Tödliche Versprechen - Eastern Promises

OT: -  100 Minuten -  Thriller / Drama
Tödliche Versprechen - Eastern Promises
Kinostart: 27.12.2007
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
Will ich sehen
Liste
1966
Bewerten:

Filmkritik zu Tödliche Versprechen - Eastern Promises

Von am

Wenn der Sommer traditionell die Zeit der massentauglichen Blockbuster ist, so sind es im Winter, abgesehen vom gewinnträchtigen Weihnachtsgeschäft, vor allem die qualititiv etwas höherwertigen Filme, die den Kinomarkt bestimmen. Der Grund ist einfach: Jedes Frühjahr findet die prestigeträchtige Oscarverleihung statt, und alle Studios, die einen Film im Programm haben, mit dem sie sich Chancen ausrechnen, heben sich diesen bis zum Jahresende auf, um damit rechtzeitig für die Wahl noch genügend Eindruck bei der Oscarjury zu hinterlassen. Dies gilt selbstverständlich nur für Amerika, aber auch in unsere Kinos schaffen es die betreffenden Filme meist noch im Winter, was jedes Jahr für einige ansprechende Kinotermine sorgt. Eastern Promises konnte sich bereits den wichtigsten Preis beim Toronto Film Festival, den Peoples Choice Award, sichern, und wird wohl auch bei der diesjährigen Awardseason mitmischen. Eines ist jedoch sicher: Entgehen lassen sollte man sich dieses atmosphärische Meisterstück auf keinen Fall.

Als die 14-jährige, schwangere Tatiana (Sarah-Jeanne Labrosse) blutüberströmt in einem Londoner Krankenhaus ankommt, können die Ärzte nichts mehr für sie tun, aber ihr Baby kann gerettet werden. Die behandelnde Krankenschwester Anna Khitrova (Naomi Watts) findet bei der toten Tatiana ein Tagebuch und beschließt es zu untersuchen, um möglicherweise Hinweise auf Verwandte zu finden, die sich um das Baby kümmern können, und ihm so das Schicksal in einem Waisenhaus aufzuwachsen ersparen können. Da das Tagebuch jedoch auf russisch ist, muss sie ihren Onkel Stepan (Jerzy Skolimowski) bitten es für sie zu übersetzen.

Doch dieser zeigt zunächst nur wenig Interesse daran, und so versucht Anna zunächst selbst aus dem Buch schlau zu werden. Bei ihren Untersuchungen entdeckt sie eine Visitenkarte, die sie zu einem russischen Restaurant führt. In der Hoffnung, dort Tatianas früheren Arbeitgeber zu finden, macht sie sich auf den Weg. Im Restaurant trifft sie auf den mysteriösen Semyon (Armin Mueller-Stahl), der ihre Hoffnungen enttäuschen muss, aber nachdem Anna das Tagebuch erwähnt, hellhörig wird, und ihr anbietet dieses für sie zu übersetzen. Doch Anna ahnt nicht in was sie da hineingerutscht ist: Ihr Onkel hat nun doch Teile des Tagebuchs übersetzt, und hat somit entdeckt, dass Semyon der Anführer der Vory V Zakone, der Russenmafia in London, ist, und dass Tatiana von seiner Organisation in die Prostitution gezwungen wurde, und Heroin abhängig gemacht wurde. Semyons Sohn Kirill (Vincent Cassel) ist dabei ebenfalls tief in die Geschäfte des Vaters verwickelt, und der kühle Nikolai (Viggo Mortensen) ist zwar nur Fahrer, aber mit seiner kaltblütigen Ader, arbeitet er sich immer weiter nach oben. Das Tagebuch bietet noch einige Geheimnisse mehr, und so muss sich Anna vorsehen...

David Cronenberg ist ganz einfach ein Meister seines Handwerks, und ein Filmemacher, der sich reichlich wenig um die Massentauglichkeit seiner Filme kümmert. Dies konnte er bereits mit seinen ersten Projekten im Horrorfach unter Beweis stellen, und obwohl er mit seinen Werken wie Die Fliege, oder A History of Violence bereits ein größeres Publikum erreichen konnte, kann man bei weitem nicht von einer Unterordnung, unter das strenge Hollywoodsystem sprechen. Wo Cronenberg draufsteht, ist auch Cronenberg drinnen, und jeder der eine Eintrittskarte für einen seiner Filme löst, kann sich auf einen dunklen Abend, voll ambivalter Hauptfiguren (eines der Leitthemen in Cronenbergs Schaffen), einer intensiven Atmosphäre und vor allem viel Brutaltität einstellen.

Bereits mit seinem letzten Film A History of Violence tauchte Cronenberg in die Welt des Verbrechens ein. Doch die Gangsterwelt wurde in seinem Film nicht ins Zentrum gerückt, sondern tauchte nur als äusserliche Bedrohung auf. Das wichtigste an seinem Film war nur die Hauptfigur und seine Familie, also von den klassischen Mechanismen des Genres war wenig zu spüren. Eastern Promises ist nun die zweite Zusammenarbeit von Cronenberg mit Viggo Mortensen, und erneut trägt diese Zusammenarbeit große, kreative Früchte. Der Unterschied ist schon einmal dadurch gegeben, dass Nikolai die Hauptfigur ist, und diese innerhalb der Gangsterorganisation steht, was den Film theoretisch mehr in Richtung des klassischen Gangsterfilm rücken könnte.

Doch Cronenberg machte gleich von Anfang an klar, dass er nichts von der observierenden Betrachtung einer Gangsterorganisation hält, also man in seinem Film nicht die Abläufe sehen wird, die das organisierte Verbrechen am Laufen halten (wie sie zum Beispiel Martin Scorsese in seinen Gangsterfilmen so herausragend einsetzt). Cronenberg wollte die Figuren ins Zentrum rücken und beleuchten, wie es ist stets ein Leben am Limit zu führen und unter den lebensbedrolichen Umständen in der Londoner Unterwelt ein Schattendasein zu fristen.

Dabei ist zu beachten, dass er nur eine sehr rudimentäre Story erzählt, die eigentlich nur dazu dient um die Figuren durch ihre persönliche Hölle zu schicken. Was Eastern Promises vor allem auszeichnet ist, abgesehen von den grandiosen Schauspielern, vor allem seine intensive und niederdrückende Atmosphäre, die in diesem Punkt alles in den Schatten stellt, was das heurige Kinojahr bis dato zu bieten hatte. Passend zum Thema ist die Stimmung des Films dabei sehr düster und dunkel gehalten. David Cronenberg setzt vor allem auf sehr finsetere und satte Schwarztöne und taucht sein London großteils in ein flächendeckendes Regenszenario, was die melancholische Stimmung des Films noch verstärkt. Ein wahres Gustostück ist Cronenberg allerdings mit seinem Spiel mit Licht und Schatten gelungen. Die Verbrecher sind Schattenfiguren, und als solche werden sie auch inszeniert. Mal tauchen sie gänzlich aus dem Schatten auf, mal werden Teile von ihnen durch stimmig gesetzte Lichtkanten abgedunkelt, und stets erweist sich die Lichtsetzung als stimmungsvoll und wunderschön. Unterstützt wird die Atmosphäre noch durch den wirklich wunderbaren Score von Howard Shore, der die grandiosen Bilder in eine ausgezeichnete Klangkulisse transportiert.

Was Eastern Promises besonders auszeichnet ist, dass der Film obwohl die Geschichte über sehr wenig Wendungen verfügt, und selbst diese Wendungen noch teilweise vorhergesagt werden können, dennoch spannend bleibt, und das filmische Erlebnis nie abflacht. Bereits A History of Violence hatte einen Überraschungsmoment in der Geschichte, der eigentlich gar nicht so bezeichnet werden kann, da man schon sehr früh erahnen konnte, dass die Hauptfigur eine unschöne Vergangenheit hat, aber obwohl man diesen Kniff vorhersehen konnte, blieb die Entwicklung der Geschichte dennoch spannend, da es Cronenberg einfach kann seiner Geschichte einen gewissen mysteriösen Touch zu geben. Auch Eastern Promises verfügt wieder über dieses gewisse Etwas, dass den Film auszeichnet. So wird Semyon als sympathischer alter Mann gezeichnet, aber selbst diejenigen, die noch nicht wissen, dass er der Boss der Verbrecherorganisation ist, werden erahnen können, dass etwas mit dieser Figur nicht stimmt. Armin Mueller-Stahl gibt dieser Figur eine sehr ambivalente Ausstrahlung, und verstärkt wird diese Wirkung noch dadurch, dass seine Greultaten nie gezeigt, sondern nur beschrieben werden, und so im Kopf des Zusehers eine ganz eigene Dimension erreichen.

Und besonders stark spürbar wird dieser Aspekt von Cronenbergs Fähigkeiten erneut bei seiner Hauptfigur: Viggo Mortensen legt seinen Nikolai als coolen, zynischen, und vor allem gnadenlosen Gangster an, der seine Barmherzigkeit scheibar vor sehr langer Zeit verloren hat. Als einziger verzieht er keine Mine, wenn es daran geht eine Leiche unkenntlich zu machen, sprich ihr die Finger abzuschneiden, und ihr alle Zähne auszubrechen. Er kennt die Orte, wo man die unliebsamen Überreste am besten verscherbelt, und ist davon überzeugt, dass Kirill nichts passieren kann, solange er auf ihn aufpasst - und er hat Recht damit. Nikolai ist ein abgebrühter, ruhiger und unterkühlter Gangster den nichts aus der Fassung bringen kann. Doch dies ist er nur oberflächlich, und obwohl er dem Zuseher kein eindeutiges Zeichen gibt, kann man dennoch erahnen, dass irgendetwas in dieser Figur vorgeht. Stets scheint etwas mysteriöses und ambivalentes durch, dass diese Figur in ein anderes Licht rückt. Und einmal vom ausgezeichneten Figurenverständnis Cronenbergs abgesehen, liegt dies ausschließlich an der beinahe übermenschlichen Darbietung Viggo Mortensens. Er erreicht eine unglaubliche Präsenz auf der Leinwand, und stellt erneut unter Beweis wie sehr er sich doch als Schauspieler weiterentwickelt hat. In der englischen Originalversion des Films kommt man ausserdem in den Genuss eines wunderbar erlernten russischen Akzents, der beweist wie sehr sich Mortensen in diese Figur eingelebt hat.

Doch auch alle anderen Darsteller liefern eine mehr als erwähnenswerte Leistung ab. Armin Mueller-Stahl spielt einen subtil bedrohlichen Mafia Patriachen und als sein Sohn Kirill glänzt der, als genaues Gegenteil zu Mortensen angelegte Vincent Cassel. Im Presseheft zum Film wird diese Figur so gut wie möglich auf den Punkt gebracht: Er ist so wie man sich den Sohn von Saddam Hussein vorstellen würde. Ein Mensch der mit großer Macht in der Wiege geboren wird, aber nicht auf langsame Art und Weise gelernt hat mit dieser Macht umzugehen. An vielen Stellen wirkt er wie ein hitzköpfiges kleines Kind, das nicht abschätzen kann, was es gerade anstellt. Als letztes wäre noch der weibliche Part, gespielt von Naomi Watts erwähnenswert, die allerdings daran leidet, dass ihre Rolle bei weitem weniger interessant ist, als die der drei oben erwähnten. Sie dient lediglich als die Person, die den Zuseher in die Welt des Verbrechens führt.

Des Weiteren glänzt Eastern Promises auch noch mit einer der bemerkenswertesten Einzelsequenzen des Filmjahres. Zwar wird es dem Film absolut nicht gerecht, wenn man ihn auf eine einzige Szene reduziert, aber ähnlich wie die Hundejagd in No Country for Old Men, ist diese Szene so bemerkenswert, dass man sie einfach noch zusätzlich herausheben muss. Diese Szene ist der Kampf in der Badeanstalt. Es soll hier nicht näher erläutert werden, wie Nikolai in diesen Kampf gerät, um die Spannung nicht zu trüben, aber dennoch muss gesagt werden, dass diese Szene eine inszenatorische Meisterleistung ist. Wenn sich Nikolai splitternackt gegen zwei, mit Messern bewaffnete Mörder zur Wehr setzen muss, und dabei in einen Blutrausch verfällt, dann hat dies nichts mehr mit einem filmischen Kampf zu tun. Es wirkt, als hätte man wirklich einen Menschen dabei gefilmt, der um sein Leben kämpft, und dabei vor nichts zurückschreckt. Keine möglichst ästhetischen Bewegungen, damit der Kampf gut aussieht, sondern die pure Realität, und ein dreckiger und haarsträubender Kampf.

Eastern Promises beginnt damit, dass einem Russen die Kehle durchgeschnitten wird, und dies ist genau die richtige Einstimmung für das, was noch kommen soll. Es ist ganz einfach essentiell für einen Gangsterfilm, dass er die dunklen Seiten dieses Gewerbes nicht vernachlässigt. Und wenn der Film auch noch von David Cronenberg stammt, dann ist es vollkommen selbstverständlich, dass der Film nicht gerade zimperlich ist. Und auch Eastern Promises ist nichst für schwache Nerven, sondern hält explizit auf alles drauf, was Cronenberg vor die Kamera läuft. Es gibt nur eines, was man an diesem Film bemängeln könnte, und das ist, dass die Story nicht ganz so überzeugend wie die grandiose Atmosphäre, die stimmige Inszenierung und vor allem die atemberaubenden Darsteller ist. Die Geschichte selbst ist kompakt und direkt, ohne große Umwege, und obwohl sie somit der einzige kleine Makel an diesem meisterlichen Film ist, kann es auch einmal etwas schönes sein einen straighten und schlanken Film zu sehen. Eastern Promises ist definitiv ein Pflichttermin!

Fazit:
Eastern Promises ist mit Sicherheit einer der ganz großen Filme des Jahres. Regisseur David Cronenberg legt weniger Wert darauf die genauen Mechanismen des organisierten Verbrechens offenzulegen, sondern konzentriert sich sehr auf seine Figuren. Dabei ist er sowohl drastisch in seinen Mittel, als auch subtil in seinem Aufbau. Die Schauspieler agieren allesamt virtuos und besonders Viggo Mortensen empfiehlt sich sehr für einige Awards. Cronenberg ist ein Meister seines Handwerks und dementsprechend wunderschön sieht der fertige Film auch aus. Eastern Promises ist ebenso ein atmosphärisches Meisterwerk, an dem man nur kritisieren kann, dass die Story selbst nicht ganz so grandios wie der Rest ist. Aber das ist meckern auf hohem Niveau, und für alle Filmfans ist Eastern Promises ein Pflichttermin. Die pikante Mischung aus einem großen Teil A History of Violence, gewürzt mit einer kleinen Prise Goodfellas, und einem Hauch Der Pate, ergeben einen der besten Filme des Jahres!

Wertung:
9/10 Punkte

Filmering.at
Community
Ø Wertung: 8.3/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 36
10 /10
11%
9 /10
47%
8 /10
11%
7 /10
28%
6 /10
0%
5 /10
3%
4 /10
0%
3 /10
0%
2 /10
0%
1 /10
0%
Vielleicht interessiert dich auch
Training Day
Die Regeln der Gewalt
Inside Man
Michael Clayton
The Messenger (2009)
Der Biber (2011)
Spieglein, Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen (2012)
Spring Breakers (2012)
Alle Empfehlungen anzeigen
Der Film ist in diesen Listen
Mafia
Liste von hans-dieter
Erstellt: 26.04.2015
Will ich sehen
Liste von Nico
Erstellt: 08.09.2012
Alle Listen anzeigen