Drachenläufer (The Kite Runner)

OT: -  122 Minuten -  Drama
Drachenläufer (The Kite Runner)
Kinostart: 18.01.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 02.05.2013
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Filmkritik zu Drachenläufer (The Kite Runner)

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Regisseur Marc Forster hat längst bewiesen, dass er in der Lage ist einen wirklich herausragenden Film, unabhängig seines Genres zu drehen. Mit Schräger als Fiktion hat er sich der Komödie zugewandt, Wenn Träume fliegen lernen war sein preisgekröntes Drama, und mit Stay servierte er schließlich einen ansprechenden Thriller mit doppeltem Boden, der Filmfans rund um den Globus begeisterte. Mit seinem neusten Film Drachenläufer darf sich der talentierte Schweizer nun an einer tragischen Romanadaption versuchen: Das Ergebnis ist erneut beeindruckend, und Marc Forster gewährt gerade dort Einblicke, wo man eigentlich nicht hinsehen möchte.


Kabul, in den 70er Jahren: Amir (Zekiria Ebrahimi) und Hassan (Ahmad Khan Mahmoodzada) sind die besten Freunde und verbringen jede freie Minute mit dem Drachensteigen. Auch dass beide aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen stört sie wenig: Denn Hassan ist der Sohn vom Hausdiener von Amirs Vater. Eines Tages kommt es jedoch zu einem folgenschweren Zwischenfall, der das Leben der beiden Freunde für immer verändert: Hassan gerät in die Hände einer Jugendbande, die ihn schwer erniedrigt und misshandeltund Amir, der alles beobachtet, hat nicht den Mut einzugreifen.


Ihre Freundschaft zerbricht an diesem Vorfall, da es sich Amir nicht verzeihen kann was er getan hat. Doch er löst das Problem nicht, sondern in der Verzweiflung eines Kindes macht er alles noch schlimmer: Er beschuldigt Hassan eines Diebstahls, den dieser nie begangen hat. Obwohl Amirs Vater ihm das verzeihen würde beschließt Hassans Vater zu kündigen und für immer fortzugehen. Kurz danach beginnt die Sowjetunion ihren Einmarsch in Afghanistan und Amir und sein Vater müssen fliehen. In Amerika beginnen sie ein neues Leben, und Amir wird Schriftsteller. Doch die Schuld aus seiner Kindheit verfolgt ihn noch immer, als er jedoch plötzlich einen Anruf aus der alten Heimat erhält, sieht er seine Chance alles wieder gut zu machen...


Drachenläufer, im englischen Original als The Kite Runner betitelt, basiert auf dem gleichnamigen Roman von Khaled Hosseinis der Kritiker und Leser gleichsam begeistern konnte. Mutig ist vor allem die Entscheidung sich voll und ganz auf die Story zu verlassen, und weder mit aller Gewalt irgendwelche Stars in die Geschichte zu integrieren, noch den Verlauf der Story nach Amerika zu verlegen. Ausnahmsweise hat man in Hollywood Weitsicht bewiesen, und eingesehen, dass das kulturelle Flair des Films essentiell für dessen Wirkung ist.


Drachenläufer ist eine zutiefst afghanische Geschichte, die tiefe Einblicke in die kulturellen Feinheiten des Landes gewährt, und gleichzeitig eindrucksvoll zeigt, wie sich das Land nach dem Einmarsch der Sowjetunion, und dem Aufstieg des Taliban-Regimes verändert hat. Ja, auch während Amirs und Hassans Jugend war das Land nicht frei von Fehlern, was man ja an der Szene mit der Jugendbande sieht, aber für die Bevölkerung war das Drachensteigen stets ein symbolischer Akt der Freiheit, der sie den Alltag für einen Moment vergessen ließ.


Die Taliban haben ihnen diese Möglichkeit geraubt, und das Land in ein Unterdrückungsregime verwandelt. Der dritte Akt von Drachenläufer ist sein mit Sicherheit eindrucksvollster, wenn Amir schließlich in seine frühere Heimat zurückkehrt, und das Land kaum wieder erkennt. Männer müssen Bärte tragen, sonst drohen ihnen schlimme Strafen, und das Gesetzessystem des Landes ist für einen Außenstehenden kaum zu glauben. Vor Amirs Augen wird eine Frau in einem Stadion gesteinigt, und es kann bereits tödlich enden wenn man die vorbeifahrenden Taliban nur zu lange ansieht.


Drachenläufer stützt sich dabei auf eine klar abgesteckte dreiteilige Struktur, die den genauen Verlauf der Wiedergutmachung nacherzählt. Der Beginn wird nicht nur dazu verwendet um die Charaktere einzuführen, sondern vor allem um Amir in eine Schuld zu stoßen, die ihn sein Leben lang verfolgen wird. Im Mittelteil folgt dann der weitere Verlauf seines Lebens, in dem eigentlich alles zufrieden stellend für ihn laufen würde, wenn da nicht seine Schuld aus der Vergangenheit wäre, die ihn tief beeinflusst. Der dritte Akt ist dann die oben beschriebene Rückkehr in die Heimat, und vervollständigt den Prozess aus Verschuldung, Aufarbeitung und Wiedergutmachung.


Drachenläufer trägt dabei stets die ruhige, stilsichere Handschrift seines Regisseurs. Im ersten Akt entwirft er eine unbekümmert Freundschaft zwischen zwei Kindern, die er jedoch rapide unterbricht. Der zweite Akt in Amerika gewährt Einblicke in das kulturelle Befinden der Afghanen, zeigt er doch wie Amir um die Hand der Tochter eines Generals anhalten möchte, und sich alle dabei strikt an den vorgegebenen Kodex halten müssen. Auch die Beziehung zwischen Amir und seinem Vater wird hier ins Zentrum gerückt, und gewährt ebenfalls einige kulturellen Einblicke, sieht man doch welch tief greifenden Respekt die Afghanen für ihre Eltern empfinden.


Der dritte Akt, der oben bereits näher beschrieben wurde, rundet die Geschichte ab, und sorgt dafür, dass Drachenläufer eine vollständige Analyse der menschlichen Schuldaufarbeitung wird, und gleichzeitig tiefes kulturelles Verständnis für seine Figuren aufbringt. Als ein kleines bisschen störend erweist sich jedoch, dass der Film in seinem letzten Drittel ein Hochglanzportrait des Elends entwirft, was man sicher besser lösen könnte, da etwas rauere Bilder viel besser in dieses Szenario passen würden. Nichtsdestotrotz ist Drachenläufer die höchst eindrucksvolle Nacherzählung eines menschlichen Schicksals, und für Freunde des ruhigen Kinos ein Pflichttermin.


Fazit:

Drachenläufer erzählt die ergreifende Geschichte einer Freundschaft, die bereits in Kindeszeiten zerbricht. Im Folgenden reflektiert der Film mit seiner dreiteiligen Struktur die Stadien der Schuldbewältigung, und gewährt nebenbei auch noch tiefe Einblicke in die kulturellen Gepflogenheiten der Afghanen. All dies ist bei Marc Forster in sicheren Händen, und für Freunde des ruhigeren Kinos ist Drachenläufer ein Pflichttermin.


Wertung:

8/10 Punkte

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