Leviathan (2014)

OT: Leviafan - 140 Minuten - Drama
Leviathan (2014)
Kinostart: 13.03.2015
DVD-Start: 15.01.2016 - Blu-ray-Start: 15.01.2016
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Filmkritik zu Leviathan

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Leviathan ist zugleich biblisch und modern, archaisch und zeitgenössisch. Er kann sowohl als Allegorie als auch als Anprangerung der (russischen) Gesellschaft funktionieren. Nicht als strikte Kritik der russischen Regierung gemeint, nimmt er eine paradoxe Zwischenposition ein und lässt seine Interpretation für uns offen. Wider Erwarten beruht die Geschichte nicht auf einer Begebenheit, die sich in Russland abgespielt hat, sondern wurde von einem amerikanischen Fall inspiriert: Nachdem der aus Colorado stammende Marvin Heemeyer ein Kaufangebot seines Grundstücks abgelehnt hatte, wurde ein Zaun errichtet, der den Zugang zu seinem Grundstück und somit zu seinem Reparaturbetrieb blockierte. Frustriert nach jahrelangen Streitigkeiten rund um den Bebauungsplan und in die Ecke gedrängt, riss er mit einem zu einem Panzer umfunktionierten Bulldozer unter anderem das Rathaus seiner Stadt ein und kam dabei selbst ums Leben.

Auch der Protagonist Kolja (Aleksey Serebryakov) in Leviathan ist ein Automechaniker. Er lebt mit seiner kleinen Familie in einem idyllischen Haus im Norden Russlands, dessen Grundstück der korrupte Bürgermeister Vadim (Roman Madyanov) für einen Repräsentationsbau angedacht hat. In einem Rechtsstreit engagiert Kolja einen befreundeten Anwalt aus Moskau (Vladimir Vdovichenkov) und kämpft gegen seine Enteignung. Durch schriftliche Beweise der kriminellen Machenschaften des Bürgermeisters wollen sie diesen entlarven und bekämpfen. Doch der Politiker nutzt seinen Einfluss und seine Macht, um eine Intrige gegen Kolja anzuzetteln.

Der vielfach preisgekrönte russische Regisseur Andrey Zvyagintsev (The Return – Die Rückkehr, Die Verbannung, Jelena) gewann auch für seinen vierten Spielfilm nicht nur den Preis für das beste Drehbuch in Cannes, sondern wurde mit etlichen anderen Preisen ausgezeichnet und war außerdem in verschiedenen Kategorien für den europäischen Filmpreis, die goldene Palme und für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert.

Leviathan erzählt eine weniger optimistische Geschichte von David und Goliath. Der Film ist eine Anlehnung an das Werk Leviathan von Thomas Hobbes, das der Geschichte des biblischen Seeungeheurs Leviathan, der jeglichen menschlichen Widerstand zu brechen weiß, einen politischen Rahmen innerhalb der absolutistischen Herrschaft gab. Zvyagintsevs Leviathan ist eine Variation und Aktualisierung der etlichen Geschichten von Selbstjustiz, die sich beispielsweise in Literaturklassikern wie Kleists Michael Kohlhaas und im Ansatz auch bei Dostoevskij wiederfinden und die durch aktuelle Fälle wie dem des Amerikaners Heemeyer von 2004 gestützt werden. All diese Verbindungen zu biblischen, literarischen und philosophischen Gedankenfiguren machen Leviathan zu einer starken Erzählung: einerseits universal und andererseits zutiefst geprägt von der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Es ist die bekannte Geschichte des kleinen Mannes gegen den Riesen und zugleich die Geschichte von einem der sein Schicksal herausfordert, also eine Variation der Geschichte Hiobs.

Leviathans politische Anspielungen sind raffiniert und subtil. In einer Szene sehen wir im Fernseher, der im Hintergrund läuft, Pussy Riot; auch auf Putin wird in einer Szene angespielt: als die Porträts sowjetischer Führer und russischer Präsidenten als Zielscheiben für Schießspiele dienen sollen, fragt einer enttäuscht „Und die neueren Führer?“ - „Da fehlt uns noch die historische Distanz“ antwortet ein anderer. Die Hoffnung auf klare politische Statements zur russischen Regierung ist vergeblich: immer wieder entgleitet Leviathan einer Stellungnahme. Mit Putin-Bashing ist hier nicht zu rechnen. Das hindert Zvyagintsev jedoch nicht daran, fröhlich ein Russland-Klischee nach dem anderen auszupacken und sie auf kluge Art und Weise dem westlichen Publikum mit einem Augenzwinkern zu präsentieren. Bereitwillig nehmen wir unser Russland-Bild, eine selbsterfüllende Prophezeiung, als bestätigt an. Umso ironischer die Tatsache, dass die Geschichte eigentlich eine amerikanische ist.

Fazit:
Leviathan ist ein Film, der lange im Gedächtnis bleibt: fesselnd, atemberaubend, bildgewaltig. Trotz der offensichtlichen Verankerung in der Bürokratie des 21. Jahrhunderts und dem massivem VodkaKonsum der Hauptfiguren während des ganzen Films gleicht Leviathan einer antiken Tragödie, innerhalb derer der Automechaniker Kolja als tragischer Helden erscheint, dessen Schicksal vorbestimmt scheint. Nicht nur seine Länge machen Zvyagintsevs Film zu einem epischen Werk, Leviathan ist von einer biblischen Wucht. Diese Wucht ist wie bei Hobbes nicht Gottes Zorn, sondern die Laune eines Mächtigen, eines Herrschers – in Leviathan die eines allmächtigen Oligarchen, der seine Plagen auf den Verfluchten regnen lässt.

Wertung:
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Filmering.at
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