Grand Budapest Hotel (2014)

OT: The Grand Budapest Hotel - 99 Minuten - Komödie / Drama
Grand Budapest Hotel (2014)
Kinostart: 07.03.2014
DVD-Start: 05.09.2014 - Blu-ray-Start: 05.09.2014
Will ich sehen
Liste
19602
Bewerten:

Filmkritik zu Grand Budapest Hotel

Von am
Es gibt nur wenige Filmemacher, deren Stil so verfestigt und unverkennbar ist, gleichzeitig aber auch so schwierig fassbar und nicht kategorisierbar wie der von Wes Anderson. Sich zwischen poetischer Melancholie und kindlicher Verspieltheit bewegend, jedoch stets die graue Erwachsenenwelt namens Realität bekämpfend, bricht er eine Lanze fürs Skurrile und für den unendlichen Ideenreichtum, der auch in dem neuesten Produkt namens Grand Budapest Hotel Wellen schlägt. Im Mikrokosmos des US- Regisseurs spielen alle Ebenen zu einem atemberaubenden Ganzen zusammen: Drehbuch, Regie, Ausstattung, Ton und Musik, Akteure, Kamera. Das Resultat ist eigenwillig, skurril, voller magischer Kinomomente und schlägt schon manchmal zum Kitsch über.

Die Geschichte beginnt verschachtelt: Von einer jungen Verehrerin, die das Denkmal eines großen Nationaldichters besucht, springen wir ohne Umschweife zum Autor selbst, der uns im Jahr 1985 seine Geschichte zu den Memoiren „Grand Budapest Hotel“ erzählt. Die Idee für das Werk bekam er als er in den 1960ern eine Reise nach Zubrowka machte und dort auf Zéro Moustafa, den Hotelbesitzer des berühmten Hotels traf, der ihm seine Lebensgeschichte erzählte. Dieser wiederum erzählt uns von der Zeit, in der er ins Hotelgewerbe kam, den 1930ern. Damit sind wir nun endlich in die Zeit der Haupthandlung angekommen: Zéro Moustafa (Toni Revolori) ist ein Lobbyboy und wird vom Concierge Gustave H. (Ralph Fiennes) ins Hotelgewerbe eingeführt. Monsieur Gustave ist ein Concierge der alten Schule, dessen professionelle Hingebung zu den Stammgästen so weit geht, dass er mit der älteren Stammkundschaft schläft, unter anderem mit der 84-jährigen Madame D. (Tilda Swinton!), die kurz darauf stirbt. Daraufhin wird Gustave im Zuge eines Erbschaftsstreits des Mordes bezichtigt und schließlich zu Lagerhaft verurteilt, doch die Geschichte ist damit noch lange nicht zu Ende, denn Gustave ist unschuldig...

Das Grand Budapest Hotel, ein auf einer Bergspitze angesiedeltes zuckerrosa Erholungshotel, ähnelt einer Märchenkulisse. Mit einer Seilbahn gelangt man an diesen einerseits zauberhaften und andererseits befremdlichen Ort. Die für Anderson typische Farbenprächtigkeit, die geometrischen Anordnungen im Bild und der Detailreichtum bestätigen die Magie dieses Ortes, der voll von Überraschungen ist. Mithilfe von Miniaturen und Stop-Motion erschafft Anderson eine verzauberte Welt, die eher an einen Animations-, als an einen Spielfilm erinnert. Die gemalten, farbenfrohen Kulissen und Kostüme erinnern auch an die ursprüngliche animierte Version des Films, die vor der Produktion von Grand Budapest Hotel entstand.

Zubrowka ist ein fiktiver osteuropäischer Staat angelehnt an Ungarn, der in den 30er-Jahren einen repressiven Rechtsruck erlebt. Die pitoresk- malerische Kulisse des Hotels und der alpinen Stadt wird gebrochen durch die politische Realität, die auch Monsieur Gustave und seine Welt, in der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, einholt. Der abrupte Wechsel zwischen komischen und tragischen Szenen macht Grand Budapest Hotel authentisch. Slapstickhafte, komische, absurde Elemente und Übertreibungen gehen in tragische Szenen des menschlichen Scheiterns, Tod und Verlust über. Das Tragische enthält auch immer das Komische und das Komische umgekehrt immer das Tragische, das eine geht nicht ohne das andere und sind nur zwei Seiten ein- und derselben Medaille.

In Wahrheit liegt dieses Gebäude im ostdeutschen Görlitz und war ein Kaufhaus des beginnenden 20. Jahrhunderts, einer Institution, die am Ende des 20. Jahrhunderts ebenso überflüssig und schön ist, wie das Grand Budapest Hotel. Das Drehen an Originalschauplätzen zeichnet den Indie-Regisseur aus Texas aus. Dies und seine Liebe zum Detail prägen den visuellen Stil von Anderson. Dabei nicht in den Kitsch zu verfallen, ist ein Kunststück, das der Regisseur immer wieder vollbringt, und ganz besonders hier. Er macht sich die Aura des Jugendstilgebäudes zu eigen und erweitert sie, haucht ihr wieder neues Leben ein.

Die Tendenz zur Tiefenschärfe und Weitwinkelaufnahme macht die Filme zusätzlich zum Abenteuer für die Wahrnehmung; zu sehen gibt es hier immer genug. Die Ausstattung scheint bis aufs letzte durchkomponiert, die Position jedes Gegenstandes und jeder Person im Bild- nicht ist dem Zufall überlassen. Gleichzeitig verbirgt sich in jeder Szene ein großer Detailreichtum, der das suchend-wandernde Auge beglücken, aber auch ermüden kann. In aller Schnelligkeit werden wir durch alle Winkel des Hotels geführt, wichtige sowie unwichtige gleichermaßen, Luxussuiten und Dienerkammern, überall verbirgt sich etwas. Eine Erzählstimme geleitet uns durch den Alltag und die verborgenen Geheimnisse in Windeseile. Die temporeiche Erzählweise erfordert Konzentration und verlangt ein Auge fürs Detail, das in diesem Film wohl die Hauptrolle spielt. Dass dies zuweilen auch zu viel des Guten sein kann, ist natürlich vorprogrammiert.

Nichtsdestotrotz wird man als eingefleischter Wes Anderson- Fan diesen Film lieben, denn er enthält viele Überraschungen und Skurrilitäten, die das Herz höher schlagen lassen. Die Gastauftritte vieler berühmter Gesichter sind neben den brilliant besetzten Hauptrollen ein weiterer Kunstgriff des US-Regisseur. Welche Rollen Mathieu Amalric, Adrien Brody, Willem Defoe, Jeff Goldblum, Harvey Keitel, Jason Schwartzman, Bill Murray, Tom Wilkinson, Edward Norton, Owen Wilson und Karl Markovics verkörpern, muss man aber mit eigenen Augen gesehen haben. Ein solches Staraufgebot gibt es selten, sogar George Clooney hat einen Miniauftritt. Alle Figuren bekommen ihren Platz in diesem Spiel und stehen fast gleichberechtigt nebeneinander, auch die kleinen Rollen von Willem Defoe und Harvey Keitel bereiten hier große Freude. Den ursprünglich für die Hauptrolle besetzten Johnny Depp wird man hier keineswegs vermissen.

Grand Budapest Hotel ist zum Brüllen komisch, aber für eine Komödie auch äußerst komplex. Er ist Groteske, Actionfilm, Krimi, Abenteuerfilm und Kriegsdrama zugleich. Der Film changiert zwischen drei Zeitebenen und drei damit einhergehenden Bildformaten (er wechselt vom Seitenverhältnis 1.33:1 zu 1.85:1 und 2.35:1). Zum Durchatmen ist relativ wenig Zeit, da die Erzählung ein hohes Tempo an den Tag legt und viel Aufmerksamkeit vom Zuseher abverlangt. Wer aber immer noch nicht genug bekommen kann von dieser Welt, kann hier weiter träumen: http://www.akademiezubrowka.com/.

Fazit:
Wes Anderson und seinem Ausstatter, Kameramann und Ensemble ist ein zauberhaftes, buntes Feuerwerk von einem Film gelungen, das keinem anderen Gesetzen als dem eigenen folgt. Alles ist hier an seinem Platz und auch die großen Stars scheinen in den kleinen Gastauftritten völlig aufzugehen. Grand Budapest Hotel ist wie ein Feuerwerk: für manche ein unnötig lautes, grelles, übertriebenes Spektakel, für andere eine Manifestation der unbändigen Lebensfreude. Der Film scheint geradewegs an Erfindungslust und Detailverliebtheit zu Platzen und kann auch den Zuseher durch seine grellen, bunten Farben und Plotwendungen manchmal in den Wahnsinn treiben. Tatsächlich vorwerfen kann man Anderson hier aber gar nichts, außer unglaublicher Perfektion, in dem, was er macht. Somit ist der nostalgische Film über ein untergehendes Hotel und sein Innenleben ein Meisterwerk, ja vielleicht der beste Film des verspielten US-Regisseurs.

Wertung:
9/10 Punkte
Filmering.at
Community
Ø Wertung: 8.4/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 29
10 /10
10%
9 /10
48%
8 /10
28%
7 /10
7%
6 /10
0%
5 /10
3%
4 /10
3%
3 /10
0%
2 /10
0%
1 /10
0%
Vielleicht interessiert dich auch
Moonrise Kingdom (2012)
Die Tiefseetaucher (2004)
Rushmore (1998)
The Wolf of Wall Street (2013)
Paradies: Liebe (2012)
Silver Linings - Wenn Du mir, dann ich Dir (2012)
Tetro (2009)
There Will Be Blood (2007)
Alle Empfehlungen anzeigen
Der Film ist in diesen Listen
Die besten Filme 2014
Liste von Filmering.at
Erstellt: 11.01.2016
pointred
Liste von bigdarwin
Erstellt: 20.05.2015
Filme
Liste von darwin-82
Erstellt: 20.05.2015
Alle Listen anzeigen