The Act of Killing (2012)

OT: The Act of Killing - 115 Minuten - Dokumentation / Krimi / Geschichte
The Act of Killing (2012)
Kinostart: 21.02.2014
DVD-Start: 20.02.2014 - Blu-ray-Start: 20.02.2014
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Filmkritik zu The Act of Killing

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Indonesien 1965-66: Musim Parang, was für ein Vorwand genau der „Saison der Hackmesser“ vorausging, um eine politische Verfolgung verheerenden Ausmaßes zu legitimieren, bleibt bis heute im Verborgenen. Das Lächerliche an diesem Vorwand, wobei immer noch spekuliert wird wer tatsächlich für den Putschversuch verantwortlich war, zeigt aber, dass nicht politische Motivation die exzessiven Übergriffe bewirkte, sondern das was wir in der ersten Welt als das pure Böse mythologisieren.

Regisseur Joshua Oppenheimer begriff während des Drehs, dass in Indonesien eine möglichst akkurate Aufarbeitungsarbeit dieser Ereignisse nach wie vor eine Unmöglichkeit darstellt, also begab er sich auf die Seite der Täter, die für ihn Stolz erfüllt vor der Kamera das Morden in einem fiktiven Film nachstellten. Daraus entstand ein Sinnbild davon wie die Opfer – die zwischen 100.000 (offizielle Angaben) und einer Million abgeschlachteter Menschenleben geschätzt werden – im Blutrausch ihrer Peiniger so einfach untergehen konnten.

Die Dokumentation als Kinoerfahrung: Totenstille! Ich kann mich schwer erinnern jemals eine so erdrückende Atmosphäre vernommen zu haben, nachdem das Licht den Kinosaal erleuchtete. Ob Klugscheisser-Kommentare zu denen wir alle uns schon mal haben hinreißen lassen, messerscharfe Beobachtungen, die uns manchmal gelingen oder ein auf das einfachste heruntergebrochenes „toll/weniger toll“-Urteil; man spricht immer über den Film. Wenn auch Gaspar Noes ENTER THE VOID eine ähnliche Schockstarre verursachte, man konnte sich damit trösten, dass es „nur ein Film“ war. Bei THE ACT OF KILLINGs unbequemer Befremdlichkeit, anders als bei Gaspar Noes seelischen Folter-Orgien, kommt der Umstand einer konkret historischen Gegebenheit hinzu.

Ein Dokumentarfilm, der zu so einer Ungeheuerlichkeit fähig ist? Eher ein Film, der in aller Strenge dokumentarische Stilmittel verfolgt – denn, ungeachtet seines Realitätsbezugs, verwischen die Szenen und ihre Übergänge zwischen Arrangement und spontanem Handeln der Protagonisten. Man ist in ihrem natürlichen Habitus und ihrem Spiel verloren und dennoch, keine Spur von Überstilisierung, sondern eine Realität, die uns gänzlich fremd erscheint.

Ihre Vergangenheit wird gesellschaftlich immer noch mit einer furchterregenden Selbstverständlichkeit von einst behandelt. Das mag vielleicht daran liegen, dass die Todesschwadronen unantastbar in einem von Verehrung und Angst erzeugtem Vakuum leben. So vieles gibt es in THE ACT OF KILLING über das sich diskutieren ließe. An allen Ecken brechen Diskursmöglichkeiten auf, die nicht aufgrund von Informationsüberflutung entstehen, sondern überhaupt, weil einem die nötige Selbstsicherheit der so sicher geglaubten Urteilskraft genommen wird. Trotzdem sind die im Vorfeld beanstandeten Befürchtungen, ob Oppenheimers Dokumentarfilm Sympathien für die Killer erwecken könnte, hinfällig. Im desillusionierend facettenreichem Empfindungswechsel zwischen absolutem Ekel und Faszination für das was die menschliche Natur alles aufzubieten vermag, erinnern die Täter selbst an gesichtslose Dämonen, nicht an Persönlichkeiten.

Wir sehen vor allem dem sogenannten Bösen zu, wie es gegen seine Banalität in Friedenszeiten ankämpft. Die Wahrheit wollen sie erzählen, sie bestehen auf die unverfälschte Darstellung, nicht Joshua Oppenheimer betont das, sondern die, die töteten. Wer macht denn jetzt den Film? Er oder die Killer, die er filmt? Tatsache ist, dass ihre Präsenz weder von strahlender Erhabenheit beseelt ist, noch ihre Selbstanalyse zur Aufklärung führt. Anwar Congo, wie auch seine Kameraden, die neben ihm immer noch die Erscheinung des Barbarischen oder Eiskalten vortrefflich unterstreichen, ziehen die Gerechtigkeit des Mordens nicht einen Moment lang in Zweifel. Lediglich Congo erinnert sich manchmal voller Reue daran, in einem der zahlreichen Massaker in die offenen Augen geblickt zu haben als aus ihnen das Leben entschwand. Heuchelei, späte Einsicht? Nein, lediglich unangenehme Begleiterscheinungen. Anwar Congo würde dazu „Berufsrisiko“ sagen oder, dass sich nach fünf hundert Morden doch kein Gefühl der Gewöhnlichkeit einstellt wie beim Zähne putzen etwa.

Ohne entscheidende Momente verraten zu wollen – um zu beschreiben was diesen Film zum großartigen Werk macht, das es ist, reicht es zum einem seine Machart und zum anderen, die erschreckende Allgegenwärtigkeit blutgetränkter Vergangenheit zu betonen. Vielleicht gelang Oppenheimer dieser Geniestreich, weil er bewusst die Kinosprache anwendete.

Fazit:
Angesichts der Uneindeutigkeit zwischen Darstellung, präziser Nachahmung und dem steten Hinweis auf das Kino, ist THE ACT OF KILLING nicht einfach eine Dokumentation; dafür ist er viel zu cineastisch, die Zeichen zu kryptisch, seine Protagonisten auf vielen Ebenen schlichtweg zu unlesbar. THE ACT OF KILLING mutet nicht bloß an ein dokumentarisches Experiment zu sein – es zu sehen bedeutet sich einem Selbstexperiment zu unterziehen. Denn der Film thematisiert, besteht aber nicht auf Vollzug moralischer Vorstellungen von Sünde und Vergebung und spitzt sich nicht zu einem gemachten Wahnsinn zu. Alles was wir sehen, dokumentiert eine (David)-Lynchsche Realität, deren ideologischer Überbau in Worten verwandt sein mag, jedoch in aller Selbstbezogenheit unser Verständnis von allem ausschließt. Wir sind angehalten zu begreifen, dass es etwas außerhalb unserer Vorstellungskraft gibt, das zutiefst surreal und zutiefst menschlich ist und dennoch nicht als abnormale Unmöglichkeit abgetan werden darf. Ein ewig langer Moment des Ausgeliefertseins. Kurz: Eine ganz neue, heftige Erfahrung.

Wertung:
10/10 Punkte

Basagic Igor
Filmering.at
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Ø Wertung: 9.1/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 10
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