Der Pate (1972)

OT: The Godfather - 176 Minuten - Mafia / Epos / Drama
Der Pate (1972)
Kinostart: 24.08.1972
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 03.11.2011
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Filmkritik zu Der Pate

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Es ist Sommer, eine fröhliche, gesellige Gemeinschaft vergnügt sich im Garten eines Anwesens. Entspannte Tänze, fröhliche Gesänge, und über allem schwebt ein riesiger Hauch Italien. Und es sind auch die Italiener, die hier das Bild bestimmen, wenngleich wir uns nicht in der alten Heimat, sondern am erklärten Ziel aller italienischer Einwanderer befinden: New York. Es ist die Hochzeit von Connie Corleone (Talia Shire) und Carlo Rizzi (Gianni Russo), und wie man an den zahlreichen Gästen, dem festlichen Ambiente und den großzügigen Gastgeschenken erkennen kann, ist ihr Vater kein Niemand.

 

Doch er ist nicht nur kein Niemand, er ist auch einer der mächtigsten Mafiabosse New Yorks. Don Vito Corleone (Marlon Brando) ist aus Italien geflohen und hat sich durch ein Netzwerk von Gefälligkeiten und vor allem durch kaltblütige Geschäftspraktiken einen Stand in Amerika aufgebaut und dank unzähliger Freunde aus der Politik und dem öffentlichen Leben zu großem Reichtum gebracht. Ein Mann in seiner Position findet jedoch noch nicht einmal an einem solch feierlichen Tag seine Ruhe.

 

Denn nach einer alten sizilianischen Tradition darf er am Tag der Hochzeit seiner Tochter niemandem einen Gefallen abschlagen, und so finden sich zahlreiche Bittsteller an seiner Tür, die ihn um Hilfe bitten. Doch das System des Paten wird durch diese Hilfe, die er anderen anbietet, nur gestärkt. Denn jeder, der sich von ihm helfen lässt, steht dann in seiner Schuld und schuldet ihm wiederum einen Gefallen. Es ist ein perfektes System, das sich über Jahre bewährt hat, und für die italienischen Immigranten ein gelungener Ersatz für die Justiz, die sie so oft im Stich gelassen hat.

 

Neben dem Geschäft ist es vor allem die Familie, die für Don Corleone zählt. Da ist sein jähzorniger Sohn Sonny (James Caan), sein etwas aus der Reihe geschlagener Fredo (John Cazale), der adoptierte Tom Hagen (Robert Duvall) und natürlich der jüngste Sohn der Familie, Michael (Al Pacino). Mit Ausnahme von Michael, der sich immer von den Geschäften des Vaters distanzierte, sind sie alle fest ins Familiengeschäft integriert. Tom Hagen ist sogar die rechte Hand des Don, sein Consigliere. An diesem Tag gibt es Grund zur Freude, denn Michael ist als Held aus dem Krieg zurückgekehrt und bringt seine Freundin Kay (Diane Keaton) mit.

Doch es soll der letzte Tag in diesem verschrobenen, eigenartigen und auf gewisse Weise wunderschönen Familienidyll werden. Denn als Sollozzo (Al Lettieri), genannt “Der Türke”, dem Paten ein Angebot macht, mit ihm ins Drogengeschäft einzusteigen, welches der Don ablehnt, weil er befürchtet, dass er dadurch seine Freunde aus der Politik verlieren wird, die zwar kein Problem mit dem harmlosen Laster des Glückspiels haben, aber ihm das schmutzige Geschäft des Drogenhandels verübeln, macht Sonny einen folgenschweren Fehler.

Denn er zeigt Interesse, als Sollozzo von den vertraglichen Bedingungen erzählt. Diese kleine Feinheit, die im normalen Geschäftsleben wohl kaum für Auswirkungen gesorgt hätte, bringt das gesamte Gleichgewicht der Mafia ins Schwanken. Denn Sollozzo verübt mit der Hilfe einer anderen Mafiafamilie einen Anschlag auf den Paten, in der Hoffnung, dass schließlich Sonny an die Macht kommt, mit dem er Geschäfte machen kann. Doch Don Corleone überlebt den Anschlag, und aus Blutrache kommt es zu einem Krieg der Mafiafamilien. Als es hart auf hart kommt, ist es Michael, der die Zügel der Familie in die Hand nimmt…

Was schreibt man über einen Film, der regelmäßig die Toplisten der verschiedensten Kritiker, Filmfans und Medien anführt, und seitdem es die große amerikanische Filmdatenbank Imdb.com gibt, die dortige Top 250-Liste, von kleinen Aussetzern unterbrochen, anführt? Was soll man über diesen Film schreiben, der in einer Zeit des Umbruchs der wahrscheinlich zentrale Film war, der die Kritiker und das Publikum gleichsam üdavon berzeugte, dass aus Hollywood noch immer Meisterwerke kommen können, auch wenn das alte Studiosystem unter seiner Last zusammengebrochen ist? Am besten versucht man einfach ein kleines Stück des Mythos zu ergründen, und nicht festzuhalten, dass Der Pate all diese Listen anführt, sondern warum er dies tut.

Alles beginnt mit dem großartigen Roman von Mario Puzo aus dem Jahre 1969, der sich zu einem weltweiten Bestseller entwickelte und von dem schließlich 20 Millionen Exemplare verkauft wurden. Der Roman besticht dabei weniger durch eine ausgeprägte literarische Stilistik, sondern vielmehr durch das große Talent Puzos, Geschichten zu erzählen, weswegen sich eine Verfilmung natürlich sehr anbietet. Francis Ford Coppola war es schließlich, der das Potential erkannt hat, es gemeinsam mit Puzo in Drehbuchform gebündelt hat, und schließlich das Ganze auf die Leinwand brachte.

Dabei hat man es überraschend gut geschafft, das Wesen des Romans beizubehalten, und musste nur einige kleine Nebenhandlungen kürzen, die sich vorwiegend um die Charaktisierung der Nebenfiguren bemühten, mit einer einzigen Ausnahme: Denn der lange Rückblick in Vitos Vergangenheit, der von seiner Flucht nach Amerika und seinem Aufstieg zum Verbrecherboss handelt, ist im Roman bereits vorhanden, wurde aber filmisch gesehen auf den zweiten Teil der Trilogie ausgelagert. Der Grund dafür ist, dass es zeitlich wohl eine Unmöglichkeit gewesen wäre, diesen epischen Rückblick standesgemäß in das ohnehin schon äußerst dichte und facettenreiche Geflecht dieses Films einzufügen.

Was Der Pate nun so besonders macht, und was ihm auch im Gangstergenre einen besonderen Stellenwert einräumt ist, dass man als Zuseher ausschließlich einen Blick von innen auf die Mafia wirft. Es ist nicht wie in Goodfellas so, dass die Hauptfigur zunächst den Wunsch hegt, dabei zu sein, und es ist auch nicht so wie in Donnie Brasco oder ähnlichen Filmen, dass die Hauptfigur ein verdeckter Ermittler ist. All diese Ebenen werden in Der Pate bewusst außen vor gelassen, sodass man sich ganz auf das zentrale Thema des Films konzentrieren kann.

Und dieses Thema ist nicht unbedingt das Verbrechen, das von Coppola übrigens herrlich als schmutziges Geschäft skizziert wird, in dem er die Drahtzieher als charismatische Führungsfiguren zeichnet, die mehr an dunkle Senatoren als an Ganoven erinnern. Denn obwohl das Verbrechen nicht zu kurz kommt, ist doch das Hauptaugenmerk die Familie bzw. der eigenwillige Stand der Familie in dieser Gemeinschaft, und natürlich der kulturelle Umkreis der italienischen Immigranten. Dieser wurde gar so gut beschrieben, dass viele Mafiosi angaben, dass Der Pate ihr Lebensgefühl ganz genau wiedergibt.

Dieser eigenwillige Bezug zur Familie übt auch einen großen Reiz aus. Sie ist das Zentrum des Films, Antrieb und Motor der Geschichte und bietet auch interessante Ansatzpunkte, um den Film zu reflektieren. Denn obwohl die Familie scheinbar alles ist und sich die Mafiosi in einen beispiellosen Strudel der Gewalt manövrieren, ausgelöst durch gegenseitige Blutrache, scheint sich besonders der Bezug zur Frau als höchst eigenartig hervor zu tun. Michael beispielsweise scheint in Kay verliebt zu sein, doch als er nach Sizilien flieht um sich zu verstecken, verliebt er sich in Appolonia (Simonetta Stefanelli), heiratet sie, und nachdem sie bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen ist, hat er auch keine Skrupel erneut zu Kay zurück zu kehren.

Die Frau spielt in diesem Film überhaupt nur eine sehr untergeordnete Rolle. Es ist eben Teil der konservativen italienischen Mentalität und natürlich der Mafia generell, dass der Mann im Mittelpunkt steht, und somit ist Der Pate, der als Spiegel dieser kulturellen Welt fungiert, kein Vorwurf zu machen. Besonders weit geht dies zum Beispiel mit Vitos Frau, von der man noch nicht einmal den Namen erfährt, und zur Spitze getrieben wird der Konflikt zwischen Mann und Frau dann erst im zweiten Teil.

Der wahrscheinlich interessanteste Aspekt an der familiären Ebene von Der Pate ist dabei wohl die Wandlung von Michael Corleone, ein klassisches Vater/Sohn Thema. Zu Beginn steht er noch außerhalb der „Familie“. Als Einziger soll er nicht das Schicksal der Corleones teilen. Sein Vater sieht ihn in einem höheren Posten, vielleicht als Senator. Es wirkt gar so, als würde er die Familiengeschäfte missbilligen, wenn er mit Kay darüber spricht. Doch natürlich soll alles anders kommen: Durch die Umstände getrieben wird er doch auf den Platz gedrängt, den er immer vermieden hatte. Er wird die Nachfolge seines Vaters antreten, und er wird ein würdiger Nachfolger werden. Mit messerscharfem Verstand und Skrupellosigkeit ausgestattet passt er perfekt in die Position, gegen die er sich immer gewehrt hatte.

Dabei ist es höchst interessant, dass der titelgebende Pate Don Vito Corleone nicht die Hauptfigur des Films ist. Denn diese Position gebührt Michael, dessen ambivalenter Charakter klar der Mittelpunkt der narrativen Ebene ist. Doch es hat schon seinen Grund, warum Vito Corleone das Filmplakat ziert, seine Person dem Film seinen Titel gibt und Marlon Brando den Oscar als Bester Hauptdarsteller erhalten hat. Denn obwohl er nicht die Person ist, um die sich die Geschichte dreht, so ist er doch der Dreh- und Angelpunkt des Films.

Denn Marlon Brando ist eine Ikone, ein Meister der Schauspielkunst und ein großer Künstler und er versteht es perfekt, diese Figur so denkwürdig zu spielen, dass sie über den ganzen Film ihren Schatten wirft. Durch bedächtige Mimik, unnachahmliche Ausstrahlung und ein virtuoses akustisches Dialogspiel wirkt Don Corleone wie ein übermenschliches Wesen, das in jeder Szene spürbar ist. Bereits wenn er am Beginn aus dem dunklen Arbeitszimmer auf die erhellte Hochzeitsszene schielt, hat sich uns seine Aura eingeprägt, und wir werden sie den ganzen Film über im Hinterkopf behalten. Somit ist Marlon Brando trotz der geringeren Screentime insofern der prägende Charakter, als wir ihn den ganzen Film über nicht mehr aus den Gedanken verbannen können.

An sich würde diese meisterhafte, unvergessliche und brillante Darbietung von Marlon Brando ja schon reichen, um den Film auf den Olymp der Schauspielkunst zu hieven, aber Francis Ford Coppola meinte es gut mit uns und hat sein Opus Magnum noch mit einer Vielzahl brillanter Nebendarsteller angereichert, die schlussendlich für eine ungeheure Konzentration an schauspielerischem Talent sorgen, das kaum je wieder in einem Film erreicht wurde. Man denke nur an den eigentlichen Hauptdarsteller Al Pacino, der die unglaubliche Ambivalenz seiner Figur auf meisterhafte Weise manifestiert und dabei eine schauspielerische Glanzleistung abliefert, die im zweiten Teil der Reihe wohl ihren Höhepunkt findet. Oder man denke an James Caan, der die Leistung seines Lebens abliefert und als jähzorniger Sonny förmlich an seiner eigenen Wut verglüht, was uns gleich zu seinem grandiosen Gegenentwurf, dem immer ruhigen und besonnenen Tom Hagen, großartig von Robert Duvall gespielt, führt.

Der Pate ist Hollywood von seiner besten Seite, wie es nur ein Sturkopf und Visionär wie Francis Ford Coppola auf die Leinwand bringen konnte. Die Handlung breitet sich vor uns aus wie ein Shakespearestück, voll mit Drama und Tragödie, das opernhafte Sujet verwöhnt uns mit seiner visuellen Pracht und aus filmischer Sicht gibt es aber auch gar nichts zu bemängeln. Francis Ford Coppola hat die perfekte Leinwandversion von Mario Puzos großartigem Roman erschaffen und dafür Bilder gefunden, vor denen man sich verneigen möchte. Und wie die zahlreichen Zitate in unzähligen anderen Filmen belegen hat man das auch gerne getan.

Egal ob es nun Vitos „Angebot das man nicht ablehnen kann“ ist (das übrigens für einen frostigen Moment sorgt, als diese Worte das erste Mal aus dem Mund von Michael kommen), oder der Pferdekopf im Bett. Die meisten werden Teile von Der Pate schon kennen, bevor sie den Film überhaupt gesehen haben, und mit welcher Detailversessenheit sich Coppola um diesen Film gekümmert hat, wird man wohl erst nach mehrmaligen Sehen begreifen können, wenn man all die feinen Subtilitäten entdeckt hat, die sich im Storyaufbau und den Dialogen verstecken. Es würde hier allerdings den Rahmen sprengen, auch nur die Hälfte aller grandiosen Szenen des Films aufzuzählen (alleine bei der Taufszene gerate ich ins Schwärmen), aber dies ist auch gar nicht nötig. Jede Sekunde des Films versprüht pure Kinomagie, und jeder, der den Film noch nie gesehen hat, kann sich glücklich schätzen. Denn er hat einen Film vor sich, der in seiner Brillanz und Schönheit einmalig ist.

Fazit:
Ist es naiv, wenn man einen einzigen Film als den besten aller Zeiten bezeichnet? Ich würde sagen ja, und deshalb will ich Der Pate auch anders beschreiben: Wenn Gott so gemein wäre und alle Filme der Welt bis auf einen vernichten würde, und er mir die Wahl lassen würde diesen einen Film zu bestimmen, so würde ich ohne zu zögern Der Pate nennen. Denn diese gesamte Brillanz an schauspielerischer Größe, dieser virtuose Aufbau der Geschichte und die unglaublichen atmosphärischen Werte sind, zumindest aus meiner Sicht, unerreicht. Der Pate ist auch heute noch großes Kino, das noch nichts von seiner Qualität verloren hat.

Wertung:
10/10 Punkte

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