Das Waisenhaus

OT: -  110 Minuten -  Mystery / Drama
Das Waisenhaus
Kinostart: 14.02.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Das Waisenhaus

Von am

Am Ende des letzten Jahres, bzw. am Beginn dieses Jahres, war es der herausragende Pan's Labyrinth, der als eines der großen Highlights von der letzten Oscar-Saison in Erinnerung blieb. Dieser Film, unter der Regie des großartigen Guillermo del Toro war auch der spanische Beitrag für den Auslandsoscar. In dieser Oscar-Saison erscheint nun ein Film, der in nicht wenigen Punkten an das spanische Märchen vom vorigen Jahr erinnert: Das Waisenhaus, ist nicht nur ebenfalls der spanische Beitrag für den Auslandsoscar, und besitzt einen visuell unglaublich berauschenden Stil, er hat auch Guillermo del Toro mit an Bord. Wenngleich der Erfolgsregisseur diesesmal auch nur als Produzent auftritt, so ist seine Handschrift an vielen Stellen unverkennbar. Achja, und ein wirklich ausgezeichneter Film ist auch hier wieder herausgekommen.

Laura (Belén Rueda) verbrachte den Großteil ihrer Kindheit in einem Waisenhaus, wurde jedoch adoptiert, und so aus dem elternlosen Schicksal gerettet. Jahre später will sie gemeinsam mit ihrem Mann Carlos (Fernando Cayo) das alte Waisenhaus erneut eröffnen. Da sie das Schicksal als Waise kennt, hat sie auch ihr eigenes Kind, den kleinen Simón (Roger Príncep) adoptiert, doch dieser weiß weder dass Laura und Carlos nicht seine richtigen Eltern sind, noch dass er aidskrank ist. Er hat auch noch eine weitere Angewohnheit, die allerdings keinen wirklich stört: Er bildet sich unsichtbare Freunde ein.

Doch nach einem Ausflug in eine Höhle, am nahen Strand hat Simón plötzlich einen neuen imaginären Freund, der sich selbst Tomas nennt. Auch hier denken sich die Eltern noch nichts, ist es doch nichts völlig ungewöhnliches, wenn sich einsame Kinder selbst Freunde erschaffen. Doch als plötzlich eine mysteriöse Frau namens Benigna (Montserrat Carulla) auftaucht, und spät abends auf dem Gelände herumschleicht, beginnt Laura langsam unruhig zu werden. An Simons Geburtstag kommt es schließlich zu einem Zwischenfall der das Leben der Familie für immer verändern wird: Unter den Partygästen taucht tatsächlich der maskierte Tomas auf, der Laura angreift, und plötzlich ist Simon wie vom Erdboden verschwunden...

Wenn man das Szenario von Das Waisenhaus auf dem Papier betrachtet, dann ist das Skizzierte wahrlich nichts Herausragendes. Alles dreht sich um ein entlegenes Haus, in dem vor vielen Jahren etwas schreckliches passiert ist, und welches nun scheinbar von spukenden Kindern heimgesucht wird. Auch der junge Hauptdarsteller, der sich mit imaginären Freunden umgibt, ist nichts Neues mehr, und es finden sich auch noch einige andere Merkmale, von denen man durchaus behaupten kann, dass sie des Öfteren im Horrorgenre verwendet werden. Warum ist Das Waisenhaus also dennoch so gelungen? Nunja, das Ganze ist eben oft mehr als die Summe seiner Teile.

Als Aussenstehender kann man nur erahnen wieviel Einfluss Produzent Guillermo del Toro wirklich auf diesen Film hatte, aber Regisseur
Juan Antonio Bayona hat sich zumindest auffällig von der Arbeitsweise seines großen Förderers inspirieren lassen. Doch dies soll keinesfalls als Kritikpunkt aufgefasst werden, denn del Toros visueller Stil ist schlicht atemberaubend, und dementsprechen ausgezeichnet fällt auch das Setting von Das Waisenhaus aus. Egal ob es die abgelegene Landschaft ist, die das Waisenhaus einzwängt, der in der Ferne aufblitzende Leuchtturm, oder die stimmungsvoll gefilmten Innenräume, stets ist die Optik ein wahrer Augenschmaus, stülpt sich jedoch nie über den Inhalt, sondern ordnet sich immer der Geschichte unter. Als ganz großes Highlight darf schließlich das herausragend eingesetzte Spiel mit Licht und Schatten bezeichnet werden, welches als Stimmungsfaktor die Atmosphäre noch zusätzlich bereichert.

Wichtig ist allerdings die grundlegende Herangehensweise an diesen Film, um einer Enttäuschung entgegenzuwirken. Das Waisenhaus ist absolut nichts für die Liebhaber der gerade so modernen, ultrabrutalen Horrorfilme, sondern viel mehr auf das etwas anspruchsvollere Publikum zugeschnitten. Im Stile eines Wenn die Gondeln Trauer tragen setzt man vor allem auf einen ausgesprochen intelligenten Spannungsaufbau, der wohl das an der Oberfläche treibende Publikum gar nicht erreichen wird. Am besten lässt sich Das Waisenhaus jedoch als eine Mischung aus Pan's Labyrinth und The Others beschreiben, wer also die beiden Filme mochte, der kann auch hier nichts falsch machen.

Doch Das Waisenhaus ist genauso wenig ein Gruselfilm, wie Pan's Labyrinth ein Fantasyfilm ist. Während Pan's Labyrinth vor allem ein Drama während des Bürgerkriegs war, und lediglich durch die großartigen Fantasymomente bereichert wurde, ist Das Waisenhaus hauptsächlich ein ansprechendes Familiendrama, welches durch einige haarsträubende Gruselmomente ergänzt wurde. Und diese Gruselmomente prallen nicht nur ohne Wirkung vom Zuseher ab, sondern haben es wirklich in sich: An vielen Stellen lässt es Das Waisenhaus einem so kalt über den Rücken laufen, wie schon lange kein Film mehr.

Dies liegt daran, dass sich der Film vor allem sehr an klassischen Werten orientiert, aber dennoch nicht den Fehler macht einfach das Altbekannte zu kopieren. Kurz gesagt ist der Film schlicht ein atmosphärisches Meisterwerk, welches den Zuseher förmlich in seine Welt saugt. Aber wirklich großartig ist, dass Das Waisenhaus gar nicht versucht einen Schockeffekt an den anderen zu reihen, sondern sich etwas zurück nimmt, und seine Story wirken lässt. Denn diese ist nicht nur der übliche seelenlose Müll, wie sie der Zuseher in vielen anderen Werken geboten bekommt, sondern wirklich interessant und fesselnd.

Viele moderne Horrorfilme machen den grundlegenden Fehler, dass sie sich nur darauf beschränken den Zuseher kurzfristig zu schocken. Meistens geschieht dies mit sehr simplen Mitteln, wie zum Beispiel eines plötzlich lauter werdenden Musikstücks, oder ähnlichem, und die Story wird nur auf das nötigste reduziert, da man sich ohnehin nur das Ziel setzt ein junges Publikum kurzfristig zu beeindrucken, und somit keinen Wert auf eine langandauernde Wirkung legt. Das Waisenhaus ist hier deutlich anders, und widmet sich zur Gänze einem reiferen Publikum, für das auch andere Werte als der bloße Schock zählen.

Dies soll allerdings keinenfalls heißen, dass Das Waisenhaus nicht zum Fürchten ist. Ganz im Gegenteil, denn durch den eher Drama-lastigen Stil des Films, wirken die Schockeffekte die eingesetzt werden umso heftiger. Jedoch werden Teenies, die den Film nur sehen wollen, um sich gegenseitig zu beweisen, dass man sich weniger leicht erschrickt als der andere, definitiv keinen Spaß am Film haben. Denn Das Waisenhaus ist voll und ganz darauf ausgelegt, dass sich der Zuseher in die Geschichte versetzt, und so am Geschehen teilnimmt.

Einige kleine Schwächen haben sich dennoch in diesen Film geschlichen, auch wenn sie den Gesamteindruck nur minimal schmälern. An einigen Stellen wird die Atmosphäre absolut grandios aufgebaut, bis sich schließlich der große Schockeffekt anbahnt. Doch leider versäumt man es oft diesem grandiosen Aufbau noch einen umwerfenden Paukenschlag folgen zu lassen. Der finale Überraschungsmoment ist also in vielen Szenen deutlich schwächer, als der Aufbau, was dann leider dazu führt, dass die Stimmung etwas abflacht. Auch haben sich leider einige Szenen in den Film geschlichen, die etwas aus dem subtilen Kontext des Films herausbrechen, und etwas zu reisserisch wirken. Hinzu kommt, dass der letzte Twist in der Story zwar wirklich gelungen ist, das Ende selbst dann leider aber sehr ambivalent ist: Man wollte den Film auf der einen Seite nicht gut enden lassen, allerdings wollte man ihn auch nicht wirklich schlecht enden lassen, was dann zu einer etwas unbefriedigenden Lösung führt. Dennoch kann auch das Ende nicht verhindern, dass man Das Waisenhaus als absolut gelungenes Grusel-Drama in Erinnerung behält. Definitiv sehenswert!

Fazit:
Das Waisenhaus orientiert sich an vielen Stellen sehr am grandiosen visuellen Verständnis von Produzent Guillermo del Toro, was zu wirklich atemberaubend schönen Bildern führt. Auch ansonsten ist der Film eine rundum gelungene Abwechslung zum Horrormüll aus Hollywood, und weiß auf vielen Ebenen zu gefallen: Die Story ist intelligent durchdacht, und mit präzisem Gespür vorgetragen, sodass sich der Film nicht selbst auf eine Aneinanderreihung von plumben Schockmomenten reduziert. Überhaupt fällt auf, dass sich Das Waisenhaus sehr an eher klassischen Gruselfilme orientiert, und so vor allem viel Wert auf eine unglaublich dichte Atmosphäre legt. Doch das soll keineswegs heißen, dass man als Zuseher eine ruhige Kugel schieben kann: An vielen Stellen läuft es einem so kalt über den Rücken wie schon lange nicht mehr. Freunde von simplen Schockern sollten die Finger von diesem Film lassen, aber allen anspruchsvollen Filmfans, denen nach intelligentem Grusel dürstet sei der Besuch dringend angeraten. Am kürzesten beschreibt man Das Waisenhaus wohl als eine stimmige Mischung aus Pan's Labyrinth und The Others, und somit ist der Film trotz seinen kleinen Schwächen eindeutig empfehlenswert. Jeder der sich gerne auf ein (alp)traumhaft schönes Märchen, voll dunkler Ecken einlassen möchte, der hat in naher Zukunft nur eine Wahl: Das Waisenhaus.

Wertung:
8/10 Punkte

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Erstellt: 10.12.2012