm heilige im Knast angefertigte Bildkollage der heilen Welt. Schließlich reißt seine Existenz ein, verlässt seine große Liebe, um im Showdown reinen Tisch zu machen...

„Thief“ hat relativ wenig Action anzubieten, erinnert in seinen blutigen, in Zeitlupe zelebrierten, Shootouts allerdings definitiv an Sam Peckinpah. Herausragend inszeniert, sind die beiden Einbrüche Franks. Insbesondere während der detailliert wiedergegebenen Vorbereitung bemerkt man, dass Michael Mann sich ausführlich mit der Materie auseinander gesetzt hat und mit John Santucci einen ehemaligen Juwelendieb, sowie mit Dennis Farina („Manhunter“, „Snatch“) und Nick Nickeas zwei Polizisten konsultierte. Alle drei sind übrigens, gegen ihren „Beruf“ im realen Leben besetzt, in Nebenrollen wiederzufinden. Begleitet von der elektrisierenden Musik Tangerine Dreams, ist vor allem der zweite Coup in seiner Durchführung ein optischer Leckerbissen. Mit einer meterlangen Elektrode wird sich dabei am Safe vergangen.

Anstatt sich wie andere Regisseur der Achtziger auf die Action zu verlassen und einfach ein Hohlmantelskript mit spektakulären Coups zusammenzuhalten, liefert Michael Mann, noch ganz den Siebzigern zugewandt, die Charakterstudie eines seinen Prinzipien treu bleibenden, dickköpfigen Diebs, der sein Leben schon früh verpfuschte und nun verzweifelt versucht das Beste daraus zu machen. Der temperamentvolle James Caan gibt eine sehr dominante und die vielleicht beste Vorstellung seiner Karriere ab, während der Supportcast, aus dem besonders Robert Prosky herausragt, durchweg gute Leistungen abliefert. Im übrigen hat William L. Petersen („Manhunter“) hier seinen ersten Leinwandauftritt in einer Minirolle.

Fazit:
Michael Manns Kinodebüt ist ein atmosphärischer, dramatischer Thriller, der sich ganz seiner Charakterstudie widmet und dosiert Action präsentiert. „Thief“ zeigt keinen schillernden, charmanten Meisterdieb, sondern einen desillusionierten, von seinem langen Knastaufenthalt zerstörten Mann, der sich nach seiner Entlassung nur noch Geborgenheit, Liebe und Zuneigung sehnt. Als er glaubt all dies zu bekommen, erkennt er zu spät, wie blind ihn die Suche nach diesem vermeintliche Glück gemacht hat. Neben der dichten Atmosphäre („Thief“ spielt größtenteils bei Nacht) punktet der Film mit Realismus, einem explosiven, knüppelharten Schluss und James Caan in Topform. Mann-Fans sei sein Frühwerk vorbehaltlos empfohlen, denn über die kleineren dramaturgischen Schwächen darf weitestgehend hinweg gesehen werden.

Wertung:
8/10 Punkte

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