Mr. Turner - Meister des Lichts (2014)

OT: Mr. Turner - 150 Minuten - Biographie / Drama
Mr. Turner - Meister des Lichts (2014)
Kinostart: 21.11.2014
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Mr. Turner - Meister des Lichts

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Manchmal spuckt J.M.W. Turner auf die Leinwand, weil eben nur sein Speichel genau die richtige Konsistenz hat, die es braucht, um die Ölfarbe zu verschmieren und den wolkigen Look zu erzeugen, der seine Malerei so charakteristischerweise einhüllt. Dann tritt er einen Schritt zurück, um sein Gemälde zu betrachten und grunzt, weil er das oft tut – ein leichtes Grunzen, um seine Zustimmung auszudrücken, ein tieferes seinen Unmut.


Mr. Turner ist eine Wildsau in der viktorianischen Kunstszene, zu einer Zeit, da er bereits Ruhm und Anerkennung erfährt und genügend Geld verdient, um – widerwillig, aber doch – neidvoll verbitterten Kollegen wie Benjamin Robert Haydon, der von seiner Kunst nie leben konnte, auch einmal Geld zu leihen und ihnen dann diese Schuld zu erlassen. Ansonsten ist Turner nach außen rau und grimmig, innerlich aber zerreisst ihn der Weltschmerz manchmal fast.


Eine Künstlerbiografie birgt immer die Gefahr, Klischees zu reproduzieren und sich nur innerhalb stereotyper Schablonen zu bewegen, doch Mike Leigh, der mit „Topsy Turvy“ (1999) schon einmal ein Period-Piece in Englands Theaterszene gedreht hat, erfasst in diesem Film so viele Details, dass die theoretisch-narrative Ebene des Films beinahe fühlbare Textur bekommt. Gleichzeitig behält er einen abgeklärten Blick auf die Figuren vor dem Hintergrund bestimmter gesellschaftlicher Konventionen und soziopolitischer Entwicklungen. Ohnehin: „Das Betrachten von Kunst ist keine Gelegenheit, um zynisch zu werden“, sagt ein aufstrebender Kunst-Sammler-Dandy im Film einmal. Visuell gleicht der Film durch die Arbeit von Kameramann Dick Pope selbst manchmal zum Leben erweckten Gemälden; in einer brillanten Einstellung etwa sieht man eine verwischte Landschaft und erst als sich die Kamera langsam zurücknimmt, erkennt man, dass Turner hier tatsächlich in der Natur steht. Die Fusion der künstlerischen Kreativität Turners mit der filmischen Sprache, in der sie hier beschrieben wird, eröffnet schließlich auch eine Dimension, die in Turners innere Tumulte blicken lässt. Timothy Spall spielt diesen „alten Wilden“ mit großer Präzision in kleinen Gesten und mit einer inneren Haltung zwischen Widerstand und Ergebenheit. Leighs Einstellungen expandieren und reduzieren sich jeweils mit dem Raum, den ein abwechselnd sich ausdehnendes und in sich zusammen fallendes Künstlerego atmet.


Turner erlebt in einer Szene die Anfänge von Kritik, auch im Sinne einer Kunstform: Durch eine Theaterposse bekommt er erstmals einen Eindruck davon, wie er und sein Werk rezipiert werden: zu diesem Zeitpunkt negativ und ihn lächerlich machend. Turner ist ein einsamer Mensch, der das Allein-Sein trotzdem nicht ertragen will; wirklich altruistisch handelt er dennoch nie. Er ist auch ein einzelgängerischer Künstler, nicht nur, weil ihn die akademische Szene an den Rand drängt; Turner lässt sich im Schneesturm auf hoher See an einen Schiffsmast binden und leidet danach wochenlang an Bronchitis. „Zerrüttete Schiffe“, wie sie seine zornige Ex-Frau einmal beschreibt, sind Turners künstlerisches Hauptmotiv, und als er während einer Ausstellung einmal seinem eigenen, in gedeckten, kühlen Farben gehaltenen Bild von treibenden Segelbooten eine knallrote Boje hinzufügt, in dem er den Roten Fleck einfach mit seinen Fingern darauf drückt, wird dies von den „kunstverständigen“ Anwesenden als spitzer Angriff auf den nebenan impressionistisch arbeitenden Kollegen verstanden, auch, weil es Turner zugeschrieben wird, den romantischen Impressionismus vorbegründet zu haben. // Alexandra Zawia

Bei seiner Premiere im Wettbewerb in Cannes am Donnerstag wurde der Film von der Kritik sehr wohlwollend aufgenommen und auch Mike Leigh zeigte sich beim Gespräch mit den Journalisten gut gelaunt. Mit Ken Loachs neuem Film „Jimmy Hall“ ebenfalls im diesjährigen Wettbewerb, konkurrieren zwei britische Regisseure um die Goldene Palme.

Wertung:
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Filmering.at
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