Das große Heft (2013)

OT: A nagy füzet - 109 Minuten - Drama / Krieg
Das große Heft (2013)
Kinostart: 07.03.2014
DVD-Start: 09.05.2014 - Blu-ray-Start: 09.05.2014
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Filmkritik zu Das große Heft

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Es herrscht Krieg. Zwei dreizehnjährige Zwillingsbrüder (überzeugend gespielt von Lászlo und András Gyémánt) werden von ihrer Mutter (Gyöngyver Bognar) aufs Land zur Großmutter (Piroska Molnár) gebracht, wo sie in Sicherheit sein sollen. Ihre Großmutter, die von den Dorfbewohnern nur „Hexe“ genannt wird, haben sie nie zuvor kennengelernt. Beschimpfungen und Schläge stehen auf der Tagesordnung und auch der Krieg macht vor dem Land nicht halt. Und so beginnen die beiden Brüder alles, was sie erleben, in ein großes Heft zu schreiben und erstellen ihre eigenen Überlebensregeln.

Das große Heft basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ágota Kristóf. Dessen Handlung spielt in einem namenlosen Ort, während eines namenlosen Krieges, bei dem zwei namenlose Zwillingsbrüder die Protagonisten sind. Regisseur János Szász war fasziniert von der Idee einen Kriegsfilm zu drehen, der den Krieg selbst nicht zeigt. Die größte Herausforderung war jedoch die Einfachheit der Geschichte beizubehalten. Im Roman fällt vor allem der prägnante Erzählstil auf. Abgehakte, aber präzise Sätze und Kapitel, die nie über drei Seiten hinausgehen. Ein Stil, der schlicht ist, aber das Verhalten der Figuren und die Geschehnisse dokumentarisch beschreibt und wenig Raum für Interpretation lässt. Die Geschichte liest sich einfach und trocken, für Emotionalität ist hier kein Platz.

Szász hat die Stimmung sehr wirksam eingefangen. Gezeigt werden die Auswirkungen eines Krieges weitab vom Schlachtfeld. Keine offensichtliche Kriegsführung, dafür Armut, Elend und der Überlebenskampf alter und gebrechlicher Menschen, Frauen und Kinder. Einen grausamen Beigeschmack bekommt der Krieg zudem, da er aus Sicht von Kindern geschildert wird, die in eigenen Worten festhalten, wie der Krieg sie verändert. In ausführlichen Tatsachenberichten geben sie die unschöne Realität wider, die sie jeden Tag erleben und werden dabei selbst zu gefühllosen Geschöpfen. Ihr Handeln lässt keine Wertung oder Gefühle zu. Stattdessen agieren sie stets sachlich und akribisch. Im kriegerischen Spielfeld stellen sie ihre eigenen Überlebensstrategien auf. In selbst auferlegten Übungen härten sie ihre jungen Körper ab. Hunger, Hitze, Kälte und Schmerz – was nicht umbringt macht nur härter ist die Devise. Um Unschuldige zu schützen scheuen sie weder vor Erpressung noch vor Mord zurück. Die Zwillinge führen ihren ganz persönlichen Krieg, wobei jeder bösen Tat stets eine moralische Sensibilität zugrunde liegt, an die die Brüder mit größter Überzeugung festhalten.

Die emotionale Distanz, die im Roman vorherrscht ist auch in der Verfilmung deutlich zu spüren. Kameramann Christian Berger (Das weiße Band) zeigt nur wenige Nahaufnahmen. Stattdessen bekommt man Bilder mit Tiefe zu sehen, die Menschlichkeit in all ihren Facetten zeigen. Der Einsatz von natürlichem Licht unterstreicht zudem die Einfachheit und Natürlichkeit der Erzählung. Der Stil des Films ist sehr geradeheraus. Ohne viele Kunstfertigkeiten, die vom Wesentlichen ablenken könnten.

Nichtsdestotrotz hat Szász davon Abstand genommen die Wirklichkeit der Figuren so zu zeigen, wie sie im Roman beschrieben wird. Der Dreck und Gestank im Haus der Großmutter, Sodomie, sexueller Missbrauch – all das wird schlussendlich doch steriler dargestellt als es Krieg und Armut oftmals mit sich bringen. Literatur und Film gehen auch hier wieder einmal getrennte Wege.

Fazit:
Das große Heft ist kein üblicher, actionbeladener Kriegsfilm. Der Blick führt weg vom Schlachtfeld zum Kriegsalltag der Menschen, die daheim geblieben sind. Trocken und sachlich wird die Geschichte erzählt. Emotionen regen sich nur beim Zuseher, der entsetzt ist über die Gefühlskälte, in der die Figuren sich bewegen. Szász bleibt der Vorlage im Großen und Ganzen treu, distanziert sich jedoch noch weiter von der geschilderten Realität im Roman und findet Ausdruck in seiner persönlichen Filmsprache. Schlussendlich bleibt es eine beschwerliche Kriegsgeschichte, die sich vom üblichen Kriegsfilm abwendet und in einfachen Bildern den Siegeszug über Moral und Unschuld erzählt.

Wertung:
8/10 Punkte
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Liste von julian
Erstellt: 16.10.2014