Winterschlaf (2014)

OT: Kis uykusu - 196 Minuten - Drama
Winterschlaf (2014)
Kinostart: 20.02.2015
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Winterschlaf

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In einer der einprägsamsten Szenen in Nuri Bilge Ceylans „Winter Sleep“, fährt Aydin (Haluk Bilginer) in der zugeschneiten pittoresken Einöde Kappadokiens an einem bisher unentdeckten Ortsschild vorbei. Sein Assistent muss das Auto auf der Anhöhe zurückschieben und anhalten, und dann ist es, als täte sich ein Vorhang auf, der ein grausames Schauspiel erahnen lässt. Mit der Kamera blicken wir mit Aydin am Beifahrersitz über dessen Schulter die Böschung hinab auf einen bisher von seinem Einfluss verschonten Ort und es ist der einzige Moment, in dem uns Ceylan auf diese Weise zu Aydins Verbündeten macht. Wir wissen nun bereits, wer dieser Aydin ist. Ob wir ihm nun auf die Schulter klopfen oder uns abwenden werden, bleibt uns überlassen.

Nuri Bilge Ceylans Film, der beim diesjährigen Filmfestival in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, ist aktuell, auch im politischen Sinne. 2008 wurde er für „Three Monkeys“ in Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet, 2002 (für „Distant) und 2011 (für „Once Upon A Time In Anatolia“) erhielt er den Großen Preis der Jury.

Wieder im Setting des „anatolischen Outbacks“ aber diesmal ohne roten Faden von Anfang an, beginnt „Winter Sleep“ in einer scheinbaren Idylle: Aydin, ein gepflegter, schlanker Mann Ende Fünfzig, Anfang Sechzig, besitzt in einer kleinen Felsenhaus-Siedlung ein Hotel, in das er sich selbst im Winter gern zurückzieht. Sein Lächeln wirkt gütig, zumindest aber wohlwollend und im Laufe des Films immer überheblicher und sadistischer obwohl es immer dasselbe bleibt. Das Hotel teilt er mit vereinzelten, wie vom Weg abgekommenen Touristen auf Zwischenstation und mit seiner lethargischen Schwester, die – sie weiß immer weniger, warum eigentlich – aus Istanbul hierhergekommen ist, sowie mit seiner schönen und merklich jüngeren Ehefrau.

Je länger wir ebenfalls in diesem Hotel „festsitzen“ und den Gesprächen beim Frühstück oder Nachmittagstee, oder bei den Ausfahrten Aydins mit seinem Assistenten zuhören, desto deutlicher zeichnen sich die Komplexitäten der Charaktere ab und die Strukturen – Macht- und Hierachie-Verhältnisse – zwischen ihnen werden sichtbar.

Aydin ist der Besitzer einiger der knappen Wohnungen in dieser Gegend, in der es keine Arbeit gibt. Sein Geld für die Miete will er trotzdem, so funktioniert das System. 
Aber nicht nur Aydins Mieter sind im Grunde seine Leibeigenen.

Ein ehemaliger Schauspieler, beschäftigt Aydin sich nun als Autor, der moralische Artikel für die Lokalzeitung verfasst. Abseits seines Schreibtischs bleibt er aber tatenlos. Die Diskussionen mit seiner in Ansätzen immer wieder aufbegehrenden Schwester gewinnt er durch intensive Auseinandersetzung und Herablassung, aber niemals ohne scheinbar plausible Argumente. 
Emotionaler ist das Verhältnis mit seiner Frau, die ihre Bestimmung im Organisieren von Wohltätigkeitsveranstaltungen sieht und – je mehr Aydin sie darin belächelt - ein Gutmenschentum pflegt, das nicht minder beängstigende Konsequenzen hat.


Wie unterschwellig die Mechanismen greifen, die eine Diktatur entstehen lassen, ist nur eine brutale Erkenntnis, die „Winter Sleep“ zutage fördert. Wie schnell man Widerstand für Wohlstand – und für Sicherheit - aufgibt, ebenfalls.

„Winter Sleep“ ist ein Film des jüngeren türkischen Arthouse-Kinos, das gesellschaftspolitische Filme gezielt für den Festival-Markt produziert. Religion, Status, Redefreiheit sind Themen, die auch die Figuren in diesem Film debattieren, dieses Mal allerdings unterwandert Ceylan die Schweigsamkeit, die seine Filme sonst prägt: 196 Minuten lang wird hier fast andauernd gesprochen. Danach ist man hellwach. // Alexandra Zawia

Wertung:
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Filmering.at
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