Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (2014)

OT: Birdman - 119 Minuten - Komödie / Drama
Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (2014)
Kinostart: 30.01.2015
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

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Mit Birdman gelingt Iñárritu ein Stilbruch. Weg vom bedeutungsschweren, oft episodenhaften Drama, mit tendenziell experimenteller Erzählstruktur, begibt sich der Filmemacher in die Gefilde der Komödie. Anstatt sprunghaft zu erzählen, verfolgt Iñárritu das Geschehen fast schnittlos und widmet sich statt sozial prekären Individuen den SchauspielerInnen in Hollywood. Iñárritu enthüllt die Tragweite der Ambivalenz jener Schauspieler, die ihre Berühmtheit einer großen Rolle in einem Blockbuster zu verdanken haben, die Synonym mit ihrer Person geworden ist und deren bürgerliche Namen ersetzt hat.

Riggan Thomson (Michael Keaton), der bekannt ist für seine Rolle als Comic-Held Birdman (eine Anspielung auf Batman), versucht sich am Broadway. Jahre nach seiner großen Rolle will er der Welt beweisen, dass er mehr ist als ein „Mann im Vogelkostüm“. Er schreibt, führt Regie und spielt die Hauptrolle in seiner Adaptation von Raymond Carvers What we talk about when we talk about love. Die Stimme von Birdman begleitet und kritisiert ihn. Seine Superkräfte sind auch nicht von ihm gewichen (er fliegt und übt Telekinese aus). Seine Tochter Sam (Emma Stone), die frisch aus dem Entzug kommt, ist seine Assistentin, sein bester Freund (Zach Galifianakis) ist sein Manager und Anwalt. Die Schauspielerinnen Laura (Andrea Riseborough) und Lesley (Naomi Watts) erwarten sich einen Karrieresprung durch das Stück. Nachdem ein Schauspieler am Set (scheinbar durch Riggans Verschulden) verletzt wird, springt unerwartet der am Broadway berühmte und berüchtigte Mike Shiner (Edward Norton) ein. Da er bei der Kritikerin der New York Times (Lindsay Duncan), die über das Schicksal aller Broadway-Stücke entscheidet, sehr beliebt ist und außerdem ein herausragender Method Actor ist, erwartet sich Riggan einen großen Erfolg. Mikes Eigenwilligkeit steuert das Stück jedoch in eine Krise. Für Riggan, der sein ganzes Herzblut in das Theaterstück gesteckt hat und mit Anerkennung kämpft, ist es der letzte Rettungsanker.

Inspiriert von Keatons legendärer Rolle als Batman in den 80ern wird die Wandelbarkeit eines Hollywood-Stars verhandelt. Das Aufgebot an SchauspielerInnen ist nicht zu übersehen: Edward Norton, Michael Keaton, Zach Galifianakis, Emma Stone, Naomi Watts und Amy Ryan sind einige der bekannteren Namen. Viele von ihnen spielen SchauspielerInnen, Manager, Bühnenassistentinnen. In allen Figuren steckt zumindest ein Quäntchen ihrer selbst, jedenfalls aber in Edward Nortons und Michael Keatons Rollen. Es fallen Namen von Schauspielern (beispielsweise Robert Downey Jr.), die durch Superhelden-Sequels berühmt geworden sind. In einer surrealen Szene ist einer im Spiderman-Kostüm zu sehen. Der Film spielt mit der Realität, lässt gleichzeitig immer wieder Übernatürliches aufblitzen und ist angelehnt an den magischen Realismus.

Dass wir mit einem ungewöhnlichen Film konfrontiert sind, wird schnell klar: Die Handlung wird begleitet von einem Schlagzeug, das dem Geschehen eine besondere Note verleiht und den Träumen eines Jazz-Drummers entsprungen sein könnte. Die Dialoge sind intensiv und einnehmend, von eruptiven emotionalen Ausbrüchen einzelner Charaktere geprägt. Die von Emmanuel Lubezki (bekannt für seine Arbeit in Gravity und diversen Malick-Filmen) eingefangenen Bilder sind bestechend, einprägsam. Man gewinnt den Eindruck, dass der Film aus einer einzigen langen Aufnahme besteht. Die Kamera verfolgt die SchauspielerInnen von der Umkleide über die verwinkelten Gänge, die Einblicke in das versteckte Geschehen hinter den Kulissen enthüllen, bis hin zur Bühne, wo die Kamera endlich zum Stillstand kommt.

Was man Iñárritu bisher nicht zugetraut hat – nämlich Humor – stellt er in Birdman meisterhaft unter Beweis. Dennoch ist der Film auch eine Tragikomödie: Riggan Thomsons Zwiegespräche mit der fiktiven maskierten Figur, die eine überdeutliche Parodie von Batman ist, enthüllen seine Gespaltenheit: kann er der Welt beweisen, was in ihm steckt oder ist sein Theaterprojekt zum Scheitern verurteilt?

Fazit:
Birdman gewährt cinematographisch und menschlich tiefgehende und exzessive Einblicke, nicht zuletzt durch seine Liebe fürs Detail. Die Performance von Michael Keaton wirkt zunächst zurückhaltend, dann fesselnd, schließlich durch seine gespaltenen Monologe tragend für den Film. Seine Selbstgespräche schwanken zwischen Selbstmitleid, seelischer Gespaltenheit und
Größenwahn. Erwähnenswert ist Emma Stones überzeugender Auftritt und Zach Galifianakis ungewöhnlich ernste Rolle. Überhaupt scheinen alle am Film beteiligten SchauspielerInnen besonders involviert zu sein, die Nebenrollen sind nicht nur dekorativ für die Geschichte, sondern erstklassig belegt und gespielt. Die Meta-Ebenen, die sich in Birdman auftun, funktionieren dank des Engagements der SchauspielerInnen in diesem Film und werden getragen von Lubezkis Umgang mit Licht, Farbe und Bewegung. Von den direkten Anspielungen abgesehen, ist der Film außerdem gespickt mit filmhistorischen und popkulturellen Anleihen. Die unzähligen Referenzen an das Showbusiness, müssen jedoch nicht alle verstanden werden, damit der Film funktioniert. Birdman ist womöglich Iñárritus bester Film. Er erscheint trotz seiner makellosen Brillianz auf cinematographischer und schauspielerischer Ebene, die ihn zu einem starken Kandidaten für den Oscar macht, ungewöhnlich wenig bemüht und leichtfüßig.

Wertung:
9/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 8.4/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 23
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