Into the Wild - Die Geschichte eines Aussteigers (2007)

OT: Into the Wild - 148 Minuten - Abenteuer / Drama
Into the Wild - Die Geschichte eines Aussteigers (2007)
Kinostart: 01.02.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Into the Wild - Die Geschichte eines Aussteigers

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Aus irgendeinem Grund scheinen die amerikanischen Kritiker, und vor allem auch die Oscarjury eine besonder Vorliebe für Schauspieler zu haben, die auf dem Regiestuhl Platz nehmen. Von da her war die Überwältigung noch nicht allzu groß, als die ersten begeisternden Kritiken zu Sean Penns viertem Regieprojekt Into the Wild veröffentlicht wurden, und auch zahlreiche, erfahrene Oscarvorhersager den Film auf ihre Listen nahmen. Doch nach dem Abspann ist von dieser Skepsis nicht mehr viel übrig: Into the Wild ist schlicht ein unglaublicher Film. Wunderschön, inspirierend, und vor allem mit soviel Herz, dass man ihn eigentlich nur lieben kann. Kurzum: Ein Meisterwerk.

Christopher McCandless (Emile Hirsch) ist anders als alle anderen Menschen. Obwohl er in einem wohlhabendem Haus aufgewachsen ist, auf der Uni nur gute Noten kassiert, und auch sonst glücklich sein müsste, hat er kein Interesse an diesem Leben. Er will nicht länger als Knecht der Konsumgesellschaft leben, und stattdessen einfach und unbeschwert durch die Lande ziehen und sein Leben richtig genießen. Von seinen Eltern Walt (William Hurt) und Billie (Marcia Gay Harden), die sich während seiner Kindheit ständig gestritten haben, hat er ebenfalls genug. Einzig seine Schwester Carine (Jena Malone) bedeutet ihm noch etwas.

Doch dies ist zu wenig um ihn zu halten, und so zieht er los auf sein großes Abenteur. Die 24.000 Dollar, die er für sein erfolgreiches Studium bekommen hat, verschenkt er an die Wohlfahrt, Geld ist nur Balast auf seinem Weg. Das Ziel liegt ganz im Norden: Alaska, doch bis dorthin ist es ein weiter Weg, auf dem viele neue Freundschaften auf ihn warten. Vom alternden  Hippie-Paar (Catherine Keener, Brian Dierker), über einen sympathischen Farmarbeiter (Vince Vaughn) und einer sexuell aufreizenden Versuchung (Kristen Stewart), bis zu einem alten Witwer (Hal Holbrook). Doch sie alle sind nur Stationen auf Christophers Weg zu sich selbst...

Sean Penns Into the Wild basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jon Krakauer, welcher wiederum auf der wahren Geschichte von Christopher McCandless basiert. Es ist an dieser Stelle unumgänglich zu sagen, dass der wahre Christopher McCandless wohl einen leichten Sprung in der Schüssel gehabt haben muss, um sein Abenteur in diesen Maßen durchzuziehen. Into the Wild hält sich aber erst gar nicht lange mit den negativen Eigenschaften seiner Hauptfigur auf, sondern Regisseur Sean Penn versucht ein einfühlsames Verständnis für seinen Protagonisten aufzubauen. Es ist allerdings nicht so, dass dies dem Film schaden würde, und wer sind wir auch um über das Leben eines anderen Menschen zu urteilen?

Christopher McCandless war Idealist und Konsumgegner, und mit seinem Ausstieg hat er sich voll und ganz auf seinen Lebensstil eingelassen, und hat sich seiner Überzeugung hingegeben. Er ist ein Zivilisationsausteiger und Abenteurer, wie sie unsere Gesellschaft heutzutage eigentlich gar nicht mehr kennt. Ein moderner Christoph Kolumbus, der für ein normales Leben nicht geeignet ist. Wie er selbst sagt, muss man in einer Gesellschaft, in der es keine unentdeckten Plätze mehr auf den Landkarten gibt, einfach die Karten weglassen, und kann alles für sich neu entdecken.

Into the Wild beginnt mit Christophers Ankunft in Alaska, dem finalen Kapitel seines Abenteuers. Dort findet er schon bald den sogenannten Magic Bus, in dem er sich häuslich einnistet, und der somit fortan das Zentrum seines Alaska Trips ist. Am Ziel seiner Reise angelangt, reflektiert Christopher über sich selbst und sein Leben. In ausserordentlich poetischen Tagebucheintragungen rekonstruiert er den Weg bis dorthin, und versucht sich selbst besser zu verstehen. Into the Wild nutzt dieses Ende der Reise als Fixpunkt aus, um von dort aus in Rückblenden Christophers Weg zu zeigen, und auch immer wieder an diesen Punkt zurückzukehren, und paralell zu den Rückblenden auch die Geschichte im Magic Bus fortzuführen.

Die wahre Qualität des Films offenbart sich vor allem in der Reise, die Christopher antritt um zu sich selbst zu finden. Diese Reise ist dabei nicht nur eine leichtfüßige Abenteur-Unterhaltungsstory, wie sie der Trailer teilweise suggeriert, sondern ein metaphysischer Trip auf persönlicher Ebene. Es ist schwer das Gezeigte in Worte zu fassen, aber wenn man so will, dann ist Into the Wild das auf phillosophischer Ebene, was Forrest Gump auf politischer Ebene war: Ein unfassbar schönes, persönliches Abenteuer, das nicht nur für höchstmögliche Unterhaltungswerte sorgt, sonder gleichsam Herz und Hirn mitbelastet.

Die Abenteuerreise Christophers ist dabei relativ deutlich in verschiedene Kapitel eingeteilt, wie es eben auch schon der sehr in Stationen aufgebaute Forrest Gump war. Und gerade in diesen kleinen Seitenfäden, die einen Teil von Christophers Lebensstrang bilden, zeigt es sich warum Sean Penn ein solch großartiger Regisseur ist. Mit unglaublicher Liebe zum Detail, und mit präzisem Verständnis für seine Hauptfigur erzählt er dessen Lebensweg nicht bloß nach, er wühlt sich tief in ihn rein, und versucht dies alles für den Zuseher greifbar zu machen.

Nebenfiguren sind nicht, wie in vielen anderen Filmen, dazu da um Abwechslung in die Geschichte zu bringen, sondern sind mit viel Herz gezeigte Figuren, von denen keine einzige zu kurz kommt. Von Oberflächlichkeit ist nichts zu sehen, sondern jede einzelne Figur bekommt genauso viel Zeit wie sie zur Entfaltung benötigt, und man interessiert sich für alle Nebenfiguren und ihr Schicksal, nachdem Christopher sie verlässt, genauso wie für den Hauptcharakter selbst. Sean Penn schafft es ein filmisches Universum zu erschaffen, das genauso vielfältig, wunderschön und doch komplex wie das Leben selbst ist.

Als erstes trifft er auf ein gealtertes Hippie Ehepaar, welches Christopher ein Stück auf seinem Weg begleitet, und ihm die rustikale Romantik und das tiefe Verständnis für eine lange Liebe vermittelt. Sein Weg führt ihn weiters zu einem Job auf einer Farm, wo er den sympathischen, gewitzten, aber leider vom FBI verfolgten Vorarbeiter (gespielt von Vince Vaughn) ins Herz schließt. Natürlich gibt es noch weitere Stationen, wie zum Beispiel ein herrlich schräges Liebespaar, aber es ist hier auch gar nicht das Ziel sie alle aufzuzählen. Lediglich einer soll noch besonders hervorgehoben werden: Hal Holbrook liefert mit seiner Darstellung des langsam am Lebensende angelangten Witwers, eine der beeindruckendsten Vorstellungen des Films, was bei diesem durch die Bank überwältigend spielendem Cast ein großes Lob ist. Hauptdarsteller Emile Hirsch ist schließlich eine Klasse für sich, und man hätte ihm kaum zugetraut diese Figur mit solch einer federleichten, aber dennoch präzisen, Wucht zu spielen.

Eingefangen wird das Szenario in schier unglaublich schönen Bildern, die sich, gemeinsam mit den Aufnahmen in No Country for Old Men, an die Spitze der schönsten Bilder des Jahres setzen. Die poetischen, fast schon erschlagend schönen Aufnahmen der Natur sind einfach so ziemlich das schönste, was seit langer Zeit über die Leinwänder unserer Lichtspielhäuser geflimmert sind. Was Sean Penn weiters als großen Künstler auszeichnet ist, dass er diese gigantische Kraft der Bilder nicht einfach so als Dekoration verpulvert, sondern quasi als verlängerten Arm der Geschichte einführt. Sei es die reissende Strömung, die Christopher bezwingen muss, oder einfach nur die erdrückend schöne Landschaft Alaskas, stets verdeutlichen die Bilder welche gigantische Aufgabe sich Christopher eigentlich umgehängt hat. Und wenn dann schließlich ein ausgehungerter Bär, auf den nicht weniger ausgehungerten Christopher trifft, und sich die beiden einen verzweifelten Augenblick lang gegenüber stehen, dann ist das ohnehin pure Kinomagie.

Into the Wild ist zweifellos eines der ganz großen filmischen Highlights dieses Jahres. Der Film ist höchst inspirierend, und ermutigt den Zuseher sein Leben wieder mehr zu genießen, und bewusster zu leben. Seine phillosophische Botschaft, und seine tiefsensible Geschichte sind schlicht überwältigend, und wer nach diesem unglaublich berührenden Ende nicht von Into the Wild gefangen ist, der muss wohl ein Herz aus Stein haben. Ganz nebenbei verfügt der Film noch über eine musikalische Kulisse mit Ohrwurmgarantie und technische Makellosigkeit auf jeder Ebene. Gibt es einen Grund diesen Film auszulassen? Definitiv nicht. Into the Wild ist ein Meisterwerk!

Fazit:
Sean Penn zeigt mit seinem vierten Regieprojekt Into the Wild, dass er nicht nur ein grandioser Schauspieler, sondern auch ein unglaublich talentierter Regisseur ist. Seine Aussteigerstory ist über alle Maße inspirierend und erfrischend, und zeigt das Leben in seiner ganzen Schönheit und in all seinen Facetten. Jeder einzelne Nebencharakter bekommt genug Raum um sich zu entfalten, und Christopher McCandless Lebensgeschichte wird als atmosphärisch unglaublich dichtes, persönliches Abenteuer, auf die Leinwand gebracht. Das Ende schließlich führt Christopher zu einer finalen Erkenntnis, und fügt sich als weiteres überzeugendes Element in diesen rundum geglückten Film ein. Hinzu kommt eine Score mit Ohrwurmgarantie und die vielleicht schönsten Bilder des Jahres. Ein Film mit Herz, Humor und Verstand. Vor allem aber ein ausserordentlich weises Plädoyer dafür, das Leben in jeder Sekunde auszukosten.

Wertung:
10/10 Punkte

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Ø Wertung: 8.1/10 | Kritiken: 2 | Wertungen: 83
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