Imagine (2012)

OT: Imagine - 105 Minuten - Drama
Imagine (2012)
Kinostart: 19.06.2014
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Imagine

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Andrzej Jakimowski erzählt in seinem 2012 gedrehten Film „Imagine“ die Geschichte des blinden Lehrers Ian, der an einer Schule für blinde Kinder aus aller Welt das Fach „Orientierung“ lehren soll. Dass er dabei keineswegs die gängigen konventionellen Methoden, sondern durchaus gefährliche und kontroverse Taktiken anwendet, bringt ihm von seinen Mitmenschen gleichermaßen Skepsis als auch Bewunderung ein. Denn Ian zeigt wie man durch Geräusche, Gerüche und das eigene Vorstellungsvermögen seine eigene Wahrheit kreieren und schlussendlich auch „sehen“ kann.

Der blinde Lehrer Ian (Edward Hogg) bewegt sich ohne Blindenstock, welcher ihn als hilflosen Blinden erkennbar machen und ihm so seine Würde rauben würde, durch seine Umgebung. Stattdessen trägt er eine Sonnenbrille und geht zielstrebig seinen Weg, ohne dass seine Mitmenschen Kenntnis seiner Blindheit erlangen. An einer Schule in Portugal will er seine erlernten Fähigkeiten, auch Echoortung genannt, anderen Blinden lehren, um sie ebenfalls von der Abhängigkeit eines Blindenstocks zu befreien. Durch das Schnalzen der Zunge, sowie einer besonderen Aufmerksamkeit für umliegende Geräusche und Gerüche und den Klang, den das Echo von Gegenständen zurückwirft, schafft Ian es ohne fremde Hilfe sein Leben zu meistern. Dass dies nicht ganz ungefährlich ist, zeigen kleine Verletzungen an seinem Körper, die von nicht erkannten Gegenständen, Gräben und ähnlichem stammen.

Vor allem der Leiter der Schule (Francis Frappat) erkennt in Ian bald eine Gefahr für die Kinder und ermahnt ihn mehrmals die riskanten Ausflüge in den Hof der Schule zu unterlassen, sowie einen Blindenstock zu benützen. Doch Ians Methoden wirken vorerst viel versprechend, weshalb vor allem die erwachsene, schüchterne Bewohnerin Eva (Alexandra Maria Lara) Sympathie und Vertrauen zu ihm aufbaut und ihn sogar ohne Blindenstock in die Stadt begeleitet. Durch Ian fühlt sich Eva das erste Mal wie eine begehrenswerte, unabhängige Frau in hohen Schuhen, welche von den Männern ringsum begehrt wird, anstelle der hilflosen, herum geschubsten Blinden, die sie bis dahin für alle rundherum war.

Als Eva durch einen gemeinsamen Ausflug mit dem Schüler Serrano (Melchior Derouet) erkennt, dass Ian sie mehrmals angelogen hat und nun vom Leiter der Schule als potenzielle Gefahr für die Kinder entlassen wird, scheinen Evas Träume von einer möglichen Welt ohne Blindenstock zu zerplatzen. Doch schließlich muss sie erkennen, dass Ians Methoden nicht nur Gefahren in sich bergen, sondern ihr auch ihre längst verloren gegangene Würde zurück geben und zudem eine Wahrheit kreieren, die selbst für sehende Menschen oftmals nicht erkennbar ist, da diese zwar „schauen, aber nicht sehen“ wie Ian es treffend auf den Punkt bringt. Denn man muss sich die Welt herum erst vorstellen können, bevor man sie auch hören und wahrnehmen kann.

Fazit:
„Imagine“ ist ein faszinierender Film über Würde und die Macht der eigenen Vorstellungskraft. Andrzej Jakimowski führt die Zusehenden dabei einfühlsam und bedächtig in die Welt von Menschen ein, die keine Sehkraft besitzen und zeigt deutlich auf, wie die so banal scheinenden Alltagshandlungen für sie zu fast unlösbaren Herausforderungen werden und wie wichtig es für blinde Menschen ist, die eigene Umwelt aufmerksam wahrzunehmen. Durch interessante Kameraeinstellungen (wie beispielsweise einer ungewöhnlich langen Vogelperspektive) werden die Zusehenden dabei selbst zu denjenigen, die sich die „Wahrheit“ vorstellen müssen, denn gezeigt wird sie im Film oftmals nicht. Genauso wenig wie der blinde Ian oder die blinde Eva, kann der/die Zusehende nur vermuten, ob sich ein Hafen oder ein Schiff an dieser oder jener Stelle befindet. Dadurch nehmen die Zusehenden selbst die Rolle der Nicht-Sehenden ein und müssen sich plötzlich auf ihre eigene Vorstellungskraft verlassen. Denn nichts ist gewiss und niemand ist unfehlbar, ganz gleich welcher Nationalität angehörend oder welcher Herkunft, welchen Alters oder Geschlechts, im Endeffekt sind wie alle auf unser Vorstellungsvermögen und das Wahrnehmen unserer Umwelt angewiesen um uns darin zurecht zu finden und fortbewegen zu können. Als Zusehende/r schaut man wie gebannt auf die Leinwand und weiß dennoch in manchen Szenen genau gleich viel oder gleich wenig wie die blinden Charaktere im Film: Genau das macht spannende Filmkunst aus.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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