Magnolia (1999)

OT: Magnolia - 181 Minuten - Drama
Magnolia (1999)
Kinostart: 13.04.2000
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Magnolia

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Es gehört immer wieder einiges an Überwindung dazu, wenn man sich als Zuseher an ein Mammutwerk alà Magnolia heranwagt, welches mit seiner Laufzeit von stolzen 181 Minuten und seiner ungemein komplexen Struktur sowohl Sitzfleisch, als auch Verstand fordert. Doch sobald das Kino bereten ist, bzw. die DVD im Player liegt, gibt es keine Überlegungen mehr. Bereits der Prolog des Films, und die darauf folgenden ersten 15 Minuten, die alle Charaktere des Films einführen, und mit dem wunderschönen Song "One" unterlegt sind, sind dermaßen genial, dass man gar nicht mehr in Versuchung kommt den Film zu unterbrechen. Magnolia öffnet das Tor in eine der beeindruckendsten Welten der Filmgeschichte, und es liegt nur am Zuseher einzutreten.

Dabei erzählt der Film keine Geschichte im herkömmlichen Sinn. Er gewährt nur einen Einblick in das Leben von einigen Menschen, die so wie sie hier gezeigt werden auch direkt aus der echten Welt kommen könnten. Magnolia erlaubt es uns tief in die verschiedenen Charaktere hinein zu blicken und dort die unterschiedlichsten Facetten des menschlichen Lebens zu erkennen und zu analysieren. Alles dreht sich um die mal mehr, mal weniger starken Verbindungen in den Leben unterschiedlicher Menschen, und wie oft wir gar nicht wissen wie sehr sich unsere Wege doch überschneiden, bzw. wie sehr wir doch von den Entscheidungen anderer beeinflusst werden, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Magnolia ist einfach ein ausserordentlich starker Blick auf das Leben und vor allem auf uns Menschen, aber mehr noch ist es einer der beeindruckendsten Filme der jüngeren Kinogeschichte.

Earl Partridge (Jason Robards), seinerseits Produzent fürs Fernsehen, liegt im Sterben und seine jüngere Frau Linda (Julianne Moore), ist deswegen auf vielerlei Art betroffen. Sie selbst hat sich längst in eine Tablettensucht geflüchtet, und ist nun nicht nur drogenabhängig, sondern auch suizidgefährdet. Earls Sohn aus erster Ehe, der seinen Vater hasst und sich selbst Frank Mackey (Tom Cruise) genannt hat, ist mittlerweile zum gefeierten Sexberater für Männer geworden, und leitet nicht nur unzählige Seminare, sondern auch ein gigantisches Netzwerk, dass sich voll und ganz auf seine Versprechen für die Männerwelt beruft, und die Lösung für alle Frauenprobleme verspricht.

Lange waren beide Seiten damit zufrieden keinen Kontakt zu haben, doch da Earl jeder Zeit sterben kann, bittet er seinen Pfleger Phil Pharma (Philip Seymour Hoffman) seinen Sohn zu finden. Showmaster Jimmy Gator (Philip Baker Hall) ist seit vielen Jahren das Zugpferd in der, von Earl produzierten, TV-Show „What did kids know?“, in der junge Wunderkinder die Chance bekommen ihr Wissen gegen das von Erwachsenen zu testen. Was jedoch noch niemand weiß ist, dass Jimmy an Krebs leidet, und kurz davor ist zu sterben. Am Ende seines Lebens angelangt, will er noch seinen Frieden mit seiner Umwelt machen, und muss somit seiner Frau gestehen, dass er sie betrogen hat.

Viel schlimmer ist allerdings, dass er sich auch mit seiner Tochter Claudia (Melora Walters) aussöhnen muss, die keinen Kontakt mehr mit ihm hat, weil sie in ihrer Kindheit von Jimmy missbraucht wurde. Damals ist in Claudia irgendetwas gestorben, und so konnte sie nie Glück in ihrem Leben finden. Anstatt Beziehungen hegt sie nur Sexgeschichten mit Fremden, die sie in Bars aufgabelt, und schlägt sich mit Kokain über die Runden. Doch als der Polizist Jim Kurring (John C. Reilly) in ihre Wohnung kommt, um einer gemeldeten Ruhestörung nachzugehen geht irgendetwas mit den beiden vor, und sie verabreden sich zum Essen. Währenddessen beginnt auch das Wunderkind Stanley Spector (Jeremy Blackman) in Jimmys Show, weil im keine Pinkelpause gewährt wurde, gegen das System zu rebellieren, und der während seiner Kindheit ebenfalls als Wunderkind gefeierte Donnie Smith (William H. Macy), droht langsam an seinem Leben zu zerbrechen. In einer einzigen Nacht beginnen sich all diese menschlichen Knoten mit einem Schlag zu entwirren...

Das erste was man nach der Ansicht von Paul Thomas Andersons Meisterwerk Magnolia machen muss, ist einmal tief durchatmen. Der Film ist im Wesentlichen eine Ansammlung an menschlichem Leiden, Problemen und Beziehungen, und wahrlich kein leichtfüßiges Erlebnis. Viel mehr ist Magnolia ein schwerer, tiefgreifender Genuss, wie man ihn nur ausgesprochen selten zu sehen bekommt. Das Ende, abgesehen von Andersons stilistischer Bombe, an der wohl einige zu knabbern haben und auf die ich später noch zu sprechen komme, ist schließlich nicht nur makellos, da dieses Wort auch viel zu verschlissen ist. Das Ende von Magnolia ist einzigartig, überwältigend und dezent zu gleich. 

Es darf sich zu den mit Abstand besten Szenen der letzten Jahre zählen, wie es Paul Thomas Anderson schafft die gesamte angesammelte Spannung des Films, und die gesamte Trauer, Wut und Verzweiflung des Publikums mit einer einzigen Szene loszulösen, die für sich genommen rein gar nichts überwältigendes hat, aber im Kontext des Films schlicht zum Niederknien schön ist. Es liegt an Claudia die Geschichte abzurunden, und den finalen Paukenschlag zu setzen, der eher mehr wie ein dezentes Triangelspiel angelegt ist. Die letzte Einstellung des Films ist ein simples Gespräch zwischen Claudia und Jim, welches von der Musik großteils übertönt wird. Doch es sind auch nicht die Worte, die hier das Zentrum der Szene bilden. Es ist die emotionale Kraft, die alleine von Claudias Blick ausgeht, und die durch Aimee Manns wunderschönem Song "Save Me" noch verstärkt wird. Die letzte Einstellung ist schließlich ein kurzer Moment der Hoffung, wenn Claudia nicht nur Jim, sondern uns allen ein kurzes Lächeln schenkt. Es ist nicht ganz die Erlösung die man sich gewünscht hat, aber zumindest ein Strohhalm an dem man sich festhalten kann, wenn diese Figur, die man den ganzen Film über nie fröhlich gesehen hat kurz, fast schemenhaft lächelt.

Paul Thomas Anderson beweist mit Magnolia nicht nur, dass er ein unglaublich talentierter Regisseur ist, er liefert den unwiderlegbaren Beweis, dass er eines der größten Genies in der Branche ist. Jedoch nicht nur sein Regietalent, sondern vor allem auch seine unglaublichen Fähigkeiten als Autor müssen erwähnt werden. Denn Magnolia ist ganz sein Baby, und entspringt seiner Kreativität. Die Geschichte ist so detailreich und verzweigt, dass man sie erst beim zweiten Mal ansehen richtig erfassen kann, und erst nach mehrmaligen Sehen alle Facetten entdecken kann.

Natürlich sind solche Superlative immer etwas unglaubwürdig, aber die epischen Ausmaße von Magnolia kann man nur mit dem Wort makellos bezeichnen. Und es ist nun einmal wirklich so, dass es lange keinen Film mehr von dieser Perfektion gegeben hat. Dabei ist es eigentlich ein Wunder, dass dieser Film überhaupt gemacht wurde. Die gigantische Laufzeit, die unglaublich komplexe Geschichte, die stets die volle Aufmerksamkeit des Publikums erfordert, aber vor allem der dunkle Blick in den Menschen selbst, sind nicht gerade Publikumsmagneten. Doch man soll nicht lange meckern, sondern einfach nur dankbar sein, dass es diesen Film gibt.

Als Zuseher muss man sich nur darauf einlassen, und mit in diese Welt hinabsteigen. Magnolia lebt zur Gänze von seinen Charakteren und diese sind schon beinahe unverschämt gut gezeichnet. Jede einzelne Figur in diesem Film ist es Wert beleuchtet zu werden, und sie sind wirklich alle ausnahmslos interessant. Ein Großteil des Reizes besteht darin, dass man in Magnolia von allen Figuren soviel erfährt, wie man es aus anderen Filmen einfach nicht kennt. So erreichen Szenen eine äusserst ambivalente Tragweite, wie zum Beispiel die Szene als Linda in der Apotheke extrem harte Medikamente kaufen will, und dabei vom Apotheker äusserst unangenehm ausgefragt wird. Normalerweise würde man die Reaktion von Linda an dieser Stelle vielleicht unangebracht finden, aber dadurch, dass sich Magnolia die Zeit nimmt ihr Leben zu bleuchten, kann man sie verstehen.

Dies ist überhaupt eine der wesentlichen Stärken des Films. Er schafft es jeder einzelnen Figur ein Profil zu verleihen, sodass man sie nicht so einfach in eine Schublade stecken kann. Zum Beispiel wirkt Tom Cruise in seiner Rolle zunächst wie ein klassischer, simpler Macho, doch nach und nach fällt immer mehr Licht auf seine Vorgeschichte und man beginnt ihn zu verstehen. Apropos Tom Cruise, dieser ist in Magnolia so gut wie noch nie. Seine unglaublich faszinierende Figur spielt er mit einer derartigen Anziehungskraft, dass es schon beinahe unheimlich ist. Die Oscarnominierung hat er sich schließlich alleine mit der Szene am Sterbebett seines Vaters verdient, die seine gesamte vorige Darbietung in ein ganz anderes Licht rückt, und die Essenz seiner Figur auf den Punkt bringt. Allerdings wäre es mehr als ungerecht das ganze Lob nur auf den brillierenden Tom Cruise zu schieben, denn das gesamte Ensemble spielt am Zenit ihrer Leistungsfähigkeit.

Nun kommen wir zum wohl meistdiskutierten Aspekt an Magnolia. Dem ominösen Prolog, und dem am Ende auftretenden Ereignis, welches scheinbar so gar nicht in den Film passt. Der Prolog ist offensichtlich die Einstimmung für die mysteriösen Wettererscheinung am Ende, die hier allerdings nicht näher beschrieben wird, da der Überraschungseffekt viel zur Stimmung beiträgt. Ausserdem stellt der Prolog quasi eine pointierte Zusammenfassung der metaphysischen Aussage von Magnolia dar. Das Leben ist nun mal, mehr als es uns lieb ist, vom Zufall (oder doch etwas anderem?) beeinflusst, und wenn man einen Film sehen würde, der das Leben detailgetreu widergibt, würde man die vielen Zufälle nicht glauben. Dem Überraschungseffekt am Ende will ich mich hier gar nicht zu ausgiebig zuwenden, da jeder für sich darüber nachdenken soll. Man kann allerdings davon ausgehen, dass dieser Effekt hauptsächlich dazu dient um den Zuseher zum Nachdenken zu zwingen, und ihm kurz vor dem Ende die Kinnlade herunterklappen zu lassen. Kurz gesagt dient diese Wendung vor allem dafür dem Zuseher die Geschichte auch wirklich einzuhämmern.

Zuletzt bleibt es nicht aus, auch noch die grandiose, vielschichtige Inszenierung von Paul Thomas Anderson zu erwähnen. Er zeigt, dass er einer der ganz Großen ist, bzw. noch werden wird, denn wie er es schafft diese Fülle an verschiedenen Erzählsträngen, Charakteren und Ereignissen, nicht nur in einen Film unterzubringen, sondern auch noch schafft, all dies miteinander zu verknüpfen, und dies nicht nur auf narrativer sondern auch auf bloßer handwerklicher Ebene, ist schlicht umwerfend. Mit der Kamera schwebt er durch die Szenarie, hängt sich den Figuren an die Fersen, überholt sie, bleibt auf Augenhöhe, lässt sie wieder passieren, nur um dann unglaublich ästhetisch zur nächsten Figur zu schwenken. Am auffälligsten verbindet er die Gemeinsamkeiten aller Figuren schließlich in der grandiosen Gesangsszene, in der alle Figuren gleichzeitig, unabhängig voneinander, ein Lied singen. Die Musik ist überhaupt ein unsichtbarer Protagonist in Magnolia, der die Handlung emotional unglaublich aufwertet, und über wahre Ohrwurmqualität verfügt. Magnolia ist in allen Belangen ein Meisterwerk.

Fazit:
Alles in allem ist Magnolia nicht nur ein in jeder Hinsicht perfekter Film, es ist ein Bollwerk am filmischen Horizont und einer der besten Filme der jüngeren Kinogeschichte. Paul Thomas Anderson schafft es ein ungeheuer dichtes Geflecht aus grandios gezeichneten Figuren, sowohl narrativ, als auch inszenatorisch miteinander zu vernetzen, und würzt dies alles noch mit solch ungeheuer starken Dialogen, dass dem Zuseher stellenweise das Wasser im Munde zusammenläuft. Dabei ist allerdings zu beachten, dass Magnolia absolut keine leichte Kost ist, sondern den Zuseher in jeder Hinsicht fordert. Auch die Länge von 181 Minuten wird viele abschrecken, erweist sich allerdings als absolut notwendig um die Geschichte standesgemäß zu erzählen. Die Schauspieller operieren durchwegs am Zenit ihrer Leistungsfähigkeit, und spielen so authentisch, dass man an vielen Stellen das Gefühl hat, dass man mit dem Ansehen von Magnolia in eine eigene Welt steigt, und dort die Menschen beobachtet. Jeder der sich für Filme interessiert und Magnolia noch nicht kennt, schuldet es sich selbst dieses Meisterwerk nachzuholen. Und zwar nicht nur einmal, denn mit jedem Mal ansehen entdeckt man neue Facetten.

Wertung:
10/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 8.7/10 | Kritiken: 2 | Wertungen: 44
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