Sickfuckpeople (2013)

OT: Sickfuckpeople - 75 Minuten - Dokumentation / Drama
Sickfuckpeople (2013)
Drehbuch:
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Kinostart: 13.12.2013
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Sickfuckpeople

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„Nach einem kurzen Kennenlernen haben mir die Kinder einen Platz auf einem warmen Rohr voll mit menschlichen Exkrementen gleich neben dem Eingang angeboten. Von dort aus habe ich sie still bei ihren Vorbereitungen beobachtet. Als sie begonnen haben, sich die Drogen zu spritzen, wollte ich mich nur mehr abwenden, schreien, weinen, meine Augen schließen, um all das nie wieder sehen zu müssen. Aber ich habe zugesehen, wie sie die Nadel immer und immer wieder in ihre Venen gestochen haben. Als der Letzte fertig war, hat der Erste wieder von neuem begonnen. Nach einigen Stunden bin ich aus dem Loch gekrochen, hab eine Flasche Schnaps getrunken und wieder erbrochen und wusste, dass ich keine andere Wahl hatte, als diese Menschen zu filmen.“
Regiestatement von Juri Rechinsky

Sickfuckpeople ist ein ungemütlicher, schwer verdaulicher Film - darauf muss man vor dem Kinobesuch gefasst sein; aber schließlich ist auch das Leben für diese Straßenkinder in Odessa kein Zuckerschlecken. Rechinsky begleitet einige dieser verlorenen Gestalten in der Teufelsspirale von Armut und Drogen und schreckt dabei nicht davor zurück, die menschlichen Abgründe dieser Existenzen und auch der Gesellschaft, die für sie keinen Platz mehr hat, zu ergründen. Sickfuckpeople tut erst einmal weh, öffnet aber die Augen für etwas, das sonst im Dunklen geblieben wäre und zwingt zum Hinsehen: Das ist seine größte Stärke.

Juri Rechinsky und seine zwei Kameramänner (Alex Zaporoshchenko und Serhiy Stetsenko) verfolgen eine Gruppe von Kindern bzw. Jugendlichen, die elternlos auf den Straßen Odessas aufwachsen und in einem verwahrlosten Keller wohnen. Ihr Geld, das sie fast ausschließlich für Drogen ausgeben, verdienen sie mit Diebstählen, Betteln und indem sie Metall verkaufen. Sie leben für den nächsten Schuss, der zu ihrem einzigen Lebensinhalt wird. Zwei Jahre später sucht Rechinsky die Jugendlichen ein zweites Mal auf und verfolgt ihre Suche nach neuen Perspektiven: Der eine sucht seine Mutter, die anderen versuchen, eine Familie zu gründen; doch zeigt sich schnell, dass sie von der Gesellschaft gebrandmarkt sind, die, voll von Unverständnis, Zurückweisung und Kälte, ihnen keine andere Möglichkeit bietet als einen Rückfall.

Der Film teilt sich wie ein Triptychon in drei Kapitel: Kindheit, Mutter, Liebe und behandelt damit wichtige Angelpunkte im Leben. Kindheit und Heimat prägen jeden Menschen, ebenso wie die Sehnsucht nach Liebe- unabhängig von Kultur, sozialer Schicht, Nationalität und Alter sind dies übergreifende, zentrale Themen eines jeden Subjekts. Der Wunsch nach Liebe und Familie steht für die Kellergestalten von Odessa aber unter einem schlechten Stern aufgrund von verzweifelter Hoffnung, leerer Versprechungen und uneinlösbarer Vorsätze. Die Wahrheit ist tiefschwarz, erscheint den Protagonisten aber grau: Sie erwachen jeden Tag mit der sicheren Hoffnung auf ein besseres Leben.

Die Bilder von den Straßen Odessas, der verschneiten, weiten und nebeligen Winterlandschaften und des vereisten Meeres sind atemberaubende Lichtblicke, eingefangen von den Kameramännern wie beiläufig inmitten dieses menschlichen Elends und Schmutzes. Die Bildsprache ist auf den zweiten Blick aber auch ein Reflex auf die Tristesse und die soziale Kälte, die dadurch verdeutlicht werden soll. Neben Landschaftsaufnahmen finden sich auch Bilder von Müllbergen, dreckigen Kellerböden, auf denen eine ganze Gruppe von Jugendlichen lebt, schläft und sich Drogen spritzt. Außerdem beengte Wohnverhältnisse, ein immer gleicher sinnloser Alltag - dann wieder kleine Hoffnungsschimmer, die sich schließlich als Illusionen herausstellen. Sickfuckpeople ist ein Gefühlsachterbahnfahrt in die Hölle.

2011 wurde bereits ein gleichnamiger Kurzdokumentarfilm auf Festivals gezeigt um kam schließlich 2013 in einer Langfilmfassung, ausgezeichnet mit dem „Heart of Sarajevo for best documentary film“ beim Sarajevo Film Festival, in die Kinos. Zeigt die Kurzfilmfassung noch das Leben von drogensüchtigen Straßenkindern, geht es in der Langversion vielmehr ums Erwachsenwerden; um Selbstfindung und mögliche Perspektiven bzw. deren Verunmöglichung, um die Ambivalenz zwischen naiver Hoffnungen und zynischer Härte.

Fazit:
Mit Worten lässt sich dieser Film nur schwer beschreiben. Sickfuckpeople setzt ein Gedankenkarussell in Gang, indem er durch seine Kommentarlosigkeit genug Raum Luft lässt für die eigenen Gedanken. Rechinsky lässt seine Protagonisten in der Form zu Wort kommen, in der sie sich artikulieren: In langsamer, sich wiederholender Sprache, oft unverständlich. Das Gesagte wird dann auch so stehen gelassen und nicht mehr kommentiert oder kontextualisiert. So gestaltet sich die Unmittelbarkeit im „Zwiegespräch“ zwischen den Figuren auf der Leinwand und dem Zuseher in einer schmerzvollen Erfahrung, die garantiert keinen kalt lässt. Er zwingt uns, einen Blick zu werfen auf jene Menschen am Rande der Existenz und der Gesellschaft, die wir gerne ausblenden und als schlichtweg anormal abstempeln.

Wertung:
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